Die Ära der Blutsbrüder ist vorbei

"[…] daß [der Mensch] auf nichts anderes als auf sich selber zählen kann, daß er allein ist, verlassen auf der Erde inmitten seiner unendlichen Verantwortlichkeiten, ohne Hilfe noch Beistand, ohne ein anderes Ziel als das, das er sich selbst geben wird", sagt Sartre. (1) „Die Ära der Blutsbrüder ist vorbei“, sage ich. Da ist dieses große, gefräßige schwarze Loch. Jener Teil von mir, der wahrscheinlich der älteste ist. Ich meine kein Monster, das einem nächtliche Zweifel einflüstert, aber an dessen Flauschigkeit man sich irgendwann gewöhnt, so dass man es als Haustier anerkennt. Ich meine kein Gespenst des „Hätte-Wäre-Wenn“, das an den Hacken klebt und mit nicht eingetretenen Szenarien um sich wirft, dessen an Begleitung man aber auch irgendwann einmal gewöhnt. Gesellschaft ist Gesellschaft, selbst wenn es eine schlechte ist. Ich meine das existentielle Nichts. Die Ahnung dessen, dass ich eine kurze, selbstverschwenderische, anarchische Falte im Universum bin, aber trotzdem zwischen den Emotionen, zwischen der Palette von lilakreischgrün zu erbesensuppengrau, nur die fehlende Resonanz des Vakuums liegt. Das Loch ist etwas, dass mein Sein fundamental in Frage stellt. Ich glaube, jeder hat es und jeder versucht, es mit irgendetwas zu stopfen. Gott, Geld und Liebe sind vielleicht die Klassiker. Dass Gott die nächsten Jahrtausende nicht eingreifen kann, weil die Katze auf seinem Schoß eingeschlafen ist, sollte aber kein allzu großes Geheimnis mehr sein. Dass sich niemand  in einer altrosafarbenen Zeremonie glücklich heiratet kann und der Gott des Gemetzels hinter den besonders akkurat geharkten Hofeinfahrten lauert,  kann selbst die Töpfchen-Deckelchen-Propaganda nicht leugnen. Und auch die Existenz des Geldes ist nur zu loben, weil seine Nicht-Anwesenheit zu verabscheuenswürdigen Umständen führt. Dafür bin ich auf die Propagandamasche der Kinderliteratur hereingefallen und habe an Freundschaft geglaubt. Epische Freundschaft. An einen rudimentären Zauberbund. Etwas, das Räubertöchter mit den befeindeten Räubersöhnen der Nachbarburg schließen, gegen alle Widerstände. An eine mysthische Seelenverbindung, an Kontinuität mit naturgesetzhafter Zuverlässigkeit und eine Blutsbrüderschaft, die die einzig in Stein gemeißelte Sache dieser Welt ist. "Der Mensch muß sich sein eigenes Wesen schaffen; indem er sich in die Welt wirft, in ihr leidet, in ihr kämpft, definiert er sich allmählich“, sagt Sartre. (2) „Was soll hier zwischen all diesen lauwarmen Menschen“, sage ich. Echte Blutsgeschwister findet man besonders da, wo es Ecken und Kanten gibt, an denen man sich die Haut aufschürfen kann. Mir war auch im Tapsalter bereits klar,  dass es nur wenige Menschen wert sind, das Messer für sie zu zücken.  Wir haben den höchsten Grad der Epik und der Symbiose erreicht. In fremden Zungen zueinander gesprochen und die Wörter haben nur uns gehorcht. Die wirklich wichtigen Fragen gestellt. Existiert dazwischen noch, wenn rechts und links schon gegangen sind? Lässt sich unser Interesse am Bestehen der Menschheit auf mehr als zehn Personen ausweiten? Fühlt sich der Februar gemobbt? Aber das Leben ist nur eine Aneinanderreihung von Episoden, ein kleiner Krieg mit freundlicher Fassade nach außen. Wäre es wenigstens ein großer Krieg, dann hätte er wenigsten den Odeur des Ruhmes und der Niedagewesenheit. Aber die Zeit der Indianer ist vorbei. Und das ist lange passiert, bevor du dir die Haare abgeschnitten und die Federn aus den selbigen genommen hast. Es ist der Tag gekommen, an dem du aufgehört hast, in bunten Farben zu denken. Überhaupt zu denken. Nicht nur zu wiederholen und neu zu kombinieren. Die Träume haben dir irgendwann nicht mehr gehorcht und sind aus deinen Nächten geflüchtet. Von da an musstest du plötzlich in genau durchgetakteten regelmäßigen Intervallen schlafen. Meine Rauchzeichen haben dich nicht mehr erreicht. Auch ich habe nur noch Schattenmännchen reproduziert. Dann kam der Tag, an dem du aufgehört hast, in Büchern zu verschwinden. Von da an hast du nur noch Papier besessen. Du hast das Tipi in den Keller gepackt und bist in ein steinernes Haus gezogen. Wir hätten es beide schon vorher merken können. Eigentlich hat es schon an dem Tag begonnen, an dem der Hund uns nicht mehr geantwortet hat. Aber auch ich habe die stumme Warnung nicht verstanden. Ich kann nicht mehr sagen, was zuerst kaputt gegangen ist – wir oder du.  Irgendwann wird der Punkt kommen, an dem ich mich vor dir retten werde müssen, wenn ich nicht so werden will wie du. Wenn es so weit gekommen ist, dass das Kind in deinem Inneren erdrückt wird von Schnitzel, Pommes und Bausparverträgen. Kinder werden dann dich für langweilig erachten.  Erwachsene für strebsam. Frauen für eine sichere Partie. Die Pferde, die wir zusammen stehlen wollten, grasen immer noch gelangweilt auf ihrer Weide. Das eine mit seiner sternförmigen Blesse, das andere mit seinen Flecken, die ihn in anderen Zeiten vor dem Schicksal des Armeepferdes bewahrt hätten. Das Leben fließt, sagst du. Nur mein Geist, der fließt wohl noch zu wenig. Dinge von grundsätzlich organischer Natur lassen sich nicht in Stein meißeln, sagst du, so viele Vorschlaghämmer man sich auch bestellt. Man muss die Aufstiegschancen mehr ehren als die Prärie. Das sagst du nicht. Du bist viel zu sehr damit beschäftigt, Termine wahrzunehmen, als dass du in solchen Kategorien denken könntest. Ich kann kaum glauben, was aus uns geworden ist. „Die Definition bleibt immer offen; man kann nicht sagen, was ein bestimmter Mensch ist, bevor er nicht gestorben ist, oder was die Menschheit ist, bevor sie nicht verschwunden ist", sagt Sartre. (2) „Ich hab keinen Bock mehr“, sage ich. Und denke darüber nach, ob das gefleckte Pferd nicht zu einsam ist, wenn ich seinen einzigen Mitbewohner stehle.   (1) Zum Existentialismus. Eine Klarstellung, in Der Existentialismus ist ein Humanismus. und andere philosophische Essays, Jean-Paul Sartre, Hg. Vincent von Wroblewski, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 6. Auflage August 2012, S. 118 (2) Zum Existentialismus. Eine Klarstellung, in Der Existentialismus ist ein Humanismus. und andere philosophische Essays, Jean-Paul Sartre, Hg. Vincent von Wroblewski, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 6. Auflage August 2012, S. 116

Babel Calling

  Auch scheinbar abstruse Ideen sind, hat man sie erst einmal in die Welt gesetzt, meist nicht schnell tot zu bekommen. Dies ist die Geschichte einer solchen, die zwar nie umgesetzt wurde, aber trotzdem sehr viel aussagt über jene, die sich für sie eingesetzt haben.  Großprojekte und überdimensionierte Machtdemonstrationen in Beton und Stahl sind keine Erfindung der letzten Jahrzehnte. Von den Pyramiden oder dem Taj Mahal bis hin zum World Trade Center  - ein kleiner weltgeschichtlicher Narrativ der Autoritätsbekundung. Dabei spiegeln sie immer auch die Attitüde ihrer Auftraggeber wieder, ihnen haftet der Wunsch nach unsterblicher Größe an. Und jene, die scheitern, tun das ebenfalls mit entsprechender epischer Dramatik und einem lautstarken Abgesang auf das Millionengrab. In einem Land, das etwa über ein Neuntel des weltweiten Oberflächensüßwassers verfügt, sind es gerade die südlichen Regionen mit ihren fruchtbaren Böden, die durch aride Bedingungen geprägt sind. Bevölkerungsverteilung und Wasservorkommen stimmen nicht überein. So schlug  Alexander von Schrenk, ein Sachverständiger des Zaren, einen Kanalbau vor,  der Zentralasien mit sibirischem Wasser versorgen soll. Nachdem sich die Wassermenge des Aralsees und des Asowschen Meeres durch die exzessive Nutzung immer weiter verringerten, wurde 1976 ein großangelegtes Forschungsprogramm initiiert.

Der Traum vom Ende der Knappheit

Und so wurden Pläne geschmiedet, in der Partei wurde vom Ende der Nahrungsmittelknappheit und Millionen Hektar trockener Steppe, geträumt, indem jährlich 27,7 km3 Wasser über eine Distanz von 2500 km in den Süden mittels eines Sibaral Kanalsystems umgeleitet würden, welches alleine durch seine gigantischen Proportionen bestochen hätte. Allein die Ausarbeitung dieses s.g. Dawydow-Plan beschäftigte auf  seinem  Höhepunkt  250  wissenschaftliche Einrichtungen, Entwicklungsbüros,  Bauunternehmen und  Ministerien (1).  Man sah Zentralasien zum mächtigen Zentrum der Industrie- und Nahrungsmittelproduktion avancieren. Wer jemals die wilde und weite Schönheit von Tundra und Taiga erlebt hat, kann aus ökologischer Perspektive nur schaudern. Die Sowjetunion hatte immer auch Infrastruktur-Großprojekte genutzt, um sich als industrieller Vorzeigestaat zu präsentieren, als Triebkraft  der Modernisierung. Und wenn die Überlegenheit der eigenen Staatsideologie zementiert werden soll, was bietet sich da besser an, als die natürlichen Legitimationen des eigenen Landes zu überwinden? Ganz besonders, wenn dies im Geiste der Selbstverwirklichung durch Arbeit geschieht, der Mensch sich die Natur aneignet und sie nach den Bedürfnissen des Kollektivs umformt.

Ungewohnt lebhafte Debatte

Ohne Rücksicht auf klimatische Faktoren wurde auch die Landschaft in homogene Strukturen  eingeteilt, der Einsatz von Technologien wurde nicht immer an regionale Bedingungen angepasst. Bei geschätzten Kosten von 50 Milliarden Rubeln (damals 165 Milliarden Mark) (2) entfachte sich jedoch eine für sowjetische Verhältnisse ungewöhnlich lebhafte und langwierige öffentliche Debatte. Und ja, tatsächlich meldeten sich auch erste kritische Stimmen zu Wort, was dies für klimatische Folgen hervorrufen würde. Einige Wissenschaftler gingen davon aus, dass sich durch die verringerten Eismengen der Klimagürtel bis zu 400 km nach Norden verschieben könne. Auch das gegenläufige Szenario wurde diskutiert, die Wachstumsperiode verkürzen,  wenn die zusätzlichen Wassermassen des gewaltigen Binnensees im Winter als Eis vorlägen, Kälte speicherten und damit den Anbruch des Frühlings verzögerten. So oder so – die verherenden Folgen waren kaum abzuschätzen. Die endgültige Entscheidung, das Flussumlenkungsprojekt fallen zu lassen, fiel im August 1986 (3), doch bis ins 21. Jahrhundert ist die abenteuerliche Idee nicht ganz tot zu bekommen. Dabei war das Vorhaben - egal, in welchem Kontext es aufgebracht wurde - immer vor allem eines: der Versuch, ein gesellschaftliches Problem durch ein aberwitzig dimensioniertes Ingenieursprojekt  zu lösen.     Literaturverzeichnis
  1. Problema Territorial’nogo PereraspredeleniiaVodnykh Resursov. Voropaev, G. V. und Ratkovich, D. Ia. Moskau : s.n., 1985. IVP AN SSSR.
  2. Wenn Sibiriens Flüsse rückwärts fließen. Hamburg : DER SPIEGEL, 47, 1984.
  3. Salay, Jürgen. The Soviet Union River Diversion Project. Uppsala Papers in Economic History. Research Report No 17, 1988.
 

Captain Anarchy

Er schreibt Gedichte auf alte Flugblätter. Er droht damit, sie vorzulesen. Er zeichnet dazu, dem Artwork vom Generalstreik in Barcelona 1919 stets treu bleibend, mit Wachsmalkreidebrocken in ausdrucksstarken, wütenden Strichen. Kaum hat es die Runde versäumt, nein zu sagen, macht er seine Drohung wahr.
„Mitten in der Menge unter Skandieren und Johlen Kann ich mich nicht von deiner Schönheit erholen, Deinen strahlend blauen Augen nicht entrinnen, Selbst wenn sie tränengasbedingt in Tränen schwimmen. …“
Die Skizze des Mädchens mit den schönen Augen, die vom staatlichen Gewaltmonopol chemisch induziert in Tränen baden, weint das Wort Austerität an. Eine epische Liebesgeschichte im Angesicht des oppressiven Systems mit hoppelndem Trochäus, Reimen, die auch einem Schlagerkönig würdig gewesen wären und an deren Ende das lyrische Ich und die schönen Augen von Wasserwerfern unter einer Woge der Bildsprache derselben Mehrheitskultur brutal auseinander getrieben werden.
„… Ich will dich noch halten, ich will dich noch stützen, Doch auseinandergetrieben von Distanzgeschützen, Trennt uns das System und die pure Wassergewalt, In dieser Welt findet unsere Liebe keinen Halt.“
Alle schweigen.  Ein Raum in der Bibliothek. 8 Menschen. Ein Besucher. Der heimelig-muffige Geruch alter Bücher fehlt, stattdessen riecht es nach industrieller Zitrone und abgestandenem Raumerfrischer, etwas, was der Grundidee einer Bibliothek schon zutiefst widerspricht. Er ist ein Gleichgesinnter aus Toronto, sagt er. Man muss kein Wort mit ihm gewechselt haben, um seine politische Orientierung zu kennen. Diese prangt im gleichen Design auf seiner Brust, wie sonst ein „I <3 Berlin“ Slogan. Weiß auf schwarz mit zwei roten Streifen, oben und unten. Inklusive Herz. Trotzdem erzählt er gerne von sich, in der obligatorischen Vorstellungsrunde, in der wir Name, Studienfach und Lieblingsgeruch nennen sollen. Warum kann man nicht einmal Kategorien einführen, die wirklich etwas aussagen? Kosmischer Antagonist zum Beispiel, oder welche Version des Jenseits einem die sympathischste ist  oder wem man am liebsten eine Torte ins Gesicht drücken würde, tote Personen eingeschlossen? Frei von Ideologien hat er die Unterdrückung seines Denkens überwunden, sagt er, und nippt an einem bekannten Limonadengetränk, während er sich Notizen auf seinem hippen Tablett macht. Seine Weltsicht ist einfach, es gibt die bösen Unterdrücker und die unschuldigen Opfer derselben. Wie sich Macht kaskadierend reproduziert, in Nuancen ausgeübt werden kann und kapitalistische Denkmuster selbst intime Beziehungen durchdringen können, darüber redet er nicht. Dass er selbst aus einer gemütlichen Blase heraus argumentiert, die kein Prekariat kennt, sondern spanischen Rotwein und laue Hinterzimmergespräche, darüber spricht er nicht. Er predigt die Revolution und macht sich noch ein Bier auf. In der Bibliothek (man denke sich an dieser Stelle das erschrocken Gesicht einer zugeknöpften Bibliothekarin)! Er ist ein wahrer Rebell, in seinen Adern fließt Nitroglycerin statt Blut, er ist der Vater jedes einzelnen Brandsatzes, der den Umsturz Stück für Stück erzwingen wird, denn der Stift ist machtlos und nur wer schreit wird gehört. Engels hatte Mary und Lydia Burns. In Barcelona hatten sie 1919 das Rückrat, für ihre Überzeugungen zu stehen. Er hat Recht. Chronisch Recht. Am Ende der Sitzung ist die Lektüre für die nächste Lesegruppe beschlossen. Alles geht in ein plätscherndes Geplauder unter. Man endet in einer Kneipe. Wir sind der Stein des Anstoßes, sagt einer. Alle stoßen an.  Die Revolution ist nicht mehr aufzuhalten! Nicht alles was brennt, ist Anarchie. Nicht jeder der Steine wirft, kann deswegen nicht trotzdem auf ein geharktes Max Mustermann Leben blicken. Nicht jeder, der dem Gott des Molotows huldigt, hat einen Bachelor in kritischer Theorie. Vielleicht ist der wahre Feind Teil der Arbeiterklasse, fährt in seinem wohlverdienten Urlaub, den er sich mit Lebenszeit erkauft hat, die er auf einer sinnentleerten Arbeitsstellen abgesessen hat, auf einem Kreuzfahrtschiff und schunkelt zu Helene Fischer, ernährt sich genüsslich von vakuumverschweißtem Regenwald und sagt Sätze, die in der Mitte ein aber enthalten. Vielleicht ist der wahre Feind das Mittelmaß. Und du, lieber Captain Anarchy, bist mittelmäßig in deinem übermäßigen Enthusiasmus, in deinem perfekt durchkomponierten Style und deiner bis in die letzte Faser ideologisch durchtränkten Weltordnung. Mittelmäßig authentisch mit deinem 100-Dollar-Mohawak. Mittelmäßig durchdacht in deiner rhetorischen Ablehnung jeglicher Autorität, während du selbige in jeder sozialen Konstellation sofort an dich zu reißen versuchst. Mittelmäßig empathisch, wenn du davon sprichst, ein Klasse zu befreien, von der du sicherlich schon lange kein Teil mehr bist. „Mama, was ist denn das?“, wird eines Tages ein Kind sagen und auf die Glasscheibe im Museum zeigen und da wird einer stehen wie so wie du. „Captain Anarchy“ wird darunter stehen. „So petulant that he’s a poser.“  Du bist Stillstand. Ich glaube, du bist so damit beschäftigt, du selbst zu sein, dass du sonst im Laufe des Tages zu nicht viel kommst.  

Triebsand

Triebsand, der. Substantiv, maskulin. Gebrauch: Technolekt. Häufigkeit: erhöht. Empfohlene Wordtrennung: Trieb|sand. Das, was dein Herz nachts um die Häuser ziehen lässt – ohne dich. Von dir ist nur noch eine körperliche, hechelnde Hülle übrig, wenn es am nächsten Morgen zurück kehrt, um wieder in deiner Brust herumzustottern, sobald du dieses eine Gesicht erblickst, das das alles zu verantworten hat. Das, was dir das Blut aus dem Kopf fallen lässt – und die Wörter aus dem Bauch. Das, was die Royal Airforce Kunstfliegerstaffel in deinem Bauch rumoren lässt. Das, was dafür sorgst, dass du es für Schmetterlinge hältst. Das, was dich denken lässt, genommen zu werden, wie du vielleicht gemeint gewesen bist. Ein Versprechen von Sommerfrische, in etwa so strahlend und flach wie das Grinsen der Frau in der dazugehörigen Werbung. Robot Unicorn Attack in Endlosschleife. Tagelang. Deine Empfindungen hängen einzig und allein vom Blinken oder nicht Blinken eines einzigen Symbols ab. Du hast tausend Erklärungen für Dinge, über die du im Normalfall noch nicht einmal nachdenken würdest. Es ist zwei Uhr nachts und du beschließt, dass du jetzt mindestens einen Liter Eiscreme essen musst und noch einmal die komplette dritte Staffel Sex and the City schauen solltest. Im Setzbaukasten fehlen die Zutaten für die Liebe deines Lebens, denn du hast sie dir zusammengesetzt mit weißem Bastelkleber, und nun sitzt dir dieser fleischgewordene nächtliche Kreativitätsanfall gegenüber und du merkst wieder, warum du schon immer schlechte Noten in Kunst bekommen hast. Das ist der Moment, in dem du erkennst, dass der Anzug zwar gut sitzt, aber die Kröte darin nicht. Und du begreifst: Eure Körper sind weniger sperrig als eure Herzen. Dein Zaunpfahl spricht eine andere Sprache als sein Morsealphabet. Aus horizontaler Perspektive siehst du leichtfüßig all die Dinge, die du einst auf deinen Wunschzettel geschrieben hast, doch vertikale Kommunikation ist eine ganz andere Kunst. Und im Moment fühlst du dich in beiden als blutiger Anfänger. Du hast einen Menschen in eine Glaskugel gesteckt und ihn mit Glitzer bestäubt und um ihn herum perfekte Miniaturhäuser gebaut. Und nun wunderst du dich, dass du ein mickriges, fröstelndes Männchen vor dir sitzen hast, mit einem Hauch von Glitzer auf den Schulterpartien. Ihr habt euch geschworen, euch keine Hoffnungen zu machen. Keine falschen Versprechungen. Indianerehrenwort. Jetzt schmierst du Kytta-Salbe auf dein Herz. Deine beste Freundin nennt es Schicksal. Wenn du ehrlich wärst würdest du es zufälliges nach rechts wischen nennen. Du machst eine Wissenschaft aus Luftschlössern und freudschen Trieben. Du baust dir deine Hängematte aus einem fotogenen Lächeln und gut gebauten Oberarmen. Du bist blödsinnig. Das weißt du auch. Das hilft dir auch nicht weiter. Du fällst. Du richtest das Krönchen. Du erblickst den nächsten Triebsand. Stürzt dich kopfüber hinein. Mit Krönchen. Dieses Mal hast du das eine Exemplar gefunden, dass nicht so verachtenswert ist wie alle anderen. Wie immer. Verwandte Wörter: Haltlosigkeit. Zerstörungswut. Serienmonogamist. Antonym: Erhaltungstrieb.  

Konversation mit Meeresfrüchten

Er öffnet seinen Mund und schließt ihn wieder. Auf. Zu. Aber kein Satz entkommt seinen schmalen Lippen, der es bis zu meinen Ohren schaffen würde. Kein Wort. Nur das hässliche Geräusch von sich berührenden, nassen Lippen, die zusammen gepresst werden, nur um sich gleich danach wieder zu öffnen. Ich schaue ihn an und alles was ich sehe ist ein gestrandetes Lebewesen, ein Einwohner der sieben Weltmeere, der ohne Wasser zurückgelassen wurde. Man hat ihn in einen Anzug gesteckt und das Atmen beigebracht, aber er kann immer noch nichts weiter als japsen. Seine Haare sind nach hinten gegelt und kleben ihm wie ein Helm am Schädel. Ich wäre nicht so überrascht, dünne Häutchen zwischen seinen Fingern wachsen zu sehen, wie Frösche und andere schleimige Teichbewohner sie haben. Ich mag an Französisch, dass es so herrlich rotzen kann an den Kanten und schleimen in den Biegungen. Wörter verlieren ihre Individualität und fließen ineinander, werden zu einem Klangteppich, zu einer teigigen Masse, die für sich selbst steht. Ich mag den Reiz von Neuanfängen, weil die Zeit noch nicht in vorgefertigte Einheiten eingeteilt ist. Das Leben wird zum Strategiespiel, statt sich wiederholende novembergraue Einheitspampe zu sein. Man wird noch nicht häppchenweise vom Alltagstrott verschlungen, sondern jagt den Herbstfarben nach, bevor der Winter kommt. Ich mag es, wie sehr die Menschen in den großen Dingen ähnlich sind und wie unterschiedlich in den kleinen, wenn man die Chance hat, ein Land wirklich kennen zu lernen. Aber das hier hat nichts mit all dem zu tun. Die Herrschaft der Bürokratie schlurft leise durch die Gänge, meist unbemerkt, ihr Grauton verschmilzt so wunderbar mit dem Hintergrundrauschen.   Sie rechnet mit fast allen Eventualitäten nur nicht damit, dass ich mich selbst am besten zu sortieren weiß, auch wenn meine Form der Ordnung eher organischer Natur ist. Ich sitze vor dieser kleinen verwaltungstechnischen Formalität. Mir gegenüber sitzt ein namenloser, wässriger Söldner des Papierkrieges. Sie haben ihm ein Denkmal gebaut aus Regularien und Arbeitsanweisungen und nun sitzt er dort. Ein fetter Krake im Seetang und spricht von der Kombinierbarkeit von Kursen unterschiedlicher Fakultäten und Einschreibungsfristen, als ginge es um die morgen herannahende Apokalypse. Er bringt noch nicht einmal die Verschlagenheit eines grauen Herrn zu Stande, er bringt es gerade einmal den Unangenehmheitslevel eines Seeigels, auf den man nicht treten möchte, dessen pure Existenz aber noch nicht einschüchtert. Ich habe 18 Stunden Reise in den Knochen. Ich habe nicht mehr die Energie, mit diesem plappernden zweitklassigen frutti di mare Schauspieler klar zu kommen. Der muffige Geruch der Aktenregale im Hintergrund, die wahrscheinlich nur noch längst digitalisierte Dekoration sind, macht jeglichen Anflug von Abendteuer zu Nichte. Obwohl ich nicht nachvollziehen kann, wie etwas so großes und erfreuliches zu so etwas kleinem, glibbrigem, nichtsbedeutendem schrumpfen kann, scheint das eines der fundamentalen Gesetze des Lebens zu sein. Man kann alles zerhacken, in Formulare pressen, es benennen und ihm die Seele aussaugen, bis das größte Gefühl, einen Namen, eine Kategorie und keinen Inhalt mehr hat. Ich sollte jetzt etwas sagen. Etwas Dramatisches. Ich glaube, er sagt gerade alle diese Sätze, die man in solchen Situationen eben zu sagen pflegt. Weist mich auf alle meine Verfehlungen hin und deren zutiefst tragisches Ausmaß. Genau kann ich es nicht wissen, sein Monolog plätschert immer noch an mir vorbei und alles was ich wirklich hören kann ist mein eigener, angestrengter Atem, so als hätte ich tatsächlich Wasser in den Ohren. Ich habe das Gefühl, er möchte, dass es mich genauso schockiert wie ihn, wie wenig ich mich mit den Regularien auseinander gesetzte haben. Während sich nun auch meine eigenen Lippen bewegen um die gleichsam bedeutungslosen Antworten auf seine bedeutungslosen Phrasen zu geben, sehe ich eben diese Szene vor meinem inneren Auge in hundertausenden verschiedenen Büros, die sich alle aneinander reihen, um sich dann wiederum aufeinander stapeln, wie kleine Legosteine, die in sich wiederum ein weiteres, viel größeres Büro ergeben, mit immer und immer wieder den gleichen Sätzen in allen möglichen Sprachen und mit unterschiedlichen Protagonisten, leicht zeitversetzt und doch überlappend, so dass das blubbernde Gewaber ihres Geschwätz meinen Kopf durch schwappt. „Für einen verspäteten Antrag auf eine Wahl von Kursen außerhalb des vorgesehenen Curriculums müssen Sie das Formular C13-1 beim Prüfungsamt der Fakultät …“ Plätscher. Plätscher. Und dann lasse ich mich einfach hinaus spülen, winke noch halbherzig mit meiner Flosse, ehe ich mich auf den plätschernden Wogen hinaustragen lassen, ich tropfe über die Stufen nach unten, während sich der Schwall an Belanglosigkeiten weiter bewaffnet sein. Ich werde dem wirbellosen Meeresbewohner seine kosmische Antagonistin mitbringen, mit ihren 21,8 kg Kampfgewicht, bewaffnet mit einer Hand voll Buntstiften, einem um uns herum ergießt, weil der Urheber von so viel Brackwasser aus seiner Bürotür getreten ist, bis ich die Ausgangstür aufreiße und alles abfließen kann. Ich stehe auf der Straße an einem kalten Septembermorgen und es riecht nach Dienstag. Nächstes Mal, wenn ich hierher komme, werde ich bewaffnet sein. Bewaffnet, mit der kosmischen Antagonistin des wirbellosen Meeresbewohnter und ihren 21,8 kg Kampfgewicht, gekrönt von einem triefenden Eis und einem nur lückenhaft bestückten, grinsenden Gebiss. Und sie wird damit drohen, knutschende Schnecken auf seine bügelglatten Vordrucke zu kritzeln, wird ihn mit ihren Fragen außer Gefecht setzen („Wer bist du in der anderen Welt?“. Stirnrunzeln der Qualle. „In der, in der jeder dass ist, was er wirklich ist. Ich bin dort Wegelagerin. Und du? Hofnarr?“) und ihm dann den Todesstoß verpassen, wenn sie versucht, ihm ihre aktuelle beste Freundin mit den acht sehr haarigen Beinen vorzustellen, die sie immer in einem kleinen Glas bei sich trägt. Sie wird ihn effektiv ablenken und ich werde die Möglichkeit nutzen, ihm über seinen Amazon Account ein Starter-Kit mit den besten Punkalben aller Zeiten zu bestellen, seinen Bausparvertrag zu kündigen und das Geld sofort in eine Reise zum Marie-Byrd-Land investieren sowie allen Kontakten in seiner Liste personalisierte Liebesgeständnisse schicken. Und dann wird er uns beide so lange hassen, bis er auf dem unbekannten Kontinent steht und die pure Freude und Macht des Überlebens, seine Existenz spürt.

Mit Malte wird alles anders

  Uhrzeitbedingt falle ich noch nicht unter die Kategorie Mensch, eher bin ich ein biologisch abbaubarer Sitzwärmer. Trotzdem versucht mein müdes Gehirn gerade zu berechnen, wie hoch mein gesetzlicher Wohnraumanspruch wäre, wenn ich ein Huhn wäre, allerdings bei gleichbleibender Körpergröße, und ob ich mich damit gegenüber des Status Quo verbessern würde. Zwei Haltestellen später merke ich, dass ich noch immer zu keinem Ergebnis gekommen bin, sondern stattdessen einfach nur den Typ mir gegenüber anstarre, welcher dies mit der gleichen Geste kontert. Wahrscheinlich sollte ich bei Gelegenheit den Tierschutzbund anrufen und sie mit diesem Problem konfrontieren. Tür auf, vier raus, sechs rein, Tür zu. Am Bahnsteig zurückbleiben. PARKSTRASSE. NOCH FÜNF STATIONEN. U-Bahnen sind kleine, fahrende Zauberschläuche in einem wesentlich größeren, allumfassenden Komplott. Sie nehmen den Mündern die Sprache, der Haut die Farbe und pflanzen eine derart überzeugende Leere in den Blick des Paares blauer Augen mir gegenüber, dass Parmenides alle Thesen zur Inexistenz des Nichts, sobald man dieses als solches benennt, verbrennen würde. Die Rohrpost wird geliefert. Sie steigt sogar bereitwillig ganz von selbst aus. Manche tragen sogar Adressschilder, die ihren Namen verkünden und aufzeigen, zu welchem Arbeitgeber sie gehören. Jeder hier hat sein kleines Kopfaquarium übergestülpt, Stöpsel im Ohr schütten Klänge aus der Konserve in den Hohlraum zwischen den Ohren, so dass es nur so plätschert; und dazwischen schwimmt ein unmotivierter Bildschirmschonergoldfisch immer und immer wieder im Kreis. Der Mensch mir gegenüber hätte doch lieber Hund werden sollen, dann hätte er die Inhaltslosigkeit seiner Augen wenigsten mit flauschigen Ohren kombinieren können. Über den Bildschirm in der Ecke flimmern drei Topnachrichten des Tages. Ein alter Mann hat getwittert. Wer Rolltreppe rückwärtsfährt könnte dabei sterben und den ungestörten Ablauf behindern. Was würde der Allgemeinheit wohl mehr schaden? Haben Sie heute schon an Ihre Altersvorsorge gedacht? Und was würde Jesus tun? Tür auf, zwei raus, acht rein, Tür zu. Am Bahnsteig zurückbleiben. WESTTOR. NOCH VIER STATIONEN. U-Bahnen sind stählerne, zahnlose Schlangen, die Menschen verschlucken, sie in ihrem Bauch ein wenig herum schütteln und sie dann, wenn sie als unverdaulich identifiziert wurden, an einem anderen Ort wieder heraus spucken. Die Menschen steigen ihr in den Rachen, in diesen seltsamen transzendenten Ort unter der Stadt, in dem die Orientierungslosen und Verlorenen auf die Zielstrebigen und Gehetzten treffen und sich vermengen, ohne, dass sie sich austauschen würden. Am Ende taumeln sie hinaus und hechten zurück ans Tageslicht, schütteln die anonyme Intimität der erzwungenen körperlichen Nähe ab und die vorrübergehende Entmachtung, die Kontrolle über die eigene Mobilität abgegeben zu haben. Weit weg vom Licht haben die einen den Eindruck, die Sorgen und Nöte der anderen aus deren müden Gesichtern lesen zu können und so die Haftung zur Realität nicht zu verlieren, während die anderen ihre Erbärmlichkeit durch die des Nebensitzers relativieren. Tür auf, niemand raus, zwei  rein, Tür zu. Am Bahnsteig zurückbleiben. WESTERSTRASSE. DREI STATIONEN. Die beiden Frauen, die durch die Tür hechten, kurz bevor sich diese wieder schließt, brechen ein ungeschriebenes Gesetz der Uhrzeit und des Ortes. Zumindest die eine Hälfte, denn diese redet laut und mit sehr viel theatralischen Einsatz ihrer Hände. „… und beim letzten Mal habe ich ja diesen einen Menschen in eine Glaskugel gesteckt und ihn mit Glitzer bestäubt und um ihn herum perfekte Miniaturhäuser gebaut. Und dann habe ich mich gewundert, dass ein mickriges, fröstelndes Männchen vor mir saß, mit einem Hauch von Glitzer auf den Schulterpartien.“ „Dieses Mal wird alles anders“, sagt die andere in einem Tonfall, als sei es ein heiliges Mantra. Die gesamte U-Bahn hat sich unmerklich umorientiert. Alle Oberkörper, Gesichter und Aufmerksamkeiten haben sich der rechten Tür und den beiden Neuankömmlingen, die vor dieser stehen, zugewandt. „Mit Malte wird alles anders“, wiederholt die erste. „Wir haben uns gestern Abend hingesetzt, jeder hat ein dreiseitiges Essay darüber geschrieben, wie wir uns die Beziehung vorstellen, und dann haben wir danach durchdiskutiert, an welchen Punkten sich Übereinstimmungen ergeben und wo wir noch Synchronisationsbedarf sehen.“ Den leeren Augen mir gegenüber ist die Kinnlade ein kleines bisschen nach unten gerutscht. „Finde ich gut“, grölt jemand aus dem Hintergrund. Jetzt dreht sich der gesamte Wagon nach dem Urheber dieses Kommentars um. Doch dieser ist wieder rechtzeitig in seine lethargische Grundposition verfallen, so dass er nicht mehr zu identifizieren ist. Eine junge Frau drei Bänke weiter räuspert sich erst unbeholfen, als müsse sie die Worte ein bisschen anschubsen, weil ihr Sprechapperat noch nicht angestellt war, dann fragt sie: „Aber ist das nicht ein wenig unromantisch?“ Tür auf, niemand raus, sechs  rein, Tür zu. Am Bahnsteig zurückbleiben. OBERNWEG. ZWEI STATIONEN. Mit einer Verzögerung von Sekunden springt ein Mann mittleren Alter auf und setzt sich dann betreten und betont langsam wieder hin, als er bemerkt, dass er vergessen hat, rechtzeitig auszusteigen. „Ach was, Romantik“, kräht eine ältere Dame verächtlich, „dass ist doch alles nur Körperchemie, dass hat sich nach ein paar Monaten sowieso erledigt.“ Die Frau, die gestern Nacht ein Essay geschrieben hat, lächelt verwirrt und scheint nicht zu wissen, ob sie peinlich berührt oder erfreut sein soll, angesichts von so viel Resonanz. Die leeren Augen melden sich plötzlich zu Wort und richten sich an die Frau: „Ich finde es gut, dass sie das hier so mutig ansprechen, dass musste ja auch mal gesagt werden!“ Jetzt hat sie sich entschieden. Sie lächelt. Sie zuckt mit der Schulter. „Mit Malte wird alles anders“, meint sie noch einmal, um ihren Standpunkt zu untermauern. „Mit Malte wird alles anders“, grölen die fünf Jugendlichen, die gerade eingestiegen sind, im Chor aus dem Hintergrund und heben die Hände synchron zum Pfadfindergruß. Der Verkäufer der Straßenzeitung, welcher ebenfalls an der letzen Station zugestiegen ist, preist die Beziehungstipps an, die in der neuen Ausgabe zu finden sind an und versucht, der alten Frau, die nicht mehr an Romantik glaubt, ein Exemplar zu verkaufen. Einer der Teenager mit ausgeprägten Akneproblemen im Gesicht outet sich ebenfalls als Malte und teilt dem schüchternen Mädchen zu seiner Rechten mit, dass mit ihm ebenfalls alles anders werden würde. Sie wird rot und noch schüchterner. Die junge Frau, die sich um die Romantik sorgte, fragt den aktuellen Star der U-Bahn, ob sie vielleicht ihre Telefonnummer haben könne, weil sie so gerne auf dem Laufenden bleiben würde. Diverse weitere Fahrgäste schließen sich an. Tür auf, zwei raus, einer rein. „Alexa, wir müssen hier umsteigen.“ Die überforderte Frau wird von ihrer pragmatischen Freundin aus der U-Bahn gezerrt. Noch mal zwei raus, Tür zu. Am Bahnsteig zurückbleiben. EDUARD-KLEIN-BOULEVARD. EINE STATION. Der Mann links neben mir zuckt ein bisschen, so als hätte er sich bereits so an den Unterhaltungsfaktor gewöhnt, dass er sich nicht so leicht trennen mag. Der ganze Wagen ist in eine seltsame Schockstarre verfallen. Einer der Jugendlichen blinzelt, als würde er sich fragen, ob er gerade geträumt hat. Die ältere Frau nimmt schnell wieder ihre ursprüngliche, missbillingende Gesichtshaltung ein, so als hätte niemand bemerkt, dass sie gerade mit ihren Mitfahrern interagiert hat. Malte der zweite schafft es erfolgreich, dem Mädchen einen Zettel zuzustecken. Die junge Frau blickt auf ihren Arm, auf den Alexa überhastet ihre Telefonnummer gekritzelt hatte, in Ermangelung an Papier. Die leeren Augen schließen endlich wieder ihren Mund. Tür auf, drei raus, ich raus auf den Bahnsteig, drehe mich noch um, als die Türen zugehen und die kleine Reisegemeinschaft für zwei Stationen, oder das was noch von ihr übrig geblieben ist, wieder ins Rohr geschossen wird. Ich schaue auf meinen Arm, sehe nur Sommersprossen und ärgere mich, dass ich jetzt nie wissen werde, ob mit Malte wirklich alles anders wird.

Ich bin hier bloß der Couchsurfer

  Die Küche ist eine schräge Mischung zwischen Baustelle und Selbstfindungstrip. Farblich überwiegt ein aggressiv fröhliches orange, das sich in leichten Nuancen über die Wände schwingt. In der Ecke sitzen zwei junge Frauen und unterhalten sich angeregt. Keine Ahnung, ob sie auch hier wohnen. Ich habe längst den Überblick verloren, wer von den Leuten, die hier ein und ausgehen, eigentlich hier lebt. Ich bin hier nämlich nur der Couchsurfer, ein stiller, allgemein geduldeter Beobachter. Zwischen halb eingetrockneten Pinseln, halbherzig verlegter Abdeckungsplane und zahlreichen deplatzierten Farbspritzern wandelt der personifizierte Selbsterfahrungskurs für Frauen in der Midlife Crisis. Sie ist irgendwo in ihren 50ern und ihre wallenden Gewänder derselben Farbschattierung wie die Wand fügen sich perfekt in diese Küche ein. Zwischen den Malerutensilien liegen Bücher und Zettel. "Eine Frau ist ein Wesen, das sich selbst gefunden hat." - Jean Giraudoux, hat jemand gestern Nacht im Laufe der Party an die Küchenwand gepinselt. Die beiden Frauen in der Ecke frühstücken und trinken Rotwein. Schon seltsam, wie das bloße trinken von Rotwein jegliche Aktivität sofort akademischer erscheinen lässt. Selbst frühstücken. Ich klammere mich an meiner Tasse Kaffee fest, um mir nach der Party gestern die Illusion des Menschseins wieder anzutrinken. „Yfir og hæðir yfir hóla“, säuselt ein Sänger aus dem Lautsprecher. Oder so etwas in der Art. Der Sänger scheint Schmerzen zu haben, große, essentielle Schmerzen. Vielleicht singt er von eitrigen Ödemen, zumindest klingt es ein wenig danach. Objektiv, fair und verständnisvoll zu sein fällt nicht in meinen Aufgabenbereich als Couchbewohner. Ich bin hier seit zwei Nächten. Und dabei weiß ich erschreckend viel über dieses Haus. Und seine Hauptbewohnerin. Ihr Name ist Greta. Sie wiegt sich im Takt zur Musik, während sie noch mehr Kaffee aufsetzt. „Erst im Alter habe ich begriffen, dass alle Menschen fanatische Sammler sind“, hatte Greta gestern zu mir gemeint. Schon die Einleitung hatte den Duktus, als ob sie nicht mir etwas erzählen wollte, sondern ihre Biografie diktieren würde. „…auf die eine oder andere Weise, eine Leidenschaft, die sich in überbordenden Gartenzwergkolonien oder auf subtileren Wegen zeigen kann.“ Da muss man ihr wohl recht geben. Ein Klassiker sind jene, die Erinnerungen sammeln, sie in mentalen Einmachgläsern verstauen, um sie in geeigneten Momenten wieder hervor zu ziehen und daran schnüffeln zu können. Um das Gefühl zu haben, ihr Leben ausreichend gelebt zu haben. Um sich vor sich selbst besser rechtfertigen zu können. Andere sammeln Postkarten oder Bücher oder Werbeplakate aus den Fünfzigern. Würde man mich fragen, so würde ich behaupten, die Grundintention des Sammelns ist nichts anderes als das menschliche Sicherheitsbedürfnis. Der Wunsch, sich mit vertrautem zu umgeben, der Wunsch, etwas zu besitzen und sich dann am Haben selbst zu erfreuen. Sich gegen die Vergänglichkeit und die Unsicherheit zu stemmen und zu sagen: Nimm diesen Kühlschrankmagnet! Mein Urlaub in Rom war vergänglich, aber dieses Stück Plastik, das ich überteuert in einem Souvenirladen nahe dem Campo di Fiori kaufte, werden noch meine eigenen Enkel hässlich finden. Siehst du, Endlichkeit? Du bist stark, aber ich bin stärker! Wir Menschen sind eine alberne Art von Säugetieren. Ein leichter Geruch von Banane huscht an mir vorbei. Die Tür geht auf, der nackte Schwede kommt herein, ein Bündel überreifer Früchte unter den Armen, um sich die allmorgendlichen Bananenpfannkuchen zu braten. Der Schwede preist die Schönheit des Morgens. Ich sehe immer noch keinen Antrieb, zu sprechen. Der Schwede kloppt munter die zermatschten Bananen mit etwas Mehl und sehr viel Ei in die Pfanne. „Und nun fragen mich ja immer alle, wie ich an meine Männer komme,“ spricht mich Greta an, als wüsste sie, dass mir das Gespräch von gestern immer noch nachhängt. Nicht, dass ich das gefragt hätte. Ob der Schwede französisch versteht? Zumindest schaut er nicht von der munteren Braterei auf. „Ich habe jahrelang darüber nachgedacht, was mein Geheimnis ist.“ Sicher nicht ihre Bescheidenheit. „Ich bin bisschen stolz darauf. Nicht nur wegen der Zahl an sich, auch wegen der ganzen Geschichten, der unterschiedlichen Männern und der Kreise, in die sie mich eingeführt haben, hat mein Leben einen sehr episodenhaften Charakter. Wenn ich zurück blicke, ist es wie eine Ansammlung an Annekdoten.“ Ich weiß nicht, wie viele unterschiedliche Leben sie innerhalb des einen gelebt hat. Und ihre Männer haben offensichtlich kleine Spuren in diesem Haus hinterlassen und an ihr. Der Tomatensaftkonsum, das isländische Liedgut, die Liebe zur Farbe orange – alles fremde Eigenarten, die sie sich zu Eigen gemacht hat. Das ist ihre eigentliche Sammlung. Ob sich der Schwede in diesem Moment so sehr wie ein Ausstellungstück fühlt wie ich wie ein Museumsbesucher? „… denn am Ende geht es nicht um die einzelnen Männer“, steige ich gedanklich wieder in den Monolog ein. Es geht darum, was für eine Frau ich sein kann, wenn ich mich in ihnen gespiegelt habe. Und irgendwo, in all diesen verschwommen überlappenden Spiegelbildern steht eine dreidimensionale, alte Riesin.“ Sie grinst mich stolz an. Vielleicht hätte sie diesen Satz an die Wand sprayen sollen. Ich frage mich, was ich eigentlich sammle. Dabei finde ich die Grundhaltung des Besitzenwollens schon einen merkwürdigen Dominanztrieb, irgendwo zwischen materieller Gier und dem seltsamen Wort Hobby, das für mich mit einer inkonsequenten Flucht aus den Zwängen des Alltags konnotiert ist. „Entsammeln“ und zerstören hat dabei fast den attraktiveren Nachgeschmack. Aber gleichzeitig ist dieser Mikrokosmos, in dem ich gerade sitze, eine faszinierende Auflehnung. Und immerhin gibt es gleich etwas zu essen. Außerdem bin ich ja hier sowieso bloß der Couchsurfer.

Talkshow mit Sören

  Stell dir vor, du wärst ein Wort. Der Einfachheit halber geben wir dir am besten einen Namen. Das stärkt schon die persönliche Bindung und schafft eine herrliche Identifikationsgrundlage. Das klappt schon bei Kaninchen wunderbar, gibt man ihnen einen Namen – schwups – steigen die Chancen des entsprechenden flauschigen Individuums, nicht im Schmortopf zu verenden. Also, stell dir vor du bist ein Wort und du heißt – Sören.  Mal abgesehen davon, dass niemand auf die Idee käme, sein Haustier so zu nennen. Und dann sitzt du da, an einem herbstlichen Mittwochnachmittag bei „Wörter bei Weischberger“ und sollst der zu Beginn der Sendung noch oberflächlich einträchtigen Runde deine wichtigsten Standpunkte erklären. Schön auf den Punkt gebracht, versteht sich. Doch was sagst du dann, an was glaubst du, wofür trittst du ein, mit jedem einzelnen deiner vierzehn Buchstaben? Denn du bist Sören, Sören Nachhaltigkeit. Und dein Hintern auf dem Kunstleder bei Frau Weischberger ist ein bisschen breiter geworden, als es dein pseudo asketisches Gehabe eigentlich zuließe. „Der Ansatz der inter- und intragenerationellen Gerechtigkeit erfordert die Reduktion des Ressourcenverbauchs auf ein Level, welches die natürlichen Regenerationspotenziale nicht überschreitet“, sagst du dann vielleicht. Oder: „Wir dürfen in der Zieltrias keinen Einzelaspekt aus den Augen verlieren“. Vielleicht wirfst du auch launig deinen Lieblingsspruch ein, mit dem du markig die Massen hinter dich bringst, der mit dem letzten Fisch und dem letzen Baum und der Erinnerung daran, dass man schlechte Zähne bekommt, wenn man auf Geld herum beißt. Ja Sören, es tut mir Leid, das so offen und ehrlich zu sagen, aber du hast schon ein wenig zugenommen, in den letzen Jahren, seit du in die Politik gegangen bist.  Nicht an Substanz. Nur an Volumen. Die üblichen Akteure, die die Talkshow nicht nur im geometrischen Sinne zu einer runden Sache machen sollen, werden dazu aufgerufen, ebenfalls Stellung zu beziehen. Niemand widerspricht Sören und Sören fühlt sich gut. Möchte man Sören sagen, das mangelnder Gegenwind weniger ein Zeichen von allgemeiner Übereinstimmung ist als von der Bedeutungslosigkeit des Gesagten, von der Abwesenheit jeglicher Kantigkeit, jeglicher Rebellion, an der sich ein Gegenüber reiben könnte? Eher nicht. Sören ist ja schon irgendwie ein dufte Typ. Nur ist er ebenso allgegenwärtig, mit seinem netten Grinsegesicht und dem selbstgestrickten Alpakapullover, der höchstwahrscheinlich mit Matcha Tee gefärbt wurde. Möchte man Sören sagen, das nicht das bereits voll ausgeprägte Umweltbewusstsein der Menschen der Debatte Relevanz und Schärfe nimmt, sondern einfach der schlichte Überdruss angesichts der sörischen Omnipräsenz? Lieber nicht. Nachher weint er noch, der Kleine. Und er hat es ja nur gut gemeint. Dabei hat Sören doch so viel erreicht. Er hat aus einer hässlichen, überfordernden Wahrheit, die ein radikaler Aufruf zur Askese und einem fundamentalen Umdenken gewesen wären, eine ästhetische Lifestyle-Option gemacht. Sören ist dieses eine Becken im Schwimmbad, in dem man als Erwachsener noch nicht mal so richtig sitzen kann, in dem es aber so herrlich warm ist, weil so viele kleine Kinder hinein pieseln. Irgendwie, aber immerhin wohl temperiert. Ein lustiger Jingle. Ein Überraschungsgast. Unsere Sendung, die scheut keine Mühen, nein, die zerrt sogar Tote vor die Kamera. Julia Weischberger grinst. Henry Thoreau schreitet energisch ins Studio. Thoreau grinst nicht. „Und wie war das so bei ihnen, als sie dieses radikale Experiment gewagt haben und einfach alleine in einer Hütte im Wald gelebt haben?“, fragt die Moderatorin, die vor lauter Aufregung angesichts des hohen Gasts Stressflecken im Dekolleté entwickelt. „Ich habe vieles gelernt. Es begann schon im Detail.“ Thoreau räuspert sich, jetzt holt er aus: „Ich hatte drei Kalksteine auf meinem Pult liegen, fand aber zu meinem Entsetzen, dass sie tägliches Abstauben benötigten, während mein geistiger Hausrat noch unabgestaubt dastand, und voller Abscheu warf ich sie zum Fernster hinaus“, sagt Thoreau. Launiger Beifall aus dem Publikum. Dann wird der Gast auch schon wieder aus dem Studio getrieben. „... und dann habe ich das Raumklima unheimlich aufgebessert“, sagt Sören, dem man wahrscheinlich eine Anschlussfrage gestellt hat, die im Beifall untergegangen ist, „in dem ich mir diesen einzigartigen, fair upgecycelten Blumentopf aus alten PET Flaschen ins Zimmer gestellt habe und jetzt ziehe ich dort meinen eigenen Basilikum und unterstütze damit auch noch Bauern aus Myanmar“. Man muss sich schon ein bisschen anstrengen, ihm ins Gesicht zu schauen, es flimmert nämlich.  Man kann ihm ja gar nichts vorwerfen, unserem sympathischen Weltverbesserer von nebenan, bzw. das, was von ihm übrig geblieben ist, nachdem man ihm zum globalen Leitbild gemacht hat, das seine Attraktivität vor allem aus seiner Schwammigkeit zieht. Frischer Basilikum ist tatsächlich recht geil. Aber Sören und seine vierzehn Buchstaben haben ein Problem. Er ist gar kein richtiger Begriff, man hat einfach ein Lebensgefühl als Wertekatalog verpackt, das man nun käuflich erwerben kann, wie die Fertighackbratenmischung, die die zerstrittene Familie wieder in seeliger Harmonie vereint und der neue Duft, der das Mauerblümchen in einen sexy Schwan verwandelt. Aber natürlich ist Sören das alles auch, also harmoniestiftend und sexy, weil der Sören, der ist ja irgendwie einfach grundgut. Nachhaltigkeit kann alles sein, wenn du willst Manuel Neuer und deine Freundin oder eben auch mal beides gleichzeitig. Je nach Anlass. Ein Wort wie Knetmasse. Wie biologisch abbaubare Knetmasse. Glutenfrei, versteht sich. Bedeutung wie der Sinn sind keineswegs mit der gesellschaftlichen und politischen Akzeptanz gewachsen, Sören ist und bleibt ein lustiges Knetmännchen, das sich jeder an die Brust pinnen kann. Man könnte ihm zu Gute halten, dass er eine regulative Idee ist, die mit einer sich stetig verändernden Welt und dem daraus resultierenden wachsenden Erkenntnisgewinn immer wieder neu an die Sachzwänge angepasst werden muss. Beate Alternativlos, die Expertin für Gesellschaftstransformation in der Runde freut sich, dass das Wort Sachzwänge aufgegriffen wurde und führt noch einmal schnell aus, wie fragil die aktuelle wirtschaftliche Stärke des Landes ist. Günther Leitkultur möchte außerdem in diesem Zuge darauf hinweisen, das bei allem die christlichen Werte nicht untergraben werden dürfen und ein klassisches Familiengefüge, Mannfrauzweikindereinegeliebte, immer noch die einzig wirklich erstrebenswerte Norm sei. Sören muss jetzt, kurz vor Schluss, noch dringend über den Amur Tiger sprechen, den es zu schützen gilt. Alle finden Tiger süß und die Umweltpolitik Russlands verehrend. Gerade möchte Sören auch noch das Bienensterben in Deutschland ansprechen, das ist aber auch – hoppla – die Sendezeit schon vorbei. Zum Abschied drückt er die anderen noch mit seinen warmen, wabbeligen, normativen Armen, Knochen hat er nicht wirklich, auf derart harte Handlungsprämissen kann er sich ja nicht festlegen. Aber dafür ist er sehr integrativ, jeder fühlt sich wohl. Ein dudeliger Abspann, Julia Weischberger grinst noch einmal herzig, dann ist es vorbei. Stell dir vor, du wärst dieses Wort. Stell dir vor, du wärst Sören. Hättest du nicht auch ein bisschen Mitleid mit dir selbst?

Antiproduktivitätsattacke

Heute bin ich systemirrelevant. Ich gammle ohne Sinn und Verstand, ohne Effizienz und Ziel an einem Flughafen, ohne auch überhaupt nur vor zu haben, in ein Flugzeug zu steigen. Ich fühle mich wie Ronja Räubertochter und Lara  Croft in einer Person. Ich bin am Ort der höchsten Sicherheitsstufen, des kaskadierend ineinander fließenden Menschen Mengen Management Systeme, des handgebrühten Kaffees to run und der heimeligen Stulle wie bei Muttern im Schlingformat. Menschen Ströme ergießen sich Rolltreppen hinunter und Laufbänder entlang, Scharen kleiner Punkte ohne Herdensinn, geleitet von den Söldnern der reibungslosen Abläufe in marineblauen Stiftröcken und Bundfaltenhosen, die nach Großstadt riechen, wo man den Odeur von Mangel und Stärke erwartet hätte. Hier werden bürgerliche Kategorien zelebriert und Klischees in Lippenstift und Nagellack gegossen. Kellner sind ein befreites Volk gegen das Stöckelschuhgeschwader, das einst von Sophistikation und perfekt behaarten Pilotenbrüsten geträumt hat. Busfahrer sind ein selbstbestimmtes Volk, das die Herzen von Schulkindern mit der richtigen Musik und deren Lautstärke gewinnen kann, gegen die kurzlebigen Zwangspartnerschaften von Cockpithengsten. Wurstwarenverkäuferinnen sind ein feinfühliges Volk gegen die grobschlächtigen professionellen Grabscher an der Sicherheitsschleuse. Wer den Mut hat, am Boden zu bleiben, unspektakulär zu sein, wer die Haftung ehrt, gewinnt einzig seine Festigkeit zurück. Frauen halten sich Frisuren wie Backwaren. Männer halten Handtaschen. Kinder gefälligst den Mund. Hier investieren hart arbeitende Menschen ihr Geld in ferne Strände, an denen die Familie endlich mal zusammen ist und sich streiten kann. Hier fliegen Business Männer und ihre weiblich anmutenden Pendants auf philippinische Inseln, um die Einzigartigkeit ihrer Tütensuppen zu präsentierten. Hier betasten Hände in Latex verschwitzte Menschen an privaten Stellen, zum beiderseitigen Ekel. Hier ist Käse eine Paste mit potentieller Sprengraft und ein schweizer Taschenmesser eine anerkannte Waffe. Ich stehe in Schlangen vor einem Sicherheitscheck, den ich nie durchqueren werde und trage meinen Schal als Kopftuch, weil ich es kann. Beobachte, wie Menschen Stress Akne bekommen, weil asiatische Touristengene zur Beschleunigung der Abläufe unverrichteter Dinge an Souvenir Shops vorbei gehen müssen und keine lustige Elch Tasse kaufen dürfen. Ein Kind schreit und wirkt so lebendig und itzig und herrlich querulant. Wir sind Geschwister im Geiste. Ich könnte ein Terrorist sein. Jeden Tag hier her kommen und nach Löchern suchen. Aber was tue ich hier wirklich? Ich töte. Das wertvollste. Aus Protest. Aus purer Dekadenz. Ich töte Sekunden, Minuten, fünf Stunden meiner Lebenszeit. Ohne Sinn. Ohne Leistung. Ohne Wertschöpfung. Ohne Relevanz. Ich könnte jetzt auch Geld verdienen. Es anderen Menschen wegnehmen. CO2 einsparen. Konsumieren. Beides gleichzeitig? Mich  alle 11 Minuten verlieben. Oder öfter? Ich könnte Sex haben. Besseren Sex, weil ich die richtige Tütensuppe konsumiert habe. Den Philippinen ein Bespiel sein. Etwas für mein Land tun. Mich vermehren. Ich sitze im Auge des Systems und beobachte es. Ich bin das Sandkorn. Ob ich kratze? Wer weiß.