On se calme le pompon – Warum Montreal die beste Stadt des Kontinents ist

Dies ist eine waghalsige Behauptung von jemandem, der bei weitem nicht jede Stadt des Kontinents gesehen hat. Der es noch nicht einmal an die Ostküste geschafft hat. Von jemandem, der nicht im feschen Plateau wohnt und schon gar nicht im edlen Outremont. Und noch nicht einmal den gefürchteten Winter überstanden oder das bombastische kulturelle Sommerprogramm mitgemacht hat. Dafür mit einer beachtlichen Anzahl an fettleibigen Waschbären Freundschaft geschlossen hat. Und ständig zwischen den beiden sprachlichen Welten der Stadt hin und her hüpft. Und trotzdem begriffen hat, das dieses Montreal tatsächlich mehr ist als die Summe ihrer Teile. Weder die europäische Vertretung in Nordamerika noch die Essenz Québecs. Und definitiv mehr als die größte Stadt der Provinz, sondern ein kleines Universum für sich selbst in einer separatistischen Enklave mit einer tiefsitzenden Angst vor dem kulturellen Zerfall. Ganz allgemein ist das Québec so etwas wie das rebellische gallische Dorf, das an seiner frankophonen Identität festhält, auf der riesigen anglophonen Flur. Wer in Montreal als anglophone Person kein Französisch spricht, wird als arrogant tituliert und leicht übers Ohr gehauen. Wer kein Englisch spricht, gilt je nach Herkunft als ungebildeter Hinterwäldler oder hochmütiger Franzose. Für Menschen, deren Muttersprache keine von beiden ist, liegt die Toleranzschwelle zum Glück etwas höher. Doch hier gibt es keinen linguistischen Krieg. Die Stadt ist weit entfernt von einer Verschmelzung der Kulturen. Aber es gibt auch keine Ignoranz, keine Koexistenz mit Scheuklappen, kein stummes Aushalten der Andersartigkeit, wie es in New York der Fall ist, wo jeder Block eine neue Welt aufzumachen scheint, aber die Leute angeblich gleichzeitig nicht in der Lage sind, über die Grenzen desselben hinaus zu denken. Ähnliche Verhältnisse herrschen in Toronto – eine Stadt, die sich selbst sehr geil findet.  In dieser Hinsicht ist Montreal wahnsinnig europäisch – es motzt, beschwert sich, mosert und mäkelt. Über Baustellen, das Wetter, was sich in dieser Hinsicht eben gerade anbietet. Während sich Toronto hypt, aber insgeheim von der Gentrifizierung und der seelenlosen, hyperbolischen Eigendarstellung aufgefressen wird. Allgemein ist Toronto ein Klassiker aus der Kategorie: „Man liebt es, man hasst es.“ Nur die lauwarmen und die, die nur auf der Durchreise sind, finden es mittelmäßig. In Montreal sehen sich die Menschen in die Augen. Selbst in der U-Bahn, während sie in Toronto davor zurück scheuen und das dann als Diskretion bezeichnen. Denn Montreal ist für die Studenten, die leidenschaftlichen Liebhaber von Essen, für die Künstler und die, die sich schnell langweilen. Schließlich sprudelt die Stadt fast über vor Möglichkeiten. Toronto ist eine der Städte, über die Menschen bloggen und 20-Gründe-warum-Listen anfertigen. Für die, die in einer angesagten Stadt leben wollen, um am Ende einen Job zu haben, der sie frisst, um sich die Wohnung leisten zu können, die sie kaum betreten, weil sie ja nie zu Hause sind. Außerdem hat Montreal einen Berg mitten in der Stadt. Und ein Igloofest. Eine deutlich erhöhte Kifferdichte. Ein GLBTQ -Kultur-Viertel. Eine beachtliche Musikszene. Eine Untergrundstadt für alle, die das Tageslicht und die Kälte scheuen. Außergewöhnlich freundliche Busfahrer. Legalen Alkoholkonsum in Parks. Demonstrationsfreudige Studenten, die sich gegen übermäßige Studiengebühren wehren. Mehr Schnee als Moskau. Tatsächlich eine Innenstadt, in der es  bezahlbaren Wohnraum gibt. Zugegebenermaßen auch sehr sehr scheußlichen Wein. Aber dafür genügend französische Immigranten, mit denen man genau darüber einstimmig motzen kann.