Antiproduktivitätsattacke

Heute bin ich systemirrelevant. Ich gammle ohne Sinn und Verstand, ohne Effizienz und Ziel an einem Flughafen, ohne auch überhaupt nur vor zu haben, in ein Flugzeug zu steigen. Ich fühle mich wie Ronja Räubertochter und Lara  Croft in einer Person. Ich bin am Ort der höchsten Sicherheitsstufen, des kaskadierend ineinander fließenden Menschen Mengen Management Systeme, des handgebrühten Kaffees to run und der heimeligen Stulle wie bei Muttern im Schlingformat.

Menschen Ströme ergießen sich Rolltreppen hinunter und Laufbänder entlang, Scharen kleiner Punkte ohne Herdensinn, geleitet von den Söldnern der reibungslosen Abläufe in marineblauen Stiftröcken und Bundfaltenhosen, die nach Großstadt riechen, wo man den Odeur von Mangel und Stärke erwartet hätte. Hier werden bürgerliche Kategorien zelebriert und Klischees in Lippenstift und Nagellack gegossen. Kellner sind ein befreites Volk gegen das Stöckelschuhgeschwader, das einst von Sophistikation und perfekt behaarten Pilotenbrüsten geträumt hat. Busfahrer sind ein selbstbestimmtes Volk, das die Herzen von Schulkindern mit der richtigen Musik und deren Lautstärke gewinnen kann, gegen die kurzlebigen Zwangspartnerschaften von Cockpithengsten. Wurstwarenverkäuferinnen sind ein feinfühliges Volk gegen die grobschlächtigen professionellen Grabscher an der Sicherheitsschleuse.

Wer den Mut hat, am Boden zu bleiben, unspektakulär zu sein, wer die Haftung ehrt, gewinnt einzig seine Festigkeit zurück. Frauen halten sich Frisuren wie Backwaren. Männer halten Handtaschen. Kinder gefälligst den Mund. Hier investieren hart arbeitende Menschen ihr Geld in ferne Strände, an denen die Familie endlich mal zusammen ist und sich streiten kann. Hier fliegen Business Männer und ihre weiblich anmutenden Pendants auf philippinische Inseln, um die Einzigartigkeit ihrer Tütensuppen zu präsentierten. Hier betasten Hände in Latex verschwitzte Menschen an privaten Stellen, zum beiderseitigen Ekel. Hier ist Käse eine Paste mit potentieller Sprengraft und ein schweizer Taschenmesser eine anerkannte Waffe.

Ich stehe in Schlangen vor einem Sicherheitscheck, den ich nie durchqueren werde und trage meinen Schal als Kopftuch, weil ich es kann. Beobachte, wie Menschen Stress Akne bekommen, weil asiatische Touristengene zur Beschleunigung der Abläufe unverrichteter Dinge an Souvenir Shops vorbei gehen müssen und keine lustige Elch Tasse kaufen dürfen. Ein Kind schreit und wirkt so lebendig und itzig und herrlich querulant. Wir sind Geschwister im Geiste. Ich könnte ein Terrorist sein. Jeden Tag hier her kommen und nach Löchern suchen.

Aber was tue ich hier wirklich? Ich töte. Das wertvollste. Aus Protest. Aus purer Dekadenz. Ich töte Sekunden, Minuten, fünf Stunden meiner Lebenszeit. Ohne Sinn. Ohne Leistung. Ohne Wertschöpfung. Ohne Relevanz. Ich könnte jetzt auch Geld verdienen. Es anderen Menschen wegnehmen. CO2 einsparen. Konsumieren. Beides gleichzeitig? Mich  alle 11 Minuten verlieben. Oder öfter? Ich könnte Sex haben. Besseren Sex, weil ich die richtige Tütensuppe konsumiert habe. Den Philippinen ein Bespiel sein. Etwas für mein Land tun. Mich vermehren.

Ich sitze im Auge des Systems und beobachte es. Ich bin das Sandkorn. Ob ich kratze? Wer weiß.

 

 

 

2 comments to “Antiproduktivitätsattacke”

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  1. Vanessa - 30. September 2017 at 12:08 Reply

    Oh Gott ich hatte jetzt Kopfkino .) Aber am Flughafen sitzen kann einen auf mega lustige Ideen bringen, oder mal Vorstellen man beobachtet da die Leute. Das haben wir mal mit meinem Neffen gemacht. einfach hin nach Hannover und mit ihm Flugzeuge geschaut. Die Menschen drum herum sind aber immer noch der Knüller.
    Du holst alle dieser Erinnerungen mit deinem text aus meinem Kopf vor.

    xoxo Vanessa

  2. Tom - 17. September 2017 at 08:57 Reply

    Humorvoller Beitrag, ich finde auch, dass Flughäfen sehr seltsame und auf eine bestimmte Weise auch sehr uniforme Orte sind. Ich hatte sehr viel Spaß beim Lesen! Grüße aus Gießen 🙂

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