Anleitung, um nicht klüger zu werden

1. Man nehme mindestens ein doppeltes Dutzend – je nach Geschmack darf hier auch gerne etwas mehr hinzugefügt werden – von, mit körpereigenen Drogen vollgepumpten, auf ihre eigene Existenz erst klar kommen müssenden, Vollpubertierenden. Dieses seltsame, retardierende Moment, das die Dreizehnvierzehnjährigen aus der gemütlichen Kindheit heraus in eine neue Welt katapultiert. Dieses wird vom eigenen Körper diktiert, Alltagsdetails wie das gemeinsame Umziehen vor dem Sport werden zu riesigen Monstern aufgeblasen und das Nachbarskind des jeweils andern Geschlechts (oder auch des gleichen) ist über Nacht plötzlich zum Geschöpf vom anderen Stern mutiert. Die Welt hat sich gegen sie verbündet, bevor ihnen die entsprechenden Superkräfte zuteil geworden sind, die diese Einzelkämpfersituation erträglicher machen würde. Und dann hängen all diese Peter Parkers um 8 Uhr morgens in der Schule. Man nötigt sie zum Stillsitzen. Nötigt sie dazu, das gegebene Sozialgefüge zu ertragen. Sagt ihnen, ihre Rebellion sei lediglich eine biochemisch bedingte Phase.

2. Dann folgt ein wirklich essentieller Punkt, hier sollte man das nötige Fingerspitzengefühl walten lassen. Der Lehrer, der diesem Ensemble zugefügt werden sollte, muss gut ausgesucht werden. Ein gängiges Exemplar hat in der Regel die Rückkehr an die Schule aus einem der beiden folgenden Gründe gewählt: Entweder hat die Person gemerkt, dass sie außerhalb des Sozialgefüges Schule nicht überlebensfähig ist oder sie möchte insgeheim die Welt verbessern. Im ersten Fall ist sie bemitleidenswert, im zweiten schnell ernüchtert. Ganz sicher ist die gemeine Spezies des Lehrers ein Einzelkämpfer im Angesicht der Horde. Und der Lehrer ist am Ende die bemitleidenswerte Kreatur, die in diesem künstlichen, kastenförmigen Ökosystem verbleiben muss. Jahr für Jahr tröpfeln die Schüler ebenso substanzlos wie Wasser an ihm vorbei, kommen weiter, während er zum Stillstand verurteilt ist.

3. Diese beiden Grundbestandteile mische man in einem Gebäude, das ganz im Stile des Brutalismus gehalten ist. Obwohl es wahrscheinlich noch nicht einmal selbst weiß, dass es seinerseits nicht nur unter die Gattung Betonmonster, sondern tatsächlich auch in diese Architekturkategorie fällt. Sorgfältiges Zusammenwürfeln des Mobiliars kann ebenfalls unterstützend wirken. Die innen herrschende Aura des Totalitarismus sollte auch nach außen gekehrt werden. Sie kann keinesfalls von den paar hässlichen, nahezu lustlosen Graffitis aufgelockert werden, die sich thematisch noch immer der kubanischen Revolution bedienen.

4. Man backe sich eine Scheinwelt. Dazu sollte man mindestens 451° Fahrenheit und Umluft verwenden. Wenn man lange genug eine gleichbleibende, homogene Temperaturverteilung aufrecht erhält, wird die Mehrheit schon glauben, dass die Schule repräsentativ für das wahre, das restliche Leben ist. Am letzten Tag werden sich Menschen heulend in den Armen liegen, ewige Verbundenheit heucheln und auf diese beste Zeit ihres Lebens trinken.

5. Nach dem leichten Abkühlen der hochkochenden Botenstoffe lohnt sich der Versuch, das Grüppchen noch einmal ein bisschen mit Fakten zu besprenkeln. Wissen wäre in diesem Zusammenhang oft ein unangebrachter Euphemismus. Dem Lernenden sollte am besten lediglich die anwendungsfertigen, arbeitsmarktrelevanten Ergebnisse vorgeführt werden. Sie sollten dem Schüler stets zueinander beziehungslos entgegentretend. Es gilt zudem, den Fokus auf Antworten zu setzen, nicht etwa auf Fragen.

6. Nun ist es beinahe geschafft. Die Schrift wird leicht zu einer Meute toter Buchstaben, wenn erst einmal die Einbildungskraft und die Querdenkfähigkeit des spezifischen Gehirnanwenders adäquat eingeschläfert sind. Schließlich ist es vom Querdenker zum Querulanten nur ein kurzer Sprung im Duden. Man muss nur die Behaglichkeit, in der Knospe rumzuhängen und von einer Klausur zur nächsten zu hecheln, besser vermarkten, als das Risiko, das mit dem Blühen verbunden ist. Damit auch ja niemand von einem durchschlagenden Gedanken gebissen werden könne. Die Schule ist eine Falle, in der ein bisschen echte, humanistische Bildung in junge Gehirne injiziert wird, um verschleiern zu können, dass dabei der ganze Narrativ einer einzelnen Werbekampagne ähnelt. Welche ihre Besucher glauben machen soll, dass sie die Gesellschaft genau so brauchen, wie sie eben ist.

7. Um auch wirklich langfristig von diesem Hochgenuss zu profitieren, ist auch die weitere Aufbewahrung von großer Wichtigkeit. Nachdem man seine zwölf oder dreizehn Jahre brav in den Rezitationsräumen abgesessen hat und diese Institution mit einem Bauch voller Worte und einem leichten Schwindel im Oberstübchen verlassen hat, sollte man vor allem einen Studiengang finden, mit dem man später ein relevanter Teil der Gesellschaft ist. Mit dem man auf jedem Partygespräch und bei den Schwiegereltern der Mittelpunkt des Gesprächs ist. Am Ende hat man zumindest eine gute Einbildung genossen. Dazu sollte man auf jeden Fall Rotwein schlürfen, dann ist der Duktus gleich akademischer. Mit schlauen Begriffe kann man zumindest den Mangel an wirklichen Erkenntnissen verschleiern. Schießlich sind Ideen, die einmal geweckt worden sind, auch gefählich. Sie schlummern bekanntlich nicht mehr. Und man sollte doch lieber die Automobilindustrie stärken als unter Insomnie leidende Eingebungen in die Welt zu setzen?

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