On se calme le pompon – Warum Montreal die beste Stadt des Kontinents ist

Dies ist eine waghalsige Behauptung von jemandem, der bei weitem nicht jede Stadt des Kontinents gesehen hat. Der es noch nicht einmal an die Ostküste geschafft hat. Von jemandem, der nicht im feschen Plateau wohnt und schon gar nicht im edlen Outremont. Und noch nicht einmal den gefürchteten Winter überstanden oder das bombastische kulturelle Sommerprogramm mitgemacht hat. Dafür mit einer beachtlichen Anzahl an fettleibigen Waschbären Freundschaft geschlossen hat. Und ständig zwischen den beiden sprachlichen Welten der Stadt hin und her hüpft. Und trotzdem begriffen hat, das dieses Montreal tatsächlich mehr ist als die Summe ihrer Teile. Weder die europäische Vertretung in Nordamerika noch die Essenz Québecs. Und definitiv mehr als die größte Stadt der Provinz, sondern ein kleines Universum für sich selbst in einer separatistischen Enklave mit einer tiefsitzenden Angst vor dem kulturellen Zerfall. Ganz allgemein ist das Québec so etwas wie das rebellische gallische Dorf, das an seiner frankophonen Identität festhält, auf der riesigen anglophonen Flur. Wer in Montreal als anglophone Person kein Französisch spricht, wird als arrogant tituliert und leicht übers Ohr gehauen. Wer kein Englisch spricht, gilt je nach Herkunft als ungebildeter Hinterwäldler oder hochmütiger Franzose. Für Menschen, deren Muttersprache keine von beiden ist, liegt die Toleranzschwelle zum Glück etwas höher. Doch hier gibt es keinen linguistischen Krieg. Die Stadt ist weit entfernt von einer Verschmelzung der Kulturen. Aber es gibt auch keine Ignoranz, keine Koexistenz mit Scheuklappen, kein stummes Aushalten der Andersartigkeit, wie es in New York der Fall ist, wo jeder Block eine neue Welt aufzumachen scheint, aber die Leute angeblich gleichzeitig nicht in der Lage sind, über die Grenzen desselben hinaus zu denken. Ähnliche Verhältnisse herrschen in Toronto – eine Stadt, die sich selbst sehr geil findet.  In dieser Hinsicht ist Montreal wahnsinnig europäisch – es motzt, beschwert sich, mosert und mäkelt. Über Baustellen, das Wetter, was sich in dieser Hinsicht eben gerade anbietet. Während sich Toronto hypt, aber insgeheim von der Gentrifizierung und der seelenlosen, hyperbolischen Eigendarstellung aufgefressen wird. Allgemein ist Toronto ein Klassiker aus der Kategorie: „Man liebt es, man hasst es.“ Nur die lauwarmen und die, die nur auf der Durchreise sind, finden es mittelmäßig. In Montreal sehen sich die Menschen in die Augen. Selbst in der U-Bahn, während sie in Toronto davor zurück scheuen und das dann als Diskretion bezeichnen. Denn Montreal ist für die Studenten, die leidenschaftlichen Liebhaber von Essen, für die Künstler und die, die sich schnell langweilen. Schließlich sprudelt die Stadt fast über vor Möglichkeiten. Toronto ist eine der Städte, über die Menschen bloggen und 20-Gründe-warum-Listen anfertigen. Für die, die in einer angesagten Stadt leben wollen, um am Ende einen Job zu haben, der sie frisst, um sich die Wohnung leisten zu können, die sie kaum betreten, weil sie ja nie zu Hause sind. Außerdem hat Montreal einen Berg mitten in der Stadt. Und ein Igloofest. Eine deutlich erhöhte Kifferdichte. Ein GLBTQ -Kultur-Viertel. Eine beachtliche Musikszene. Eine Untergrundstadt für alle, die das Tageslicht und die Kälte scheuen. Außergewöhnlich freundliche Busfahrer. Legalen Alkoholkonsum in Parks. Demonstrationsfreudige Studenten, die sich gegen übermäßige Studiengebühren wehren. Mehr Schnee als Moskau. Tatsächlich eine Innenstadt, in der es  bezahlbaren Wohnraum gibt. Zugegebenermaßen auch sehr sehr scheußlichen Wein. Aber dafür genügend französische Immigranten, mit denen man genau darüber einstimmig motzen kann.

Große Äpfel

Es soll ja Menschen geben, die schon mal in Stuttgart waren und jetzt der Meinung sind, sie hätten das Konzept Großstadt durchschaut und damit praktisch schon alles gesehen, was die Welt in dieser Hinsicht zu bieten hat. Menschen, die so durchs Leben hoppeln, haben den springenden Punkt noch nicht erfasst. Es geht nicht darum, welche Sehenswürdigkeiten eine Stadt zu bieten hat. Der Eifelturm ist auch nur ein Koloss aus Stahl und Rost. Es geht darum, welche Gefühle sie in einem auslöst, zu welchem Menschen sie einen macht. Welche Facette der Persönlichkeit sie hochkochen lässt. Welche Antworten sie auf die Fragen hat, die man irgendwo zwischen den sauberen Unterhosen mitgebraucht hat. An manchen Orten kann man das vibrierende Nachhallen der Schritte früherer Generationen einfach besser spüren, den Schweiß, der mit in die Häuserfassaden eingegossen wurde, eher riechen. Genau das ist in New York der Fall. In den mit Lineal gezogenen Straßen, die der Gott des Kubismus geschaffen hat und auf denen die Moralphilosophie des Dollars regiert, während man Prosa über Tautropfen auf Metrokartenrückseiten druckt, ist New York ebenso das  Hauptquartier der grauen Herren, die im flackernden Licht der Werbung ständig neue Gestalten annehmen, wie das Reich der anderswo Verstoßenen. Diese Stadt ist weit mehr als eine Stadt. Sie ist eine Idee, die immer wieder für tot erklärt wird und immer wieder aufersteht. Die den Menschen das Blut aussaugt und sie gleichzeitig im Leben erhält. Die Idee von größer, mehr und schneller, in Beton gegossen auf einer blinkenden Insel, einem Kleinod der Unwirklichkeit. Ein aberwitziger Traum von einer Horde Misanthropen, die auf engstem Raum zusammengestapelt leben, dabei ihre Gegenseitige Existenz zu negieren versuchen und ihren Mangel an zwischenmenschlicher Wärme auf einer gemütlichen Psychiatercouch beklagen. Tausende hat diese Idee, diese Stadt, über das Meer gelockt und in die Kinosäle und wer sich dort einmal niedergelassen hat scheint jeden anderen, der nicht dort lebt, für einen Witzbold zu halten, denn gibt es wirklich ein Leben außerhalb von New York City? Wissenschaftler scheinen sich diesbezüglich noch immer noch nicht sicher zu sein. Ich habe Leute sagen hören, dass in L.A. jeder berühmt sein möchte, ohne bereit zu sein, die nötigen Kämpfe auszufechten.  Vielleicht ist Chicago der Ort der ehrlichen Arbeit. Sicherlich ist Washington eine Art riesiges Freilichtmuseum eines staatlichen Selbstverständnisses. Die amerikanische Seele wohnt wahrscheinlich auf einer abgelegenen Milchkuhfarm in Nebraska  und weiß nicht, mit wem sie zum Prom gehen soll. Doch New York existiert trotz seiner aufdringlichen Farben immer noch in schwarz weiß. Und die Straßenverkehrsordnung nur ein freundlicher Serviervorschlag. Aber in New York lernt man ein paar fundamentale Kleinigkeiten über die menschliche Seele. Und dabei gehen die Einsichten tiefer als die modischen Sünden, die über die Bordsteine hasten. Wenn man Menschen in eine Form presst, die vollkommen ihrer Natur wiederspricht, wenn man sie in Schachteln stapelt und den Himmel in Quadrate zerschneidet, sie ihre zahmen Neurosen streicheln lässt, aber das Ganze mit den Beastie Boys unterlegt und in Selbstbewusstsein kleidet, dann ist das Endergebnis eben doch so faszinierend, dass es immer mehr Menschen heran lockt. Es gibt so viele verschiedene Welten hier. Von der orthodoxen Jüdin mit Perücke bis zu den mühevoll in Spitze drapierten Äpfelauslagen. Vom echten Elend der zahlreichen Obdachlosen bis hin zur aufgesetzten Verchecktheit des Verkäufers vom Marijuanalieferservice. Sie alle überlappen und stoßen hier gegeneinander, ohne sich wirklich zu vermischen und auszutauschen. Ohne wirklich zu einer Einheit zusammen zu kommen. New York ist ein Teilchenbeschleuniger für Menschen, die trotzdem ihren Block kaum zu verlassen scheinen. New York ist die Essenz jeder einzelnen urbanen Neurose, die zum Trendgetränk unter den Hipstern wird. Zu denen sich bekanntlich niemand zählt aber doch irgendwie jeder gehört. New York ist wie Stuttgart, das beim Psychiater auf der Couch liegt, weil es eine Allergie gegen Schwaben entwickelt hat.

Die Ära der Blutsbrüder ist vorbei

"[…] daß [der Mensch] auf nichts anderes als auf sich selber zählen kann, daß er allein ist, verlassen auf der Erde inmitten seiner unendlichen Verantwortlichkeiten, ohne Hilfe noch Beistand, ohne ein anderes Ziel als das, das er sich selbst geben wird", sagt Sartre. (1) „Die Ära der Blutsbrüder ist vorbei“, sage ich. Da ist dieses große, gefräßige schwarze Loch. Jener Teil von mir, der wahrscheinlich der älteste ist. Ich meine kein Monster, das einem nächtliche Zweifel einflüstert, aber an dessen Flauschigkeit man sich irgendwann gewöhnt, so dass man es als Haustier anerkennt. Ich meine kein Gespenst des „Hätte-Wäre-Wenn“, das an den Hacken klebt und mit nicht eingetretenen Szenarien um sich wirft, dessen an Begleitung man aber auch irgendwann einmal gewöhnt. Gesellschaft ist Gesellschaft, selbst wenn es eine schlechte ist. Ich meine das existentielle Nichts. Die Ahnung dessen, dass ich eine kurze, selbstverschwenderische, anarchische Falte im Universum bin, aber trotzdem zwischen den Emotionen, zwischen der Palette von lilakreischgrün zu erbesensuppengrau, nur die fehlende Resonanz des Vakuums liegt. Das Loch ist etwas, dass mein Sein fundamental in Frage stellt. Ich glaube, jeder hat es und jeder versucht, es mit irgendetwas zu stopfen. Gott, Geld und Liebe sind vielleicht die Klassiker. Dass Gott die nächsten Jahrtausende nicht eingreifen kann, weil die Katze auf seinem Schoß eingeschlafen ist, sollte aber kein allzu großes Geheimnis mehr sein. Dass sich niemand  in einer altrosafarbenen Zeremonie glücklich heiratet kann und der Gott des Gemetzels hinter den besonders akkurat geharkten Hofeinfahrten lauert,  kann selbst die Töpfchen-Deckelchen-Propaganda nicht leugnen. Und auch die Existenz des Geldes ist nur zu loben, weil seine Nicht-Anwesenheit zu verabscheuenswürdigen Umständen führt. Dafür bin ich auf die Propagandamasche der Kinderliteratur hereingefallen und habe an Freundschaft geglaubt. Epische Freundschaft. An einen rudimentären Zauberbund. Etwas, das Räubertöchter mit den befeindeten Räubersöhnen der Nachbarburg schließen, gegen alle Widerstände. An eine mysthische Seelenverbindung, an Kontinuität mit naturgesetzhafter Zuverlässigkeit und eine Blutsbrüderschaft, die die einzig in Stein gemeißelte Sache dieser Welt ist. "Der Mensch muß sich sein eigenes Wesen schaffen; indem er sich in die Welt wirft, in ihr leidet, in ihr kämpft, definiert er sich allmählich“, sagt Sartre. (2) „Was soll hier zwischen all diesen lauwarmen Menschen“, sage ich. Echte Blutsgeschwister findet man besonders da, wo es Ecken und Kanten gibt, an denen man sich die Haut aufschürfen kann. Mir war auch im Tapsalter bereits klar,  dass es nur wenige Menschen wert sind, das Messer für sie zu zücken.  Wir haben den höchsten Grad der Epik und der Symbiose erreicht. In fremden Zungen zueinander gesprochen und die Wörter haben nur uns gehorcht. Die wirklich wichtigen Fragen gestellt. Existiert dazwischen noch, wenn rechts und links schon gegangen sind? Lässt sich unser Interesse am Bestehen der Menschheit auf mehr als zehn Personen ausweiten? Fühlt sich der Februar gemobbt? Aber das Leben ist nur eine Aneinanderreihung von Episoden, ein kleiner Krieg mit freundlicher Fassade nach außen. Wäre es wenigstens ein großer Krieg, dann hätte er wenigsten den Odeur des Ruhmes und der Niedagewesenheit. Aber die Zeit der Indianer ist vorbei. Und das ist lange passiert, bevor du dir die Haare abgeschnitten und die Federn aus den selbigen genommen hast. Es ist der Tag gekommen, an dem du aufgehört hast, in bunten Farben zu denken. Überhaupt zu denken. Nicht nur zu wiederholen und neu zu kombinieren. Die Träume haben dir irgendwann nicht mehr gehorcht und sind aus deinen Nächten geflüchtet. Von da an musstest du plötzlich in genau durchgetakteten regelmäßigen Intervallen schlafen. Meine Rauchzeichen haben dich nicht mehr erreicht. Auch ich habe nur noch Schattenmännchen reproduziert. Dann kam der Tag, an dem du aufgehört hast, in Büchern zu verschwinden. Von da an hast du nur noch Papier besessen. Du hast das Tipi in den Keller gepackt und bist in ein steinernes Haus gezogen. Wir hätten es beide schon vorher merken können. Eigentlich hat es schon an dem Tag begonnen, an dem der Hund uns nicht mehr geantwortet hat. Aber auch ich habe die stumme Warnung nicht verstanden. Ich kann nicht mehr sagen, was zuerst kaputt gegangen ist – wir oder du.  Irgendwann wird der Punkt kommen, an dem ich mich vor dir retten werde müssen, wenn ich nicht so werden will wie du. Wenn es so weit gekommen ist, dass das Kind in deinem Inneren erdrückt wird von Schnitzel, Pommes und Bausparverträgen. Kinder werden dann dich für langweilig erachten.  Erwachsene für strebsam. Frauen für eine sichere Partie. Die Pferde, die wir zusammen stehlen wollten, grasen immer noch gelangweilt auf ihrer Weide. Das eine mit seiner sternförmigen Blesse, das andere mit seinen Flecken, die ihn in anderen Zeiten vor dem Schicksal des Armeepferdes bewahrt hätten. Das Leben fließt, sagst du. Nur mein Geist, der fließt wohl noch zu wenig. Dinge von grundsätzlich organischer Natur lassen sich nicht in Stein meißeln, sagst du, so viele Vorschlaghämmer man sich auch bestellt. Man muss die Aufstiegschancen mehr ehren als die Prärie. Das sagst du nicht. Du bist viel zu sehr damit beschäftigt, Termine wahrzunehmen, als dass du in solchen Kategorien denken könntest. Ich kann kaum glauben, was aus uns geworden ist. „Die Definition bleibt immer offen; man kann nicht sagen, was ein bestimmter Mensch ist, bevor er nicht gestorben ist, oder was die Menschheit ist, bevor sie nicht verschwunden ist", sagt Sartre. (2) „Ich hab keinen Bock mehr“, sage ich. Und denke darüber nach, ob das gefleckte Pferd nicht zu einsam ist, wenn ich seinen einzigen Mitbewohner stehle.   (1) Zum Existentialismus. Eine Klarstellung, in Der Existentialismus ist ein Humanismus. und andere philosophische Essays, Jean-Paul Sartre, Hg. Vincent von Wroblewski, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 6. Auflage August 2012, S. 118 (2) Zum Existentialismus. Eine Klarstellung, in Der Existentialismus ist ein Humanismus. und andere philosophische Essays, Jean-Paul Sartre, Hg. Vincent von Wroblewski, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 6. Auflage August 2012, S. 116

Babel Calling

  Auch scheinbar abstruse Ideen sind, hat man sie erst einmal in die Welt gesetzt, meist nicht schnell tot zu bekommen. Dies ist die Geschichte einer solchen, die zwar nie umgesetzt wurde, aber trotzdem sehr viel aussagt über jene, die sich für sie eingesetzt haben.  Großprojekte und überdimensionierte Machtdemonstrationen in Beton und Stahl sind keine Erfindung der letzten Jahrzehnte. Von den Pyramiden oder dem Taj Mahal bis hin zum World Trade Center  - ein kleiner weltgeschichtlicher Narrativ der Autoritätsbekundung. Dabei spiegeln sie immer auch die Attitüde ihrer Auftraggeber wieder, ihnen haftet der Wunsch nach unsterblicher Größe an. Und jene, die scheitern, tun das ebenfalls mit entsprechender epischer Dramatik und einem lautstarken Abgesang auf das Millionengrab. In einem Land, das etwa über ein Neuntel des weltweiten Oberflächensüßwassers verfügt, sind es gerade die südlichen Regionen mit ihren fruchtbaren Böden, die durch aride Bedingungen geprägt sind. Bevölkerungsverteilung und Wasservorkommen stimmen nicht überein. So schlug  Alexander von Schrenk, ein Sachverständiger des Zaren, einen Kanalbau vor,  der Zentralasien mit sibirischem Wasser versorgen soll. Nachdem sich die Wassermenge des Aralsees und des Asowschen Meeres durch die exzessive Nutzung immer weiter verringerten, wurde 1976 ein großangelegtes Forschungsprogramm initiiert.

Der Traum vom Ende der Knappheit

Und so wurden Pläne geschmiedet, in der Partei wurde vom Ende der Nahrungsmittelknappheit und Millionen Hektar trockener Steppe, geträumt, indem jährlich 27,7 km3 Wasser über eine Distanz von 2500 km in den Süden mittels eines Sibaral Kanalsystems umgeleitet würden, welches alleine durch seine gigantischen Proportionen bestochen hätte. Allein die Ausarbeitung dieses s.g. Dawydow-Plan beschäftigte auf  seinem  Höhepunkt  250  wissenschaftliche Einrichtungen, Entwicklungsbüros,  Bauunternehmen und  Ministerien (1).  Man sah Zentralasien zum mächtigen Zentrum der Industrie- und Nahrungsmittelproduktion avancieren. Wer jemals die wilde und weite Schönheit von Tundra und Taiga erlebt hat, kann aus ökologischer Perspektive nur schaudern. Die Sowjetunion hatte immer auch Infrastruktur-Großprojekte genutzt, um sich als industrieller Vorzeigestaat zu präsentieren, als Triebkraft  der Modernisierung. Und wenn die Überlegenheit der eigenen Staatsideologie zementiert werden soll, was bietet sich da besser an, als die natürlichen Legitimationen des eigenen Landes zu überwinden? Ganz besonders, wenn dies im Geiste der Selbstverwirklichung durch Arbeit geschieht, der Mensch sich die Natur aneignet und sie nach den Bedürfnissen des Kollektivs umformt.

Ungewohnt lebhafte Debatte

Ohne Rücksicht auf klimatische Faktoren wurde auch die Landschaft in homogene Strukturen  eingeteilt, der Einsatz von Technologien wurde nicht immer an regionale Bedingungen angepasst. Bei geschätzten Kosten von 50 Milliarden Rubeln (damals 165 Milliarden Mark) (2) entfachte sich jedoch eine für sowjetische Verhältnisse ungewöhnlich lebhafte und langwierige öffentliche Debatte. Und ja, tatsächlich meldeten sich auch erste kritische Stimmen zu Wort, was dies für klimatische Folgen hervorrufen würde. Einige Wissenschaftler gingen davon aus, dass sich durch die verringerten Eismengen der Klimagürtel bis zu 400 km nach Norden verschieben könne. Auch das gegenläufige Szenario wurde diskutiert, die Wachstumsperiode verkürzen,  wenn die zusätzlichen Wassermassen des gewaltigen Binnensees im Winter als Eis vorlägen, Kälte speicherten und damit den Anbruch des Frühlings verzögerten. So oder so – die verherenden Folgen waren kaum abzuschätzen. Die endgültige Entscheidung, das Flussumlenkungsprojekt fallen zu lassen, fiel im August 1986 (3), doch bis ins 21. Jahrhundert ist die abenteuerliche Idee nicht ganz tot zu bekommen. Dabei war das Vorhaben - egal, in welchem Kontext es aufgebracht wurde - immer vor allem eines: der Versuch, ein gesellschaftliches Problem durch ein aberwitzig dimensioniertes Ingenieursprojekt  zu lösen.     Literaturverzeichnis
  1. Problema Territorial’nogo PereraspredeleniiaVodnykh Resursov. Voropaev, G. V. und Ratkovich, D. Ia. Moskau : s.n., 1985. IVP AN SSSR.
  2. Wenn Sibiriens Flüsse rückwärts fließen. Hamburg : DER SPIEGEL, 47, 1984.
  3. Salay, Jürgen. The Soviet Union River Diversion Project. Uppsala Papers in Economic History. Research Report No 17, 1988.
 

Wer den Schnee ehrt

Der erste Schnee ist viel mehr als ein einfacher Wetterumschwung, er ist eine magische Erfahrung. Man legt sich in der einen Art von Welt schlafen, in einer Stadt voller trister, betonierter Flächen mit kahlen Bäumen und grimmig dreinblickenden, hastenden Menschen, um in einer anderen zu erwachen. Die neue Stadt ist in perfektes weiß gehüllt und steckt voller Versprechungen. Denn Schnee ist weit mehr als hübsch. Er erobert der Natur für eine gewisse Zeit die urbanen Gefilde. Es säubert nicht nur die Welt und unsere Sinne, in dem er sich über die kaskadierenden Grautöne legt, sondern nimmt auch die dröge visuelle Vertrautheit, so dass man auf einmal gezwungen ist, sich wieder mit seiner Umgebung auseinander zu setzen, statt nur in ihr umherzutrotten. Sonst ausgetretene Pfade werden zum Spurenlesenrätsel. Bis der erste Hund fröhlich in denselbigen pieselt. Oder ein Söldner des öffentlichen Dienst seinerseits dunkle Magie walten lässt und Schnee unter Anwendung von Salz in Matsch verwandelt.

Eine klassische Rudelwetterlage

Dabei ist Schnee vielleicht die infantilste Wetterlage, die das irdische Repertoire zu bieten hat. Während vereiste Straßen und eingeschneite Automobile dem braven Arbeitnehmer Kummer bereiten und Verkehr und öffentliche Ordnung zum erliegen bringen, bibbern Schüler an Bushaltestellen und hoffen, dass der Bus nicht kommt, damit sie das tun können, wofür der Schnee erfunden wurde. Antiheteronormative Schneemenschen bauen. Sich einträchtig mit dem Hund des Hauses zusammen im selbigen Wälzen. Oder sich Kufen unter Füße oder Hintern schnallen und damit über Seen schlittern oder Berge hinunter. Natürlich im Rudel. Während Regen Menschen zu Einzelkämpfer auf dem Weg von A nach B macht, die sich einen Schirm vors Gesicht klemmen und über Plätze hasten, während Wind den Menschen die Gespräche in Fetzen zerreißt und die Sonne so lange auf den Schädel brennt, bis das Denken komplett nicht mehr möglich ist, ist Schnee eine klassische Gruppenwetterlage. Fröhliche Kinderhorden hüpfen durch Hinterhöfen und fangen Flocken. Gleichzeitig bleiben Bahnreisende dank geschädigter Oberleitungen in Orten wie Bassum stecken, die sonst wahrscheinlich schon längst in Vergessenheit geraten wären und brechen die virtuellen Glasscheiben zwischeneinander, um aufgeregt schwatzend über Wetter und Bahn zu einer kurzzeitigen, verschworenen Einheit zu verschmelzen.  Familienväter mit Fotoapparaten hechten aus der warmen Stube, um den Anblick für das Familienalbum festzuhalten. Schnee ist ein retadierens Moment, das uns kurz vor Augen führt, welchen unheimlichen Spaß man mit kleinen Dingen haben kann.

Der Einfall der Krassheit ins urbane Gefilde

In stillem Taumel fallen die eisigen Kunstwerke in Hände, auf Nasen und Mützen. Frischgepudert, als hätte die Erde zur Feier des Tages Makeup angelegt, sind die urbanen Auswüchse der Hässlichkeit unter oppulenter Pracht begraben. Aber inmitten all dieser durch ein bisschen gefrorenes Wasser induzierten Bildsprache, die man am besten mit einem Rolf-Zuckowski-Soundtrack unterlegen könnte, gibt es noch die andere Komponente. Schnee ist einsam, er ist autark, genügt sich selbst. Die ganze Welt scheint nur noch aus einem Ding zu bestehen. Er kann Infrastrukturschlüsselstellen blockieren und Menschen in die physische Isolation treiben. Plötzlich haftet kleinen Ausbrüchen aus dem Alltag der Nachgeschmack des Überlebenskampfes an, man wird zum mächtigen Krieger gegen die epischen Naturgewalten des Winters. Damit werden kleine Dinge zur Krassheit. Die Kälte zwickt einem in die Seite, das Eis droht, den sicheren Schritt entgleiten lassen und der erbarmungslose Wind zerrt einem an den Wangen und verlangt einem Ehrerbietung ab. In diesem Moment wird einem wieder klar, dass man nicht dafür gedacht gewesen ist, unter diesen Bedingungen zu überleben. So ist ein Gang durch einen Schneesturm wie eine kleine Metapher der menschlichen Hybris. Diese kann man sich anschließend mit heißer Schokolade schöntrinken und mit der vorweihnachtlichen Lichteroffensive in eine romantische Fantasie verwandeln kann. Wer den Schnee ehrt, kann sich gleichzeitig in dessen Casper-David-Friedrichesken Wirkungsästhetik verlieren und angesichts von steifen Minusgraden erschauern.  Mit Disneymusik in den Ohren Hänge hinunter kullern und in einsamen Hütten pseudophilosophische Gedanken heranzüchten. Wer den Griesgramismus perfektionieren will kann angesichts von Kindergeschrei ein paar zahme Depressionen hegen. Wer jedoch immer alles positiv sehen muss findet vielleicht in einem Abonnement am Glühweinstand tatkräftige Unterstützung. Nur eines ist unmöglich. Die Tatsache nicht wahrzunehmen, dass sich die Welt in wenigen Stunden mittels eines bisschen gefrorenen Wassers  in einen Ort vollkommen neuer Möglichkeiten verwandelt hat.

Captain Anarchy

Er schreibt Gedichte auf alte Flugblätter. Er droht damit, sie vorzulesen. Er zeichnet dazu, dem Artwork vom Generalstreik in Barcelona 1919 stets treu bleibend, mit Wachsmalkreidebrocken in ausdrucksstarken, wütenden Strichen. Kaum hat es die Runde versäumt, nein zu sagen, macht er seine Drohung wahr.
„Mitten in der Menge unter Skandieren und Johlen Kann ich mich nicht von deiner Schönheit erholen, Deinen strahlend blauen Augen nicht entrinnen, Selbst wenn sie tränengasbedingt in Tränen schwimmen. …“
Die Skizze des Mädchens mit den schönen Augen, die vom staatlichen Gewaltmonopol chemisch induziert in Tränen baden, weint das Wort Austerität an. Eine epische Liebesgeschichte im Angesicht des oppressiven Systems mit hoppelndem Trochäus, Reimen, die auch einem Schlagerkönig würdig gewesen wären und an deren Ende das lyrische Ich und die schönen Augen von Wasserwerfern unter einer Woge der Bildsprache derselben Mehrheitskultur brutal auseinander getrieben werden.
„… Ich will dich noch halten, ich will dich noch stützen, Doch auseinandergetrieben von Distanzgeschützen, Trennt uns das System und die pure Wassergewalt, In dieser Welt findet unsere Liebe keinen Halt.“
Alle schweigen.  Ein Raum in der Bibliothek. 8 Menschen. Ein Besucher. Der heimelig-muffige Geruch alter Bücher fehlt, stattdessen riecht es nach industrieller Zitrone und abgestandenem Raumerfrischer, etwas, was der Grundidee einer Bibliothek schon zutiefst widerspricht. Er ist ein Gleichgesinnter aus Toronto, sagt er. Man muss kein Wort mit ihm gewechselt haben, um seine politische Orientierung zu kennen. Diese prangt im gleichen Design auf seiner Brust, wie sonst ein „I <3 Berlin“ Slogan. Weiß auf schwarz mit zwei roten Streifen, oben und unten. Inklusive Herz. Trotzdem erzählt er gerne von sich, in der obligatorischen Vorstellungsrunde, in der wir Name, Studienfach und Lieblingsgeruch nennen sollen. Warum kann man nicht einmal Kategorien einführen, die wirklich etwas aussagen? Kosmischer Antagonist zum Beispiel, oder welche Version des Jenseits einem die sympathischste ist  oder wem man am liebsten eine Torte ins Gesicht drücken würde, tote Personen eingeschlossen? Frei von Ideologien hat er die Unterdrückung seines Denkens überwunden, sagt er, und nippt an einem bekannten Limonadengetränk, während er sich Notizen auf seinem hippen Tablett macht. Seine Weltsicht ist einfach, es gibt die bösen Unterdrücker und die unschuldigen Opfer derselben. Wie sich Macht kaskadierend reproduziert, in Nuancen ausgeübt werden kann und kapitalistische Denkmuster selbst intime Beziehungen durchdringen können, darüber redet er nicht. Dass er selbst aus einer gemütlichen Blase heraus argumentiert, die kein Prekariat kennt, sondern spanischen Rotwein und laue Hinterzimmergespräche, darüber spricht er nicht. Er predigt die Revolution und macht sich noch ein Bier auf. In der Bibliothek (man denke sich an dieser Stelle das erschrocken Gesicht einer zugeknöpften Bibliothekarin)! Er ist ein wahrer Rebell, in seinen Adern fließt Nitroglycerin statt Blut, er ist der Vater jedes einzelnen Brandsatzes, der den Umsturz Stück für Stück erzwingen wird, denn der Stift ist machtlos und nur wer schreit wird gehört. Engels hatte Mary und Lydia Burns. In Barcelona hatten sie 1919 das Rückrat, für ihre Überzeugungen zu stehen. Er hat Recht. Chronisch Recht. Am Ende der Sitzung ist die Lektüre für die nächste Lesegruppe beschlossen. Alles geht in ein plätscherndes Geplauder unter. Man endet in einer Kneipe. Wir sind der Stein des Anstoßes, sagt einer. Alle stoßen an.  Die Revolution ist nicht mehr aufzuhalten! Nicht alles was brennt, ist Anarchie. Nicht jeder der Steine wirft, kann deswegen nicht trotzdem auf ein geharktes Max Mustermann Leben blicken. Nicht jeder, der dem Gott des Molotows huldigt, hat einen Bachelor in kritischer Theorie. Vielleicht ist der wahre Feind Teil der Arbeiterklasse, fährt in seinem wohlverdienten Urlaub, den er sich mit Lebenszeit erkauft hat, die er auf einer sinnentleerten Arbeitsstellen abgesessen hat, auf einem Kreuzfahrtschiff und schunkelt zu Helene Fischer, ernährt sich genüsslich von vakuumverschweißtem Regenwald und sagt Sätze, die in der Mitte ein aber enthalten. Vielleicht ist der wahre Feind das Mittelmaß. Und du, lieber Captain Anarchy, bist mittelmäßig in deinem übermäßigen Enthusiasmus, in deinem perfekt durchkomponierten Style und deiner bis in die letzte Faser ideologisch durchtränkten Weltordnung. Mittelmäßig authentisch mit deinem 100-Dollar-Mohawak. Mittelmäßig durchdacht in deiner rhetorischen Ablehnung jeglicher Autorität, während du selbige in jeder sozialen Konstellation sofort an dich zu reißen versuchst. Mittelmäßig empathisch, wenn du davon sprichst, ein Klasse zu befreien, von der du sicherlich schon lange kein Teil mehr bist. „Mama, was ist denn das?“, wird eines Tages ein Kind sagen und auf die Glasscheibe im Museum zeigen und da wird einer stehen wie so wie du. „Captain Anarchy“ wird darunter stehen. „So petulant that he’s a poser.“  Du bist Stillstand. Ich glaube, du bist so damit beschäftigt, du selbst zu sein, dass du sonst im Laufe des Tages zu nicht viel kommst.  

Triebsand

Triebsand, der. Substantiv, maskulin. Gebrauch: Technolekt. Häufigkeit: erhöht. Empfohlene Wordtrennung: Trieb|sand. Das, was dein Herz nachts um die Häuser ziehen lässt – ohne dich. Von dir ist nur noch eine körperliche, hechelnde Hülle übrig, wenn es am nächsten Morgen zurück kehrt, um wieder in deiner Brust herumzustottern, sobald du dieses eine Gesicht erblickst, das das alles zu verantworten hat. Das, was dir das Blut aus dem Kopf fallen lässt – und die Wörter aus dem Bauch. Das, was die Royal Airforce Kunstfliegerstaffel in deinem Bauch rumoren lässt. Das, was dafür sorgst, dass du es für Schmetterlinge hältst. Das, was dich denken lässt, genommen zu werden, wie du vielleicht gemeint gewesen bist. Ein Versprechen von Sommerfrische, in etwa so strahlend und flach wie das Grinsen der Frau in der dazugehörigen Werbung. Robot Unicorn Attack in Endlosschleife. Tagelang. Deine Empfindungen hängen einzig und allein vom Blinken oder nicht Blinken eines einzigen Symbols ab. Du hast tausend Erklärungen für Dinge, über die du im Normalfall noch nicht einmal nachdenken würdest. Es ist zwei Uhr nachts und du beschließt, dass du jetzt mindestens einen Liter Eiscreme essen musst und noch einmal die komplette dritte Staffel Sex and the City schauen solltest. Im Setzbaukasten fehlen die Zutaten für die Liebe deines Lebens, denn du hast sie dir zusammengesetzt mit weißem Bastelkleber, und nun sitzt dir dieser fleischgewordene nächtliche Kreativitätsanfall gegenüber und du merkst wieder, warum du schon immer schlechte Noten in Kunst bekommen hast. Das ist der Moment, in dem du erkennst, dass der Anzug zwar gut sitzt, aber die Kröte darin nicht. Und du begreifst: Eure Körper sind weniger sperrig als eure Herzen. Dein Zaunpfahl spricht eine andere Sprache als sein Morsealphabet. Aus horizontaler Perspektive siehst du leichtfüßig all die Dinge, die du einst auf deinen Wunschzettel geschrieben hast, doch vertikale Kommunikation ist eine ganz andere Kunst. Und im Moment fühlst du dich in beiden als blutiger Anfänger. Du hast einen Menschen in eine Glaskugel gesteckt und ihn mit Glitzer bestäubt und um ihn herum perfekte Miniaturhäuser gebaut. Und nun wunderst du dich, dass du ein mickriges, fröstelndes Männchen vor dir sitzen hast, mit einem Hauch von Glitzer auf den Schulterpartien. Ihr habt euch geschworen, euch keine Hoffnungen zu machen. Keine falschen Versprechungen. Indianerehrenwort. Jetzt schmierst du Kytta-Salbe auf dein Herz. Deine beste Freundin nennt es Schicksal. Wenn du ehrlich wärst würdest du es zufälliges nach rechts wischen nennen. Du machst eine Wissenschaft aus Luftschlössern und freudschen Trieben. Du baust dir deine Hängematte aus einem fotogenen Lächeln und gut gebauten Oberarmen. Du bist blödsinnig. Das weißt du auch. Das hilft dir auch nicht weiter. Du fällst. Du richtest das Krönchen. Du erblickst den nächsten Triebsand. Stürzt dich kopfüber hinein. Mit Krönchen. Dieses Mal hast du das eine Exemplar gefunden, dass nicht so verachtenswert ist wie alle anderen. Wie immer. Verwandte Wörter: Haltlosigkeit. Zerstörungswut. Serienmonogamist. Antonym: Erhaltungstrieb.  

Konversation mit Meeresfrüchten

Er öffnet seinen Mund und schließt ihn wieder. Auf. Zu. Aber kein Satz entkommt seinen schmalen Lippen, der es bis zu meinen Ohren schaffen würde. Kein Wort. Nur das hässliche Geräusch von sich berührenden, nassen Lippen, die zusammen gepresst werden, nur um sich gleich danach wieder zu öffnen. Ich schaue ihn an und alles was ich sehe ist ein gestrandetes Lebewesen, ein Einwohner der sieben Weltmeere, der ohne Wasser zurückgelassen wurde. Man hat ihn in einen Anzug gesteckt und das Atmen beigebracht, aber er kann immer noch nichts weiter als japsen. Seine Haare sind nach hinten gegelt und kleben ihm wie ein Helm am Schädel. Ich wäre nicht so überrascht, dünne Häutchen zwischen seinen Fingern wachsen zu sehen, wie Frösche und andere schleimige Teichbewohner sie haben. Ich mag an Französisch, dass es so herrlich rotzen kann an den Kanten und schleimen in den Biegungen. Wörter verlieren ihre Individualität und fließen ineinander, werden zu einem Klangteppich, zu einer teigigen Masse, die für sich selbst steht. Ich mag den Reiz von Neuanfängen, weil die Zeit noch nicht in vorgefertigte Einheiten eingeteilt ist. Das Leben wird zum Strategiespiel, statt sich wiederholende novembergraue Einheitspampe zu sein. Man wird noch nicht häppchenweise vom Alltagstrott verschlungen, sondern jagt den Herbstfarben nach, bevor der Winter kommt. Ich mag es, wie sehr die Menschen in den großen Dingen ähnlich sind und wie unterschiedlich in den kleinen, wenn man die Chance hat, ein Land wirklich kennen zu lernen. Aber das hier hat nichts mit all dem zu tun. Die Herrschaft der Bürokratie schlurft leise durch die Gänge, meist unbemerkt, ihr Grauton verschmilzt so wunderbar mit dem Hintergrundrauschen.   Sie rechnet mit fast allen Eventualitäten nur nicht damit, dass ich mich selbst am besten zu sortieren weiß, auch wenn meine Form der Ordnung eher organischer Natur ist. Ich sitze vor dieser kleinen verwaltungstechnischen Formalität. Mir gegenüber sitzt ein namenloser, wässriger Söldner des Papierkrieges. Sie haben ihm ein Denkmal gebaut aus Regularien und Arbeitsanweisungen und nun sitzt er dort. Ein fetter Krake im Seetang und spricht von der Kombinierbarkeit von Kursen unterschiedlicher Fakultäten und Einschreibungsfristen, als ginge es um die morgen herannahende Apokalypse. Er bringt noch nicht einmal die Verschlagenheit eines grauen Herrn zu Stande, er bringt es gerade einmal den Unangenehmheitslevel eines Seeigels, auf den man nicht treten möchte, dessen pure Existenz aber noch nicht einschüchtert. Ich habe 18 Stunden Reise in den Knochen. Ich habe nicht mehr die Energie, mit diesem plappernden zweitklassigen frutti di mare Schauspieler klar zu kommen. Der muffige Geruch der Aktenregale im Hintergrund, die wahrscheinlich nur noch längst digitalisierte Dekoration sind, macht jeglichen Anflug von Abendteuer zu Nichte. Obwohl ich nicht nachvollziehen kann, wie etwas so großes und erfreuliches zu so etwas kleinem, glibbrigem, nichtsbedeutendem schrumpfen kann, scheint das eines der fundamentalen Gesetze des Lebens zu sein. Man kann alles zerhacken, in Formulare pressen, es benennen und ihm die Seele aussaugen, bis das größte Gefühl, einen Namen, eine Kategorie und keinen Inhalt mehr hat. Ich sollte jetzt etwas sagen. Etwas Dramatisches. Ich glaube, er sagt gerade alle diese Sätze, die man in solchen Situationen eben zu sagen pflegt. Weist mich auf alle meine Verfehlungen hin und deren zutiefst tragisches Ausmaß. Genau kann ich es nicht wissen, sein Monolog plätschert immer noch an mir vorbei und alles was ich wirklich hören kann ist mein eigener, angestrengter Atem, so als hätte ich tatsächlich Wasser in den Ohren. Ich habe das Gefühl, er möchte, dass es mich genauso schockiert wie ihn, wie wenig ich mich mit den Regularien auseinander gesetzte haben. Während sich nun auch meine eigenen Lippen bewegen um die gleichsam bedeutungslosen Antworten auf seine bedeutungslosen Phrasen zu geben, sehe ich eben diese Szene vor meinem inneren Auge in hundertausenden verschiedenen Büros, die sich alle aneinander reihen, um sich dann wiederum aufeinander stapeln, wie kleine Legosteine, die in sich wiederum ein weiteres, viel größeres Büro ergeben, mit immer und immer wieder den gleichen Sätzen in allen möglichen Sprachen und mit unterschiedlichen Protagonisten, leicht zeitversetzt und doch überlappend, so dass das blubbernde Gewaber ihres Geschwätz meinen Kopf durch schwappt. „Für einen verspäteten Antrag auf eine Wahl von Kursen außerhalb des vorgesehenen Curriculums müssen Sie das Formular C13-1 beim Prüfungsamt der Fakultät …“ Plätscher. Plätscher. Und dann lasse ich mich einfach hinaus spülen, winke noch halbherzig mit meiner Flosse, ehe ich mich auf den plätschernden Wogen hinaustragen lassen, ich tropfe über die Stufen nach unten, während sich der Schwall an Belanglosigkeiten weiter bewaffnet sein. Ich werde dem wirbellosen Meeresbewohner seine kosmische Antagonistin mitbringen, mit ihren 21,8 kg Kampfgewicht, bewaffnet mit einer Hand voll Buntstiften, einem um uns herum ergießt, weil der Urheber von so viel Brackwasser aus seiner Bürotür getreten ist, bis ich die Ausgangstür aufreiße und alles abfließen kann. Ich stehe auf der Straße an einem kalten Septembermorgen und es riecht nach Dienstag. Nächstes Mal, wenn ich hierher komme, werde ich bewaffnet sein. Bewaffnet, mit der kosmischen Antagonistin des wirbellosen Meeresbewohnter und ihren 21,8 kg Kampfgewicht, gekrönt von einem triefenden Eis und einem nur lückenhaft bestückten, grinsenden Gebiss. Und sie wird damit drohen, knutschende Schnecken auf seine bügelglatten Vordrucke zu kritzeln, wird ihn mit ihren Fragen außer Gefecht setzen („Wer bist du in der anderen Welt?“. Stirnrunzeln der Qualle. „In der, in der jeder dass ist, was er wirklich ist. Ich bin dort Wegelagerin. Und du? Hofnarr?“) und ihm dann den Todesstoß verpassen, wenn sie versucht, ihm ihre aktuelle beste Freundin mit den acht sehr haarigen Beinen vorzustellen, die sie immer in einem kleinen Glas bei sich trägt. Sie wird ihn effektiv ablenken und ich werde die Möglichkeit nutzen, ihm über seinen Amazon Account ein Starter-Kit mit den besten Punkalben aller Zeiten zu bestellen, seinen Bausparvertrag zu kündigen und das Geld sofort in eine Reise zum Marie-Byrd-Land investieren sowie allen Kontakten in seiner Liste personalisierte Liebesgeständnisse schicken. Und dann wird er uns beide so lange hassen, bis er auf dem unbekannten Kontinent steht und die pure Freude und Macht des Überlebens, seine Existenz spürt.

Mit Malte wird alles anders

  Uhrzeitbedingt falle ich noch nicht unter die Kategorie Mensch, eher bin ich ein biologisch abbaubarer Sitzwärmer. Trotzdem versucht mein müdes Gehirn gerade zu berechnen, wie hoch mein gesetzlicher Wohnraumanspruch wäre, wenn ich ein Huhn wäre, allerdings bei gleichbleibender Körpergröße, und ob ich mich damit gegenüber des Status Quo verbessern würde. Zwei Haltestellen später merke ich, dass ich noch immer zu keinem Ergebnis gekommen bin, sondern stattdessen einfach nur den Typ mir gegenüber anstarre, welcher dies mit der gleichen Geste kontert. Wahrscheinlich sollte ich bei Gelegenheit den Tierschutzbund anrufen und sie mit diesem Problem konfrontieren. Tür auf, vier raus, sechs rein, Tür zu. Am Bahnsteig zurückbleiben. PARKSTRASSE. NOCH FÜNF STATIONEN. U-Bahnen sind kleine, fahrende Zauberschläuche in einem wesentlich größeren, allumfassenden Komplott. Sie nehmen den Mündern die Sprache, der Haut die Farbe und pflanzen eine derart überzeugende Leere in den Blick des Paares blauer Augen mir gegenüber, dass Parmenides alle Thesen zur Inexistenz des Nichts, sobald man dieses als solches benennt, verbrennen würde. Die Rohrpost wird geliefert. Sie steigt sogar bereitwillig ganz von selbst aus. Manche tragen sogar Adressschilder, die ihren Namen verkünden und aufzeigen, zu welchem Arbeitgeber sie gehören. Jeder hier hat sein kleines Kopfaquarium übergestülpt, Stöpsel im Ohr schütten Klänge aus der Konserve in den Hohlraum zwischen den Ohren, so dass es nur so plätschert; und dazwischen schwimmt ein unmotivierter Bildschirmschonergoldfisch immer und immer wieder im Kreis. Der Mensch mir gegenüber hätte doch lieber Hund werden sollen, dann hätte er die Inhaltslosigkeit seiner Augen wenigsten mit flauschigen Ohren kombinieren können. Über den Bildschirm in der Ecke flimmern drei Topnachrichten des Tages. Ein alter Mann hat getwittert. Wer Rolltreppe rückwärtsfährt könnte dabei sterben und den ungestörten Ablauf behindern. Was würde der Allgemeinheit wohl mehr schaden? Haben Sie heute schon an Ihre Altersvorsorge gedacht? Und was würde Jesus tun? Tür auf, zwei raus, acht rein, Tür zu. Am Bahnsteig zurückbleiben. WESTTOR. NOCH VIER STATIONEN. U-Bahnen sind stählerne, zahnlose Schlangen, die Menschen verschlucken, sie in ihrem Bauch ein wenig herum schütteln und sie dann, wenn sie als unverdaulich identifiziert wurden, an einem anderen Ort wieder heraus spucken. Die Menschen steigen ihr in den Rachen, in diesen seltsamen transzendenten Ort unter der Stadt, in dem die Orientierungslosen und Verlorenen auf die Zielstrebigen und Gehetzten treffen und sich vermengen, ohne, dass sie sich austauschen würden. Am Ende taumeln sie hinaus und hechten zurück ans Tageslicht, schütteln die anonyme Intimität der erzwungenen körperlichen Nähe ab und die vorrübergehende Entmachtung, die Kontrolle über die eigene Mobilität abgegeben zu haben. Weit weg vom Licht haben die einen den Eindruck, die Sorgen und Nöte der anderen aus deren müden Gesichtern lesen zu können und so die Haftung zur Realität nicht zu verlieren, während die anderen ihre Erbärmlichkeit durch die des Nebensitzers relativieren. Tür auf, niemand raus, zwei  rein, Tür zu. Am Bahnsteig zurückbleiben. WESTERSTRASSE. DREI STATIONEN. Die beiden Frauen, die durch die Tür hechten, kurz bevor sich diese wieder schließt, brechen ein ungeschriebenes Gesetz der Uhrzeit und des Ortes. Zumindest die eine Hälfte, denn diese redet laut und mit sehr viel theatralischen Einsatz ihrer Hände. „… und beim letzten Mal habe ich ja diesen einen Menschen in eine Glaskugel gesteckt und ihn mit Glitzer bestäubt und um ihn herum perfekte Miniaturhäuser gebaut. Und dann habe ich mich gewundert, dass ein mickriges, fröstelndes Männchen vor mir saß, mit einem Hauch von Glitzer auf den Schulterpartien.“ „Dieses Mal wird alles anders“, sagt die andere in einem Tonfall, als sei es ein heiliges Mantra. Die gesamte U-Bahn hat sich unmerklich umorientiert. Alle Oberkörper, Gesichter und Aufmerksamkeiten haben sich der rechten Tür und den beiden Neuankömmlingen, die vor dieser stehen, zugewandt. „Mit Malte wird alles anders“, wiederholt die erste. „Wir haben uns gestern Abend hingesetzt, jeder hat ein dreiseitiges Essay darüber geschrieben, wie wir uns die Beziehung vorstellen, und dann haben wir danach durchdiskutiert, an welchen Punkten sich Übereinstimmungen ergeben und wo wir noch Synchronisationsbedarf sehen.“ Den leeren Augen mir gegenüber ist die Kinnlade ein kleines bisschen nach unten gerutscht. „Finde ich gut“, grölt jemand aus dem Hintergrund. Jetzt dreht sich der gesamte Wagon nach dem Urheber dieses Kommentars um. Doch dieser ist wieder rechtzeitig in seine lethargische Grundposition verfallen, so dass er nicht mehr zu identifizieren ist. Eine junge Frau drei Bänke weiter räuspert sich erst unbeholfen, als müsse sie die Worte ein bisschen anschubsen, weil ihr Sprechapperat noch nicht angestellt war, dann fragt sie: „Aber ist das nicht ein wenig unromantisch?“ Tür auf, niemand raus, sechs  rein, Tür zu. Am Bahnsteig zurückbleiben. OBERNWEG. ZWEI STATIONEN. Mit einer Verzögerung von Sekunden springt ein Mann mittleren Alter auf und setzt sich dann betreten und betont langsam wieder hin, als er bemerkt, dass er vergessen hat, rechtzeitig auszusteigen. „Ach was, Romantik“, kräht eine ältere Dame verächtlich, „dass ist doch alles nur Körperchemie, dass hat sich nach ein paar Monaten sowieso erledigt.“ Die Frau, die gestern Nacht ein Essay geschrieben hat, lächelt verwirrt und scheint nicht zu wissen, ob sie peinlich berührt oder erfreut sein soll, angesichts von so viel Resonanz. Die leeren Augen melden sich plötzlich zu Wort und richten sich an die Frau: „Ich finde es gut, dass sie das hier so mutig ansprechen, dass musste ja auch mal gesagt werden!“ Jetzt hat sie sich entschieden. Sie lächelt. Sie zuckt mit der Schulter. „Mit Malte wird alles anders“, meint sie noch einmal, um ihren Standpunkt zu untermauern. „Mit Malte wird alles anders“, grölen die fünf Jugendlichen, die gerade eingestiegen sind, im Chor aus dem Hintergrund und heben die Hände synchron zum Pfadfindergruß. Der Verkäufer der Straßenzeitung, welcher ebenfalls an der letzen Station zugestiegen ist, preist die Beziehungstipps an, die in der neuen Ausgabe zu finden sind an und versucht, der alten Frau, die nicht mehr an Romantik glaubt, ein Exemplar zu verkaufen. Einer der Teenager mit ausgeprägten Akneproblemen im Gesicht outet sich ebenfalls als Malte und teilt dem schüchternen Mädchen zu seiner Rechten mit, dass mit ihm ebenfalls alles anders werden würde. Sie wird rot und noch schüchterner. Die junge Frau, die sich um die Romantik sorgte, fragt den aktuellen Star der U-Bahn, ob sie vielleicht ihre Telefonnummer haben könne, weil sie so gerne auf dem Laufenden bleiben würde. Diverse weitere Fahrgäste schließen sich an. Tür auf, zwei raus, einer rein. „Alexa, wir müssen hier umsteigen.“ Die überforderte Frau wird von ihrer pragmatischen Freundin aus der U-Bahn gezerrt. Noch mal zwei raus, Tür zu. Am Bahnsteig zurückbleiben. EDUARD-KLEIN-BOULEVARD. EINE STATION. Der Mann links neben mir zuckt ein bisschen, so als hätte er sich bereits so an den Unterhaltungsfaktor gewöhnt, dass er sich nicht so leicht trennen mag. Der ganze Wagen ist in eine seltsame Schockstarre verfallen. Einer der Jugendlichen blinzelt, als würde er sich fragen, ob er gerade geträumt hat. Die ältere Frau nimmt schnell wieder ihre ursprüngliche, missbillingende Gesichtshaltung ein, so als hätte niemand bemerkt, dass sie gerade mit ihren Mitfahrern interagiert hat. Malte der zweite schafft es erfolgreich, dem Mädchen einen Zettel zuzustecken. Die junge Frau blickt auf ihren Arm, auf den Alexa überhastet ihre Telefonnummer gekritzelt hatte, in Ermangelung an Papier. Die leeren Augen schließen endlich wieder ihren Mund. Tür auf, drei raus, ich raus auf den Bahnsteig, drehe mich noch um, als die Türen zugehen und die kleine Reisegemeinschaft für zwei Stationen, oder das was noch von ihr übrig geblieben ist, wieder ins Rohr geschossen wird. Ich schaue auf meinen Arm, sehe nur Sommersprossen und ärgere mich, dass ich jetzt nie wissen werde, ob mit Malte wirklich alles anders wird.

Die dickste Frau Québecs

  Der Mensch braucht Ziele im Leben. Jeder drittklassige Selbsthilferatgeber wird das sofort bestätigen. Du musst es nur doll genug wollen, du Loser, kreischt einem die einschlägige Literatur mit ihren wohlklingenden Namen entgegen, die Persönlichkeit ist eine Dauerbaustelle mit marodem Buissnessplan. Träume muss man haben, aspirierende Konzepte, säuselt die Selbsthilfegrütze. Irgendwo zwischen pseudowissenschaftlicher, kommunikativer Einbahnstraßen, bei denen ein Autor sein Ego streichelt, findet das Kind in einem eine Heimat, Schüchternheit wir überwunden und Selbsthypnose hilft zum Wunschgewicht. Aber, wer will das schon? Ich nicht. Denn ich habe wirklich große Ziele. Ich möchte die dickste Frau Québecs werden. Jedes einzelne überflüssige Kilo als Sieg über Konformitätsdruck und Verkrampfung. Und es hat nur Vorteile, ein bisschen Isolationsmaterial anzuzüchten, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass der Winter naht.  Die Temperaturspanne in der kanadischen Provinz Québec vom Winter zu Sommer ist extrem, der Kälterekord liegt bei -54,4 °C, das höchste sommerliche Pendant bei 40,0 °C. Eigentlich sind meine Ausgangschancen auch wirklich, wirklich gut. Die Stadt Montréal gilt als vergleichsweise europäisch und hat im landesweiten Vergleich gesehen eine geringe Adipositasrate, also ist die Konkurrenz im Vergleich nicht sonderlich bedrohlich. Wie beinahe überall in Nordamerika ist die Stadtplanung wesentlich geräumiger als in Europa, was voluminösen Zeitgenossen natürlich entgegen kommt. Auch das größte Lebewesen der Erde, der Blauwal, weiß das zu schätzen und kann manchmal im Sankt-Lorenz-Strom beobachtet werden. In der Provinz, deren Name so viel bedeutet wie „Wo der Fluss enger wird“, wurde zudem das kanadische Nationalgericht erfunden. Das mit dem enger werden ist gleich ein gutes Stichwort. Während Montréal vor Weltoffenheit nur so strotz zeigt die Provinz – und vor allem das Hinterland – separatistische Tendenzen und ist damit für einige kanadische Politiker eine ziemlich juckende Furunkel. Davon kann unter anderem der Vater des aktuellen Präsidenten (der international wohl vor allem für sein Hinterteil bekannt ist), ein Lied singen, da sich die Provinz in den 70ern während seiner Amtszeit im Zuge einer Verfassungsänderung quer stellte, um ihre Souveränität auszubauen. Einmal ganz abzusehen von den diversesten Unabhängigkeitsreferenden. Zurück zum eigentlichen Thema: Essen. Am besten noch welches mit vielen Kalorien. Schließlich können die Québecer mit einer der wildesten Fast-Food Kreationen aufwarten, die man sich nur ausdenken kann. Poutine heißt die schräge Kombination aus in Bratensoße eingeweichten Pommes mit Cheddarkäsestücken, die beim draufbeißen gefälligst zu quietschen haben! Schmeichelnderweise bedeutet das Wort selbst eigentlich Sauerei. Natürlich ist es notwendig, dieses Gericht noch mit der zweiten Lieblingsspeise der Kanadier zu kombinieren! Mit Ahornsirup, Würstchen und Bacon erhält man Sugar Shack Poutine, besonders beliebt in der kanadischen Hauptstadt. Und da Montréal schließlich eine sehr internationale Stadt ist, gibt dort es den ganzen Spaß noch in als Dönerversion, in chinesischer (angelehnt an ein chinesisches Fondue) und italienischer Abwandlung (mit Bolognesesoße). Und so weiter. Was das Herz begehrt und der Magen noch ertragen kann. Perfekt, um den kalten Winter zu überstehen, immerhin enthält kleine Portion etwa 740 kcal. Einen hohen Spaßfaktor hat die Art und Weise, wie die Menschen hier fluchen. Eine ganze Schimpfwortfamilie, die als „sacres“ bezeichnet, sind aus dem Katholizismus und seiner Liturgie entlehnt und gelten als stärker als die schlimmen Wörter, die das Standardfranzösisch zu bieten hat und die meistens thematisch um Sex und Exkremente kreisen. „Tabarnak“ (Tabernakel), „osti“ (Hostie) oder „crisse“ (Christus) sind beliebte Vertreter, die sich natürlich auch noch wundervoll kombinieren lassen: „Crisse de calice de tabarnak d'osti de sacrament de trou vierge“. Zudem wurde die Phonetik bewahrt, die in Frankreich etwa bis zur französischen Revolution als Standard galt, so dass hier das „oi“ noch geehrt wird, was der Sprache einen etwas quakigen, aber durchaus sympathischen Klang verleiht. Weniger Gesäusel als beim großen Sprachbruder der alten Welt, dafür eine Reihe von weiblichen Substantiven, die es in Frankreich nur als männliche Version gibt. Beim ersten hören hat die drollige Aussprache es kaum etwas mit dem zu tun, was man im Französischunterricht vorgesetzt bekommen hat. Außerdem wurden die Malzeiten einmal komplett durchgewürfelt, was im Quebécois für Mittagessen (dîner) steht, bedeutet in Frankreich Abendessen, dafür wird hier déjeuner, also das Französische Wort für Mittagessen, fürs Frühstück verwendet. Natürlich gibt es auch einige Neologismen, die etwas mit Winter zu tun haben und diverse Möglichkeiten, unterschiedliche Schneetexturen zu beschreiben. Im Wissen, dass der Winter naht und man hier keine Angst vor fettigen Speisen hat, werde ich also weiterhin meinen Träumen und Zielen unbeirrt folgen, allen Widerstände wie den hohen Lebensmittelpreisen zum Trotz, werde an einer unbesiegbaren Fettschicht arbeiten, um mich zu wappnen gegen die grimmige Kälte des etwa sechs Monate andauernden Winters und mir die Schwerkraft zum Freund machen, um auch im größten Sturm zu bestehen. Und dann werde ich darüber ein Buch schreiben, wie ich zur dicksten Frau Kanadas geworden bin und es wird in die Welt hinaus brüllen: Du musst es nur doll genug wollen, du Loser!