Das ursprünglichste Gefühl

Welches Gefühl war das erste, das ursprünglichste? Welcher emotionale Zustand des Menschen ist der Ausgang aller anderen? Ist es die neutrale, der gemäßigte Gefühlslaged auch der Grundstatus? Dieses Ideal der Maßhaftigkeit nach Aristoteles? Ein stoisches Ertragen, eine Unerschütterlichkeit? Wohl kaum. Das ist eher etwas mühsam Erarbeitetes.  Ist es der euphorische Zustand, die jauchzende Freude? Das, wonach die meisten zwar streben, aber das wir nur für wenige Sekunden erreichen? Nein. Wahrscheinlich ist das Grundrauschen, die Basis, auf der sich unser emotionaler Haushalt gründet, nichts weiter ist als die diffuse Angst. Weniger stechend, gerichtet und treibend als die Furcht, aber am Ende der emotionale Ausdruck der fehlenden Essenz und ungefragten Existenz des Menschen. Seines Geplumstseins in die Welt. Der Mangel an Instinkten, an angeborenen Verhaltensmustern in Kombination mit einem hohen Maß an kognitiven Fähigkeiten, was uns zwingt, selbst Narrative zu finden, die Kausalitäten beschwören und Ungewissheit füllen. Das plötzliche Aufflackern von Bewusstsein ohne die Fähigkeit, dessen Ursprung zu ergründen.

Das Leben beginnt mit einem lauten Schrei nach Sauerstoff und endet mit der Angst davor, was danach kommen wird – oder nicht kommen wird. Die Angst lässt den von ihr Befallenen aus der Gegenwart heraus fallen, über das „Ich“ hinaus in die Leere starren. Sie entfernt den Geist vom eigenen Körper und macht das selbst klein. Sie lässt ihn auf gewisser Weise aus seinem Körper hinaus fallen, sich selbst verlieren, während der Patient doch gleichzeitig konzentrisch im eigenen Geist kreist. Die Angst lässt ihren Wirt im Vielleicht leben. Sie ist am Ende ein Vergrößerungsglas, das den Blickwinkel fundamental verzerrt. See begründet sich wohl auf die Erkenntnis, dass wir nicht einmal unser eigenes selbst ergründen und kontrollieren vermögen. Und sie lauert auch überall dort, wo jemand Fragen stellt, wo sich jemand nicht mit den ausgetretenen Pfaden zufrieden gibt. Manche halten sie deswegen sogar für einen guten Wegweise. Sie kann selbst dann zurück bleiben, wenn alle Gründe für Furcht verscheucht wurden, denn sie genügt sich am Ende selbst. Sie ist Melancholie ohne die schöpferische Komponente. Sie lähmt. Gleichzeitig ist sie in gewisser Weise treu, ein essenzieller, beständig wiederkehrender Teil, der uns schon als Säugling beißt und nie wieder ganz loslassen wird. Oder wie es Kierkegaard ausdrückte: „Zusätzlich zu meinen anderen zahlreichen Bekanntschaften, habe ich eine intimere Vertraute. Meine Depression ist die trauste Geliebte, die ich je kannte – kein Wunder, denn ich erwidere ja ihre Liebe.“ [1]

Das Verhältnis zwischen Literatur und Depression ist ein interessantes. Zum einen schaffen Schriftsteller ihren Lebensunterhalt aus dem Geist heraus, sind immer auch ihre eigene Bewertungsinstitution und der Verstrickung in sich selbst besonders ausgesetzt. Zum anderen können unerträgliche, intensive Emotionen gerade eine Quelle von Kreativität und treffend-intimer Prosa sein.  Vielleicht gerade die Schriftsteller, die ihr besonders ausgeliefert waren, weil sie den menschlichen Abgründen nur so nahe waren, sondern auch immer wieder in sie hinein gestürzt, Werke von ganz besonderer Eindringlichkeit verfasst. „Als Erfahrung ist der Wahnsinn grandios“, schreibt Virginia Woolf, die mit 13 ihre erste depressive Phase nach dem Tod ihrer Mutter verlebt, „[…] und sollte nicht verachtet werden; und in seiner Lava finde ich immer noch das meiste, worüber ich schreibe. Es schießt alles geformt heraus, endgültig, nicht nur in bloßen Tropfen, wie es die geistige Gesundheit tut. Und die sechs Monate, die ich im Bett lag, lehrten mich eine Menge über das, was man sich selbst nennt.“ [2]

Virginia Woolfs Bücher zeugen vielleicht gerade durch ihren Kampf mit der Depression von einer Reichhaltigkeit des Geistes und einer psychologischen Komplexität, so dass das innere Leben schillernder und abenteuerbehafteter scheint als das äußere.  Sie ist eine emanzipierte Frau voller Courage, Intelligenz und poetischer Schlagkraft, die gleichzeitig ihre eigene psychische Erkrankung als „Wahnsinn“ ansieht. Und eine der ersten klaren Stimmen der Frauenbewegung.  Zeitgenossen gaben – symptomatisch für die Notwendigkeit ihres Engagements – ausgerechnet Woolfs guter Bildung, die für eine Frau zur damaligen Zeit sehr ungewöhnlich war, die Schuld an ihrer seelischen Instabilität. Virginia Woolfs Schreiben eröffnet neue Welten, sie fängt psychologische Realität ihrer Protagonisten in einer Montagetechnik ein, ein ständiger Wechsel aus innerer und äußerer Zeit, Gegenwart und Vergangenheit sowie Umwelt und Natur vermengt sich zu einem stürmischen Fluss, der die Komplexität der menschlichen Existenz besser einfängt als die bei vielen anderen großen Autoren der Fall ist. Sie ist eine immerfort Suchende und zugleich eine ewig Erschöpfte, eine, die nachh dem Ultimativen hungert und an der Mittelmäßigkeit der Welt zu Grunde geht. „Ich genieße fast alles. Doch ich habe einen unruhigen Sucher in mir. Warum gibt es keine Entdeckung im Leben? Etwas, das man in die Hände legen und sagen kann: „Das war’s“? Meine Depression ist ein belästigtes Gefühl. Ich schaue: aber das war’s nicht – das war’s nicht. Was ist es? Und werde ich sterben, bevor ich es herausfinde?“ [3]

Ein anderer abgründiger Literat, Ernest Hemingway, wählt einen anderen, aber ähnlich bannenden Weg, die Hintergründigkeit und Vielschichtigkeit des Menschen aufzuzeigen. Hemingways Ausdrucksweise ist vordergründig nahezu lapidar, sie verleiht auch stilistisch dem Lebensüberdruss Ausdruck. Der wirkliche Bedeutungsgehalt seine präzise durchkomponierten Erzählungen wird gerade durch die Auslassungen erzeugt, die die Vorstellungskraft und den Erfahrungshorizont des Lesers aktiv einbinden. Er spricht vom Eisberg-Model: Eigentlich dient die Handlung lediglich dazu, auf das ausgesparte Fundament, den Subtext, zu verweisen. Er ist zugleich präzise und lakonisch und bringt dadurch die Müdigkeit, sich selbst zu sein, subtil zur Sprache. Diese Krankheit, die Persönlichkeit und Geist selbst verändert und die wohl so alt ist wie die Menschheit (erste schriftliche Hinweise auf Depression finden sich schon in den „Gesprächen eines Lebensmüden mit seiner Seele“ aus Ägypten um 1900 v. Chr.) ist genau wie Hemingways Stil ernährt vom schwarzen Loch, vom Nichtwissen, einer Erklärungslücke, die immer weiter aufklafft, umso mehr man hinein füllt. Das instinktlose Tier Mensch, dass sich am Ende in seiner eigenen Konstruktion der Welt verliert und an ihr zerbricht. Nicht ohne aber etwas geschaffen zu haben, dass ihn selbst überdauert.

 

 

[1] Søren Kierkegaard “Diapsalmata”, Either/Or (1843) Vol. 1, of 1987 Hong translation

[2] Virginia Woolf 1929–1931, 2194: June 22, 1930; p. 180.

[3] Virginia Woolf, A Writer’s Diary: Being Extracts from the Diary of Virginia Woolf

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