Best-of Superlocke

Die Superlocke hat sich nun ein Jahr wöchentlich die gelockten Haare gerauft, Ideen zu Pamphleten verdichtet und euch mit neuem Hirnschmalz versorgt. Nun wird sie sich anderen Projekten zuwenden, bis sie das Gefühl hat, dass die Welt ihre literarischen Ergüsse wieder braucht. Damit ihr die Zeit, bis sie wiederkehrt, gut überstehen könnte, gibt sie euch aber noch die zehn beliebtesten Beiträge mit auf den Weg. Außerdem freut sie sich weiterhin über Kommentare, Anregungen und neue Artikelideen – für die Zeit nach der Pause. Bis dahin ist sie sich sicher, dass ihr groß, stark und mächtig bleiben werdet – und natürlich eure ondulierte Weltanschauung nicht verliert!

Bis bald, Eure Superlocke

 

1.) Ich bin hier bloß der Couchsurfer …

Die Küche ist eine schräge Mischung zwischen Baustelle und Selbstfindungstrip. Farblich überwiegt ein aggressiv fröhliches orange, das sich in leichten Nuancen über die Wände schwingt. In der Ecke sitzen zwei junge Frauen und unterhalten sich angeregt. Keine Ahnung, ob sie auch hier wohnen. Ich habe längst den Überblick verloren, wer von den Leuten, die hier ein und ausgehen, eigentlich hier lebt. Ich bin hier nämlich nur der Couchsurfer, ein stiller, allgemein geduldeter Beobachter. […]

 

2.) Das Dazwischen

Es gibt da eine Frau, die ich kenne. Sie hat einen 5-Jahres-Plan. Ich kenne sie nicht gemäß der Kategorie Bekannte (ein Wort, das gefühlt nur noch meine Großeltern benutzen). Sondern flüchtiger. Ich saß schon oft neben ihr, essend und schweigend. Ich habe schon sehr oft über sie nachgedacht. Aber mehr als ein paar Phrasen haben wir noch nie ausgetauscht. Wir haben den gleichen Studentenjob, und aus irgendeinem Grund weiß ich einfach eine Menge über sie. Zum Beispiel, dass sie noch einen zweiten von diesen 20-Stunden Jobs hat. Und nebenher ihre Master-Arbeit schreibt. […]

 

3.) Große Äpfel

Es soll ja Menschen geben, die schon mal in Stuttgart waren und jetzt der Meinung sind, sie hätten das Konzept Großstadt durchschaut und damit praktisch schon alles gesehen, was die Welt in dieser Hinsicht zu bieten hat. Menschen, die so durchs Leben hoppeln, haben den springenden Punkt noch nicht erfasst. Es geht nicht darum, welche Sehenswürdigkeiten eine Stadt zu bieten hat. Der Eifelturm ist auch nur ein Koloss aus Stahl und Rost. Es geht darum, welche Gefühle sie in einem auslöst, zu welchem Menschen sie einen macht. […]

 

4.) Antiproduktivitätsattacke

Heute bin ich systemirrelevant. Ich gammle ohne Sinn und Verstand, ohne Effizienz und Ziel an einem Flughafen, ohne auch überhaupt nur vor zu haben, in ein Flugzeug zu steigen. Ich fühle mich wie Ronja Räubertochter und Lara  Croft in einer Person. Am Ort der höchsten Sicherheitsstufen, des kaskadierend ineinander fließenden Menschen Mengen Management Systeme, des handgebrühten Kaffees to run und der heimeligen Stulle wie bei Muttern im Schlingformat. […]

 

5.) Die Funken

Was wäre, wenn das Leben keinen Sinn hätte, kein höheres Ziel, keine tiefliegenden Gesetzmäßigkeiten, keine Prinzen auf weißen Pferden und keine langbärtigen alten Männer, die es besser verstehen, als wir selbst? Wenn das Leben nur eine kurze, selbstverschwenderische, anarchische Falte im Universum ist, ein kurzes Aufflackern von Ordnung in der immerfort steigenden Entropie alles seienden? Eine kurze Illusion von Macht und Möglichkeit, vor der nichts war und nach der nichts sein wird? Das wäre die pure, die ungezügelte Dekadenz. Eine nicht intendierte und nur in sich selbst existierende Welle von Bewusstsein, die sich selbst vergessen wird. Etwas großes Mächtiges, dass von niemandem als solches gesehen werden kann, da jene, die Teil daran haben, es für gottgegeben halten und das restliche, geistlose Universum es nicht wahrnehmen wird. […]

 

6.) Und Postman hatte Recht …

Über den Bildschirm flimmert eine Normfamilie in Normimmobilie mit Normoptik in einer Extremsituation, alle sind hysterisch und irrational. Ein weiterer, noch gebeutelt-authentischerer Superheld im superengen Spandexganzkörperstrumpf schwingt sich rettend-missmutig durch eine amerikanische Großstadt. Werwölfe und Vampire teilen ihr Kleinstadtleben und ihre Teenagerprobleme ebenso miteinander wie den geplanten Feldzug gegen das Urböse in Gestalt eines Mitzwanziger mit Hundeaugen und Designeranzug. […]

 

7.) Talkshow mit Sören

Stell dir vor, du wärst ein Wort. Der Einfachheit halber geben wir dir am besten einen Namen. Das stärkt schon die persönliche Bindung und schafft eine herrliche Identifikationsgrundlage. Das klappt schon bei Kaninchen wunderbar, gibt man ihnen einen Namen – schwups – steigen die Chancen des entsprechenden flauschigen Individuums, nicht im Schmortopf zu verenden. Also, stell dir vor du bist ein Wort und du heißt – Sören.  Mal abgesehen davon, dass niemand auf die Idee käme, sein Haustier so zu nennen. […]

 

8.) Anleitung, um nicht klüger zu werden

Man nehme mindestens ein doppeltes Dutzend – je nach Geschmack darf hier auch gerne etwas mehr hinzugefügt werden – von, mit körpereigenen Drogen vollgepumpten, auf ihre eigene Existenz erst klar kommen müssenden, Vollpubertierenden. Dieses seltsame, retardierende Moment, das die Dreizehnvierzehnjährigen aus der gemütlichen Kindheit heraus in eine neue Welt katapultiert. Dieses wird vom eigenen Körper diktiert, Alltagsdetails wie das gemeinsame Umziehen vor dem Sport werden zu riesigen Monstern aufgeblasen […]

 

9.) Im Trüben Fischen – Was kann Wissenschaft leisten?

Seit Gott nicht nur von Nietzsche, sondern auch von einem breiten gesellschaftlichen Konsens für tot oder zumindest für irrelevant erklärt wurde, braucht der Mensch neue Glaubenskonstrukte. Religion hat über Jahrhunderte hinweg die Interpretationsleitlinie im Umgang mit dem Unfassbaren, dem über-sinnliche-Wahrnehmung-hinausgehenden gestiftet. Das ist jedoch längst weggebrochen. Dafür hat die Wissenschaft in Teilen nahezu religiöse Züge angenonmmen. Immerhin ist er ein biologisches Wesen mit mangelhaften Instinkten und einem sehr geringen Maß an angeborenen Verhaltensweisen und damit einem „in die Welt geworfen sein“, wie Sartre sagen würde, ausgesetzt. So ist jeder zur Konstruktion seiner sozialen Wirklichkeit genötigt. Der Mensch ist durch das Fehlen von angeborenen Reaktionsmustern auf Umweltreize dazu verdammt, sich selbst einen Narrativ der Wirklichkeit zu konstruieren, um in der Lage zu sein, mit ihr umzugehen. Ebenso, wie er normative Grundlagen für das Zusammenleben schaffen muss. […]

10.) Makkaroni mit Käse und Minderwertigkeitskomplexen

Es ist nicht möglich, in Kanada zu leben, ohne eine Meinung zu KD zu haben. Eine sehr ausgeprägte Meinung. Man liebt es oder man hasst es. Oder man konsumiert es nur im stillen Kämmerchen, wenn keiner zusieht. Oder man findet es eigentlich grundekelig, verbindet aber gleichzeitig nette Kindheitserinnerungen damit, so dass man sich seinem Reiz nicht ganz entziehen kann. Dabei stehen der klotzige und der dickbauchige Buchstabe weder für eine schlechte Fernsehserie noch einen weiteren dudeligen Radiosender, sondern für Kraft Dinner – ein seit 1937 erhältliches Fertiggericht aus Makkaroni mit Käsesoße. […]

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