Das Leben mit Ernst

Ernst trat in ihr Leben, als sie 5 Jahre, 2 Monate, eine Woche, drei Tage und dreiundzwanzigeinhalb Stunden alt war. Damals war die Zeit noch kleinteiliger und Regentropfenverlaufsprognostizierung ihre neuste weltbewegende Fähigkeit. Ernst war gekleidet wie jedes ordentliche Gespenst: das weiße Laken standesgemäß gestärkt und gleichzeitig doch hingebungsvoll zerrissen. Die Falten säuberlich aufeinander angepasst und gebügelt, aber doch mit dem zu erwartenden Odeur von Dachboden getränkt. Wie es sich für sein Berufsfeld gehörte, spukte er am liebsten dann um ihre Nase, wenn das Mädchen gerade weder Tarnumhang zur Hand hatte noch auf Rückendeckung durch Kalle Blomkvist zurückgreifen konnte. Klischeehaft machte es eben jene markerschütternden, buhenden Geräusche, die man von ihm erwartete.

Am Anfang trug er noch eine dicke, rostige Kette bei sich. Nach einer Weile schien er jedoch ohne diese auszukommen. Niemand reagierte auf sein Geklapper und sein Klagen, außer ihr und dem Nachbarshund, der kläglich-solidarisch einstimmte. Trotzdem säuselte Ernst vor sich hin und in ihre Ohren hinein. Er säuselte vom verordnetem Stillsitzen und davon, dass sie bald als Preis des Lernens ihre Zeit in einem gedrungenen gelben Gebäude ohne Seele, aber mit hässlicher Window-Colour-Deko abgeben werde müssen. Sie würde ihre Kringel zwischen drei enge Linien pressen müssen und alles, was sich in ihrem neuen Mäppchen befand, penibel mit dem Namen versehen. Um seine Unversehrtheit und die bestehenden Besitzverhältnisse zu garantieren.

Außerdem sagte Ernst all diese rückwärtsgewandten Sätze all jener, die vergessen haben, wie es ist, im Matsch herum zu tollen. Die aber trotzdem die Freiheit dieser Phase loben und preisen und mahnen, dass diese nun für immer zu Ende ist. Die Freiheit für etwas halten, was man rationiert zugeteilt bekommt und nichts, was man sich bewusst erringen kann. Ernst propagierte Kategorien wie gut und böse, wo es zuvor vor nur falsch und richtig gegeben hatte. Die man nicht noch tagelang moralinsauer aufstoßen musste, sondern die man noch biegen und dehnen konnte.

Sein Einzug ins Kinderzimmer wurde als alternativlos hingenommen und so hockte er nun da. Weiß und staubig. Unter ihrem Bett, bei all den anderen Monstern. Dem Monster, dass gerne hinter Türen stand. Jenem, das gelegentlich in der Toilettenschüssel hauste. Oder dem schleimig grünen Gesellen, den sie des öfteren ihrer kleinen Schwester auf den Hals wünschte. Doch Ernst war anders. Er hatte einen Namen und war vom edlen Geschlecht der Familie von Dusollst. Die Erwachsenen konnten ihn – wie praktisch alle relevanten Dinge – nicht sehen. Aber sie zweifelten seine Existenz nicht an.

Natürlich hatte sie mit Ernst gerungen. Doch hatte er nicht einmal genügend Substanz, um ihn zu Fall bringen zu können. Sie hatte Krampen auf Ernst geschossen. Doch die sind einfach nur auf der anderen Seite seiner schwammigen Gestalt wieder ausgetreten. Dann hatte sie eine Horde großer Brüder auf Ernst angesetzt. Aber die hatten sich schon so an seinen Anblick gewöhnt, dass sie ihn auf dem Schulhof zwischen den Betonpfosten gar nicht mehr ausmachen konnten. Ernst hat sich nächtelang vor sie hin gehockt. Und sie hatte in ihn hinein geschaut, wie in einen Abgrund. Und dabei ist er stracks und doch so langsam, dass sie es erst in der Retrospektive wahrnehmen konnte, in ihr Bett gekrochen. Der Abgrund hatte begonnen, in sie hinein zu starren, sich an sie zu schmiegen.

Sie sind im gleichen Maß breiter geworden, so dass mit jedem neuen Bett die Brust nicht weniger beklemmt wurde. So dass alles nächtliche Wälzen immer und immer nur an der klammen Rückseite von Ernst gestoppt wurde. Der kichernd Haufen anderer Monster ist längst ausgezogen. Hat sich andere Kinder gesucht, die man noch mit Zähneknirschen beeindruckend kann. Ernst klaut nachts so viel Decke, dass sie chronisch kalte Füße bekommt. Er hat Begriffe wie Fehler und Scheitern importiert. Eine Form des Stolpern und Hinfallens, die nicht mit aufgeschlagenen Knien und einer blutigen Nase, sondern mit Gesichtsverlust endet.

Ernst und das Mädchen, sie haben sich auf erschreckende Weise gegenseitig hin genommen. Er hat die Kategorie „zu spät“ in ihr Leben eingebracht, die sich nicht auf die Busabfahrt bezieht. Er hat das Schlagwort „zu alt“ eingeschmuggelt, auf das kein „für den Kinderrabatt im Freizeitpark“ folgt. Ernst ist Nichtspiel. Er ernährt sich von Möglichkeiten. Ernst ist die Einkaufsliste des Lebens namens Ausbildungberufheiratkindermidlifecrisisrenteenkelkindertod.

Es gab eine Zeit, lange vor Ernst, in der sie sich vor dem Schlaf fürchtete, diesem Fallen in die Bewusstlosigkeit, das stundenweise überspulen von Zeit. Von der nichts übrig blieb als wirre und lose Erzählungsfäden von Träumen. Ernst hat ihren Nächten eine Wiederholbarkeit beschert, verhindert, dass sie weiter unausgetretenen Gedabkenpfaden in windige Höhen gefolgt ist. Sondern sich lieber in bekannten Brummkreiselbewegungen verharren ließ. Die kindliche Kategorie des Fürchtens, die immer Bilder und Namen für das hatte, wovor ihr grauste, wich einer diffusen Angst. Deren Quellen allesamt die Zukunft waren und die damit über eine erhabene Unangreifbarkeit verfügten, die sich mit glibbrigen Begriffen wie Wettbewerbsfähigkeit oder Leistungsdruck umgaben.

Heute ist das Leben mit Ernst eine Selbstverständlichkeit. Er spukt beinahe unbemerkt durch ihr Leben und ihren Kopf. Manchmal wird sein Lauern und ihr Verzagen aber überdeutlich. Immer dann, wenn sie vor dem steht, vor dem sie sich eigentlich fürchtet. Von dem sie hofft, dass Ernst sie davor beschützen wird. Vor der Leere, der Einsamkeit, dem Abrutschen. Oder einfach nur vor einer Weggabelung, die eine solche Klippe in petto haben könnte.

Als ohne nennenswerte Instinkte in die Existenz geworfenes biologisches Wesen ist es doch gerade der Anschein von fehlender Resonanz, die Kleinheit und das Chaos der menschlichen Existenz, das Menschen verzweifelt von Heilsbotschaften aller Art zu überlagern versuchen. Das emotionale Vakuum und der gesellschaftliche Nimbus sind die wahren Fegefeuer einer Art, die alleine, nackt und verloren durch die Zeit tapst und nur als transzendierter Kollektiv Bedeutsamkeit und Sinnhaftigkeit vortäuschen kann. Denn die Erkenntnis der Sinnlosigkeit der eigenen Existenz ist die eigentliche Angst dieses Konstruktes, wenn es doch gerade das Individuum vom Konformismus befreien würde. Sie müsste nicht Teil des Ganzen sein um Sinn zu ergeben, denn auch der kollektive Weg ist nur ein von Allegorien kolorierter Versuch, Sinn und Gesehenwerden aus sich selbst heraus zu gebähren.

Doch die Geisterjagd ist kein vereinzelnder Prozess. Man kann einem Ernst und seinen Freunden im Trüppchen entgegen brüllen, dass es ja alles nur eine psychologische Täuschung ist. Vielleicht hört es dann erschreckt auf, an sich selbst zu glauben. Kann ihm mit einem Geschwader gläserrückender Esoterikerinnen auf die Nerven gehen. Dann zeigt es sich eine Weile ganz sicher nicht mehr. Man könnte ihm auch einen Versicherungsvertreter vorbei schicken, vielleicht schließt es ja dann vor lauter Schreck einen Bausparvertrag ab. Dem Ernst einen Tinder Account und eine Instagram Seite einrichten. Dann ist es erst einmal eine Weile mit sich selbst beschäftigt und hält sich gezwungenermaßen ein bisschen aus dem Leben seines Opfers heraus.

Oder den umgekehrten Weg gehen. Das Gespenst nicht aus dem eigenen Leben ausschließen, keine Informationen zurückhalten. Sondern es überfluten, maximal viele Spuren hinterlassen, damit es sich an deine Fersen heften muss. Aber manche in die falsche Richtung. Erzähl ihm all die pikanten Details, die selbst ein Ernst nicht wissen will. Sprich über eitrige Warzen, Regelschmerzen und das letzte Mal, dass du dich so richtig schön übergeben musstest. Über den Typen, mit dem du letzte … . Lobe es! Auch ein Geist hat einen Ruf zu verlieren. Und ganz wichtig: Am Ende ist es auch nicht relevanter als all die anderen Monster, die mit fünf Jahren, zwei Monaten, drei Tagen und dreiundzwanzigeinhalb Stunden noch unter dem Bett hausten.

 

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