Das Dazwischen

Es gibt da eine Frau, die ich kenne. Sie hat einen 5-Jahres-Plan. Ich kenne sie nicht gemäß der Kategorie Bekannte (ein Wort, das gefühlt nur noch meine Großeltern benutzen). Sondern flüchtiger. Ich saß schon oft neben ihr, essend und schweigend. Ich habe schon sehr oft über sie nachgedacht. Aber mehr als ein paar Phrasen haben wir noch nie ausgetauscht. Wir haben den gleichen Studentenjob, und aus irgendeinem Grund weiß ich einfach eine Menge über sie. Zum Beispiel, dass sie noch einen zweiten von diesen 20-Stunden Jobs hat. Und nebenher ihre Master-Arbeit schreibt. Und in einer Kirche ist sie, in vorderster Front dabei, singt im Sonntagsgottesdienst. Jesus liebt sie ganz bestimmt. Dazwischen ist sie dabei, sich zusammen mit ihrem Mann eine fotografische Selbstständigkeit aufzubauen, weswegen sie am Wochenende quer durch Deutschland fahren um irgendwelche Hochzeitspaare zu fotografieren.

Sie ist vielleicht ein Jahr älter als ich. Bildschön. Sie sprüht vor Energie. Hängt nie montagsmüde über ihrem Kaffee und unter dem Bildschirm und sieht – im Gegensatz zu mir – wahrscheinlich nicht nur dann produktiv aus, wenn jemand den Raum betritt. Ich bin überzeugt, dass sie jeden einzelnen Aspekt dieses umtriebigen Lebens gerne macht. Und mit einer Portion Herzblut. Irgendwie beneide ich sie dafür. Aber noch viel mehr frage ich mich, wie sich so ein Leben anfühlt, ein Leben ohne Dazwischen.

Ohne diese Momente, die ungeplant einfach vorbei ziehen, die in keinster Weise spektakulär sind, die von mir nicht verlangen, dass ich irgendwelche Kompetenzen im Bereich Intelligenz, Präsentierbarkeit oder Kommunikationsfähigkeit abrufe. Grüngrau verregnete Adventsonntagnachmittage, die auf den November gefallen sind. Die gestrandeten Tage, die Stunden, die keinen Namen abbekommen haben, die drittklassige Zeit, die einfach nur da ist und nicht genutzt wird und die meinem Leben eine derartige Dekadenz verleiht, dass es eine Freude ist. Wenn ich in keinem Sinne des Wortes produktiv bin. Ich bin nicht systemrelevant. Ich entwickle mich nicht weiter. Ruhe mich noch nicht einmal aus für anstehende Aufgaben. Ich sitze lediglich da, beobachte die Regentropfe, esse Schokolade und arbeite damit schon einmal an meiner Altersdiabetes.

Ja, ich verschwende mit offenen Händen meine Zeit. Lebenszeit. Einmalig. Die hätte man jetzt nutzen können. Freunde treffen, Eltern anrufen, sich über sich selbst und das Leben im Allgemeinen klar werden. Ich verfolge einen Regentropfen, bis er am Fensterrahmen angekommen ist. Und ich fühle mich mächtig. Verwurzelt. Rebellisch. Was ich hier tue ist so nichtssagend und langweilig und unspektakulär, dass es mir kein Ratgeber der Welt empfohlen hätte. Ich mache das hier nur, weil ich es kann. Weil meine Wahrnehmung nicht über meine Lebenszeit hinaus reicht, ich deswegen immer nur mich selbst im lebendigen Zustand kenne und alles was vorher war und nachher noch kommen sollte, sich sowieso leicht fabelig anfühlt. Hiermit zelebriere ich meine eingebildete Unsterblichkeit. Der Staat, meine brav arbeitenden Eltern und Nachbarn finanzieren mich. Und ich sollte jetzt lernen, studieren, die Welt voran bringen. Dabei schaue ich ihr nur zu und warte, bis der Regen aufgehört hat.

Ob sie das jemals gemacht hat? Sich eine kleine Höhle aus einer Dazwischen-Zeit gebaut hat, die Zukunft ein bisschen herausgeschoben und die Vergangenheit zurückgeschubst hat, nur um sich wohlig in einem Moment zu suhlen, der diese Aufmerksamkeit eigentlich gar nicht wert gewesen wäre? Dies ist kein spektakulärer Sonnenuntergang über den Niagarafällen, wo andächtiges Anschauen mit zum geforderten Repertoire des ordentlichen Touristen gehört. Dies ist der Winter in Rheinland-Pfalz.

Ob sie das jemals gefühlt hat? Dieses Dazwischen, wenn einem schon aufgefallen ist, dass man jetzt eigentlich eine handlungswegweisende Entscheidung treffen sollte, aber sich weigert, über dieselbe nachzudenken? Dieser Moment, in dem man irgendwie in der Luft hängt, nur von den Seilen der Gewissheit gehalten, dass diese Strategie doch auch schon mal gut geklappt hat. Das man Dinge ruhig aussitzen, ignorieren und vor sich herschieben kann, ohne, dass diese sehr viel monstriger werden. Wenn man eigentlich noch keine wirklichen Gefühle für etwas oder jemanden entwickelt hat, aber davon ausgeht, dass sich dies noch ändern könnte und nur alleine diese Möglichkeit einem die Lebendigkeit in die Adern treibt.

Ob sie sich je gefragt hat, ob nicht dieses Dazwischen die wahre Grundform des Universums ist? Und wir die schwarz-weiß Kategorien von Zukunft und Gegenwart und links und rechts nicht einfach nur projizieren auf das kosmisch breiige lilawarmblassgrau? Ob sie sich da zu Hause fühlt, im Stillstand, im Auge des Sturmes, in der Insignifikanz? Ich fühle mich dort heimisch. In einem Augenblick der so erfrischend unspektakulär ist und mir keinerlei adäquate Reaktionen oder adäquates Auftreten abverlangt. Darin liegt der ganze Reiz des Daseins, die Ursprünglichkeit und die Macht über die Zeit, die ich als kleines Menschenkind habe, ihr nicht nachjagen zu müssen, sondern mich zu setzen und einfach zu warten, bis sie mich wieder einsammelt.

Es gibt da eine Frau, die ich kenne. Sehr gut sogar. Sie hat keinen 5-Jahres-Plan. Wer weiß, wo sie sich im Moment befindet. Vielleicht sitzt sie gerade mit undichter Jacke im schottischen Lowland Winterregen und trinkt Tee.  Wer weiß schon, was Jesus von ihr hält. Sie gibt bei weitem nicht immer alles. Aber sie hat sich definitiv den Mut bewahrt, im Zweifelsfall alles hin zu werfen und in die Ukraine zu fahren.

2 comments to “Das Dazwischen”

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  1. Marie - 5. Februar 2018 at 20:16 Reply

    Wow, der Text hat mich wirklich beruehrt, danke dafuer! Alles Liebe, Marie

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