Captain Anarchy

Er schreibt Gedichte auf alte Flugblätter. Er droht damit, sie vorzulesen. Er zeichnet dazu, dem Artwork vom Generalstreik in Barcelona 1919 stets treu bleibend, mit Wachsmalkreidebrocken in ausdrucksstarken, wütenden Strichen. Kaum hat es die Runde versäumt, nein zu sagen, macht er seine Drohung wahr.

„Mitten in der Menge unter Skandieren und Johlen
Kann ich mich nicht von deiner Schönheit erholen,
Deinen strahlend blauen Augen nicht entrinnen,
Selbst wenn sie tränengasbedingt in Tränen schwimmen. …“

Die Skizze des Mädchens mit den schönen Augen, die vom staatlichen Gewaltmonopol chemisch induziert in Tränen baden, weint das Wort Austerität an. Eine epische Liebesgeschichte im Angesicht des oppressiven Systems mit hoppelndem Trochäus, Reimen, die auch einem Schlagerkönig würdig gewesen wären und an deren Ende das lyrische Ich und die schönen Augen von Wasserwerfern unter einer Woge der Bildsprache derselben Mehrheitskultur brutal auseinander getrieben werden.

„… Ich will dich noch halten, ich will dich noch stützen,
Doch auseinandergetrieben von Distanzgeschützen,
Trennt uns das System und die pure Wassergewalt,
In dieser Welt findet unsere Liebe keinen Halt.“

Alle schweigen.  Ein Raum in der Bibliothek. 8 Menschen. Ein Besucher. Der heimelig-muffige Geruch alter Bücher fehlt, stattdessen riecht es nach industrieller Zitrone und abgestandenem Raumerfrischer, etwas, was der Grundidee einer Bibliothek schon zutiefst widerspricht. Er ist ein Gleichgesinnter aus Toronto, sagt er. Man muss kein Wort mit ihm gewechselt haben, um seine politische Orientierung zu kennen. Diese prangt im gleichen Design auf seiner Brust, wie sonst ein „I <3 Berlin“ Slogan. Weiß auf schwarz mit zwei roten Streifen, oben und unten. Inklusive Herz. Trotzdem erzählt er gerne von sich, in der obligatorischen Vorstellungsrunde, in der wir Name, Studienfach und Lieblingsgeruch nennen sollen. Warum kann man nicht einmal Kategorien einführen, die wirklich etwas aussagen? Kosmischer Antagonist zum Beispiel, oder welche Version des Jenseits einem die sympathischste ist  oder wem man am liebsten eine Torte ins Gesicht drücken würde, tote Personen eingeschlossen?

Frei von Ideologien hat er die Unterdrückung seines Denkens überwunden, sagt er, und nippt an einem bekannten Limonadengetränk, während er sich Notizen auf seinem hippen Tablett macht. Seine Weltsicht ist einfach, es gibt die bösen Unterdrücker und die unschuldigen Opfer derselben. Wie sich Macht kaskadierend reproduziert, in Nuancen ausgeübt werden kann und kapitalistische Denkmuster selbst intime Beziehungen durchdringen können, darüber redet er nicht. Dass er selbst aus einer gemütlichen Blase heraus argumentiert, die kein Prekariat kennt, sondern spanischen Rotwein und laue Hinterzimmergespräche, darüber spricht er nicht. Er predigt die Revolution und macht sich noch ein Bier auf. In der Bibliothek (man denke sich an dieser Stelle das erschrocken Gesicht einer zugeknöpften Bibliothekarin)! Er ist ein wahrer Rebell, in seinen Adern fließt Nitroglycerin statt Blut, er ist der Vater jedes einzelnen Brandsatzes, der den Umsturz Stück für Stück erzwingen wird, denn der Stift ist machtlos und nur wer schreit wird gehört.

Engels hatte Mary und Lydia Burns. In Barcelona hatten sie 1919 das Rückrat, für ihre Überzeugungen zu stehen. Er hat Recht. Chronisch Recht. Am Ende der Sitzung ist die Lektüre für die nächste Lesegruppe beschlossen. Alles geht in ein plätscherndes Geplauder unter. Man endet in einer Kneipe. Wir sind der Stein des Anstoßes, sagt einer. Alle stoßen an.  Die Revolution ist nicht mehr aufzuhalten!

Nicht alles was brennt, ist Anarchie. Nicht jeder der Steine wirft, kann deswegen nicht trotzdem auf ein geharktes Max Mustermann Leben blicken. Nicht jeder, der dem Gott des Molotows huldigt, hat einen Bachelor in kritischer Theorie. Vielleicht ist der wahre Feind Teil der Arbeiterklasse, fährt in seinem wohlverdienten Urlaub, den er sich mit Lebenszeit erkauft hat, die er auf einer sinnentleerten Arbeitsstellen abgesessen hat, auf einem Kreuzfahrtschiff und schunkelt zu Helene Fischer, ernährt sich genüsslich von vakuumverschweißtem Regenwald und sagt Sätze, die in der Mitte ein aber enthalten. Vielleicht ist der wahre Feind das Mittelmaß. Und du, lieber Captain Anarchy, bist mittelmäßig in deinem übermäßigen Enthusiasmus, in deinem perfekt durchkomponierten Style und deiner bis in die letzte Faser ideologisch durchtränkten Weltordnung. Mittelmäßig authentisch mit deinem 100-Dollar-Mohawak. Mittelmäßig durchdacht in deiner rhetorischen Ablehnung jeglicher Autorität, während du selbige in jeder sozialen Konstellation sofort an dich zu reißen versuchst. Mittelmäßig empathisch, wenn du davon sprichst, ein Klasse zu befreien, von der du sicherlich schon lange kein Teil mehr bist.

„Mama, was ist denn das?“, wird eines Tages ein Kind sagen und auf die Glasscheibe im Museum zeigen und da wird einer stehen wie so wie du. „Captain Anarchy“ wird darunter stehen. „So petulant that he’s a poser.“  Du bist Stillstand. Ich glaube, du bist so damit beschäftigt, du selbst zu sein, dass du sonst im Laufe des Tages zu nicht viel kommst.

 

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