Babel Calling

 

Auch scheinbar abstruse Ideen sind, hat man sie erst einmal in die Welt gesetzt, meist nicht schnell tot zu bekommen. Dies ist die Geschichte einer solchen, die zwar nie umgesetzt wurde, aber trotzdem sehr viel aussagt über jene, die sich für sie eingesetzt haben.  Großprojekte und überdimensionierte Machtdemonstrationen in Beton und Stahl sind keine Erfindung der letzten Jahrzehnte. Von den Pyramiden oder dem Taj Mahal bis hin zum World Trade Center  – ein kleiner weltgeschichtlicher Narrativ der Autoritätsbekundung. Dabei spiegeln sie immer auch die Attitüde ihrer Auftraggeber wieder, ihnen haftet der Wunsch nach unsterblicher Größe an. Und jene, die scheitern, tun das ebenfalls mit entsprechender epischer Dramatik und einem lautstarken Abgesang auf das Millionengrab.

In einem Land, das etwa über ein Neuntel des weltweiten Oberflächensüßwassers verfügt, sind es gerade die südlichen Regionen mit ihren fruchtbaren Böden, die durch aride Bedingungen geprägt sind. Bevölkerungsverteilung und Wasservorkommen stimmen nicht überein. So schlug  Alexander von Schrenk, ein Sachverständiger des Zaren, einen Kanalbau vor,  der Zentralasien mit sibirischem Wasser versorgen soll. Nachdem sich die Wassermenge des Aralsees und des Asowschen Meeres durch die exzessive Nutzung immer weiter verringerten, wurde 1976 ein großangelegtes Forschungsprogramm initiiert.

Der Traum vom Ende der Knappheit

Und so wurden Pläne geschmiedet, in der Partei wurde vom Ende der Nahrungsmittelknappheit und Millionen Hektar trockener Steppe, geträumt, indem jährlich 27,7 km3 Wasser über eine Distanz von 2500 km in den Süden mittels eines Sibaral Kanalsystems umgeleitet würden, welches alleine durch seine gigantischen Proportionen bestochen hätte. Allein die Ausarbeitung dieses s.g. Dawydow-Plan beschäftigte auf  seinem  Höhepunkt  250  wissenschaftliche Einrichtungen, Entwicklungsbüros,  Bauunternehmen und  Ministerien (1).  Man sah Zentralasien zum mächtigen Zentrum der Industrie- und Nahrungsmittelproduktion avancieren. Wer jemals die wilde und weite Schönheit von Tundra und Taiga erlebt hat, kann aus ökologischer Perspektive nur schaudern.

Die Sowjetunion hatte immer auch Infrastruktur-Großprojekte genutzt, um sich als industrieller Vorzeigestaat zu präsentieren, als Triebkraft  der Modernisierung. Und wenn die Überlegenheit der eigenen Staatsideologie zementiert werden soll, was bietet sich da besser an, als die natürlichen Legitimationen des eigenen Landes zu überwinden? Ganz besonders, wenn dies im Geiste der Selbstverwirklichung durch Arbeit geschieht, der Mensch sich die Natur aneignet und sie nach den Bedürfnissen des Kollektivs umformt.

Ungewohnt lebhafte Debatte

Ohne Rücksicht auf klimatische Faktoren wurde auch die Landschaft in homogene Strukturen  eingeteilt, der Einsatz von Technologien wurde nicht immer an regionale Bedingungen angepasst. Bei geschätzten Kosten von 50 Milliarden Rubeln (damals 165 Milliarden Mark) (2) entfachte sich jedoch eine für sowjetische Verhältnisse ungewöhnlich lebhafte und langwierige öffentliche Debatte. Und ja, tatsächlich meldeten sich auch erste kritische Stimmen zu Wort, was dies für klimatische Folgen hervorrufen würde. Einige Wissenschaftler gingen davon aus, dass sich durch die verringerten Eismengen der Klimagürtel bis zu 400 km nach Norden verschieben könne. Auch das gegenläufige Szenario wurde diskutiert, die Wachstumsperiode verkürzen,  wenn die zusätzlichen Wassermassen des gewaltigen Binnensees im Winter als Eis vorlägen, Kälte speicherten und damit den Anbruch des Frühlings verzögerten. So oder so – die verherenden Folgen waren kaum abzuschätzen.

Die endgültige Entscheidung, das Flussumlenkungsprojekt fallen zu lassen, fiel im August 1986 (3), doch bis ins 21. Jahrhundert ist die abenteuerliche Idee nicht ganz tot zu bekommen. Dabei war das Vorhaben – egal, in welchem Kontext es aufgebracht wurde – immer vor allem eines: der Versuch, ein gesellschaftliches Problem durch ein aberwitzig dimensioniertes Ingenieursprojekt  zu lösen.

 

 

Literaturverzeichnis

  1. Problema Territorial’nogo PereraspredeleniiaVodnykh Resursov. Voropaev, G. V. und Ratkovich, D. Ia. Moskau : s.n., 1985. IVP AN SSSR.
  2. Wenn Sibiriens Flüsse rückwärts fließen. Hamburg : DER SPIEGEL, 47, 1984.
  3. Salay, Jürgen. The Soviet Union River Diversion Project. Uppsala Papers in Economic History. Research Report No 17, 1988.

 

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