chilenischer wein

Chilenischer Wein

Wer ist auf die bizarre Idee gekommen, institutionelle Neuanfänge in den Herbst zu legen? Wenn der Biorhythmus auf Höhlenbau steht und die Gemüter auf Nieselwetter. So dass die Lücken zwischen den Etappen, zwischen den Semestern und Karrierestufen in die Zeit fallen, in der die Natur sich bereit macht, in die alljährliche Winter Schockstarre zu fallen?  Der Herbst ist, bei allem seinem zur Schau gestellten Protz doch nichts anderes als ein Warteraum. Und nun bin ich genau in dieser Phase in diesem Land gestrandet, dass eine Agglomeration aus Warte- und Durchgangsräumen hintereinander schaltet, mich dazu nötigt, vom Bussystem an aussagelose Zwischenorte gekarrt zu werden, um endlich an Ziele zu gelangen, die ihre Naturschönheiten systematisch abgeriegelt haben, um mir dann Touren zu verkaufen, die mich an diese bringen sollen?

Punta Arenas im tiefsten Patagonien wirkt auf mich wie eine eigens kreierte Sackgasse. Die Stadt hat nichts, was nicht auch jede andere Stadt hätte, außer, dass sie verdammt schlecht zu erreichen ist und man, wenn man erstmal dort ist, noch überhaupt nirgendwo ist. Aber kein Weg führt an ihr vorbei,  wenn man in den Süden Chiles möchte. Die öffentlichen Busse fahren nicht über die Stadt Grenzen hinaus. Der Nationalpark, Torres del Paine, ist nur mit einem privaten Unternehmen mit Monopol Stellung und Monopol Preisen zu erreichen und kostet so viel Eintritt wie 21 Flaschen mittelmäßiger chilenischer Wein. Und wo ist man dann? Nirgendwo. Denn die Highlights sind wieder weit vom Eingang entfernt und übernachten darf man nur mit Tour. Ein Mietauto? 50 Flaschen Wein pro Tag! Ich sehe eine Systematik hinter diesem Treiben, von der ich kein Teil sein möchte. Ich ehre nur freilaufende Berge. Stelle mich auf namenlose Steine in wilden Flüssen, aber nicht vor abgeriegelte Wasserfälle zum Preis von 6 Flaschen besagten Weins, inklusive Tourismus Informationszentrum, in dem ein deutscher Architekt seine Vorstellungen von chilenischer Folklore in Sichtbeton gegossen hat. Ich will Pinguine sehen, weil sie sich mir zeigen wollen und nicht,  weil mich ein Unternehmen zu ihrem Heimatfelsen bugsiert hat. Überall enden Wege, Sackgassen und noch mehr Zäune stellen sich einem in den Weg. Selbst die Seelöwen sind so fett, dass sie den Ort des großen täglichen Fressens,  auch bekannt als Fischmarkt, nicht mehr verlassen. Nebenan wird einem weiteren Boom, einem zweiten Torres del Paine schon entgegen gebaut, Schotterpisten in die Unberührbarkeit der Landschaft zu einem Vulkan getrieben, der Ruf der Wildnis verdampft und als Eau de Toilette in Flaschen gejagt.

Jetzt zelte ich im mülligen Hinterhof eines Hostels und warte darauf, dass ein Bus zurück fährt, zwischen lauter selbsternannten Backpackern, die das Hostel nicht verlassen.

Wann ist die Tugend des Besuchens und des Eingeladen werdens gestorben und den immer gleichen Hostel Gesichtern gewichen? Ich hatte eine Brutalität der Landschaft erwartet für Menschen, die sich aus dem Geflecht der sozialen Interaktionen abwenden wollen, in der man Motive von Weltflüchtlingen ergründen kann, Orte, die sich selbst im da sein fern anfühlen. Die Art von Reisen, die einem den eigenen Kopf ausliefert, die Möglichkeiten reduziert, sich selbst zu entkommen. In diesem Hostel entkommt man nicht mal den anderen, die den Tag mit dem lustvollen Genuss hochgradig sexistischer Musikvideos verbringen. Auch hierher ist ein Rudel tibetischer Gebetsfahnen geflattert, sie sind zerfleddert und preisen kein höheres Konzept mehr, außer das des edlen Reisenden, der mal so richtig ausbrechen konnte und am anderen Ende der Welt mit den immer gleichen Europäern seine Wäsche vom elterlichen Geld in die Reinigung trägt und von Stadt zu Stadt fliegt.

Wenn ich aus dem Hostel fliehe, kann ich durch eine Stadt streifen, in der die Sieger ihr schlechtes Gewissen, ihre Sehnsucht nach Ursprünglichkeit und nach Verwurzelung mit diesem Ort oder einfach Ihren Geschäftssinn durch eine Folklorisierung und Kommerzialisierung dessen, was sie für die kulturellen Hinterlassenschaften der untergegangenen Völker halten, ausleben. Diese Souvenirs erinnern an nichts außer den Kauf, an nichts außer ein Bild, dass sich ein Land selbst  gerne aufdrücken würde. Die, die hier sind, um das letzte ursprüngliche zu suchen sprechen stets im Präteritum, so, als sei dieser Ort in seiner Inselstellung ein beruhigender Beweis der nicht aufzuhaltenden Dominanz des urbanen und der „verparkung“ der Natur. Wildnis in kleinen Häppchen, damit die nächste Schniposabude auch ja nicht allzu weit ist.

Eines Tages werde sie hier die Steine  verkaufen. Oder die Stille. Oder den Geruch nach altem Fischverkäufer. Der Tourist sucht doch schließlich das Authentische, welches ihm vorspiegelt, eben jener nicht zu sein, sondern Weltenbummler oder noch besser, einer der überall zu Hause ist. Wie dieses Hostel, in dem alle so wirken, als seien sie schon immer dort.

Eine Australierin gibt sich auf dem Sofa der menschlichen Materialermüdung hin und kompensiert den missglückten Versuche des Ausbruchs mit Torte. Ein Engländer mit Trinkernase, der schwer auf die 50 zu geht und dies aufwändig zu verschleiern versucht, hat sein Leben aufgegeben, um dies hier zu dessen neuen Inhalt zu machen. Er und der chilenische Wanderarbeiter baggern die Australierin um die Wette an. Ein weiterer Engländer erzählt launige Geschichten von seinen Arbeitsunfällen. Eine deutsche Abiturientin leiht der anderen Salbe gegen Gelenkschmerzen. Ich wünsche Ihnen insgeheim Rheuma in meinem aktuellen Anfall gepflegter Misanthropie.

Sind wir nicht so ein einzigartiger Haufen?  Und ist das nicht die erste Nacht vom Rest unseres Lebens und werden wir nicht mit jeder neuen Stadt, die wir sehen, ein Stück kosmopolitischer? Tätscheln Straßenhunde, auch wenn sie Flöhe haben und Kinder, auch wenn sie Läuse haben und feiern unseren ersten Durchfall vom Essen vom Straßenrand. Und eigentlich sind wir ja auch alle viel zu individuell und eigenständig und erfahren, um auf ein verflucht gutes Marketing Konzept herein gefallen zu sein, ein bisschen ausgemolken zu werden, wie man das eben macht mit hochpreisigen Individualtouristen, oder nicht?

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  1. Ricky - 4. April 2018 at 19:54 Reply

    Das ist aber bitterboese. Aber auch nicht ganz falsch. Und ein tolles Bild!

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