Borchert

Der Nein-Sager

Ist das Werk eines Autors mit einer tragischen Lebensgeschichte verknüpft, dann erscheint es oft besonders eindringlich. Wenn es sich vom eigenen Erleben aus los spinnt, hat es eine beschwörende Authentizität. So ein Text hat eine gewisse Autorität. Er hat etwas zu sagen. Wolfgang Borchert, die wohl eindringlichste Stimme der Trümmerliteratur, hat solche Texte verfasst. Seine Texte sind meist aus der unmittelbaren, eigenen Kriegserfahrung heraus entstanden und genau deswegen immer noch äußerst schlagkräftig.

Kurz vor seinem Tod hat er einen letzten Text, ein Manifest des Neinsagens hinterlassen. Es ist ein Aufruf, dass der einzelne, der kleine Mann und die kleine Frau, das unbedeutende Glied in der langen Kette, sich der Kriegstreiberei verweigern sollen. Denn wenn sie das nicht tun, so Borchert, wird der letze Mensch nur noch WARUM? schreien können. Und in einem postapokalyptischen Szenario wird dieser letzte Schrei „ungehört in der Steppe verrinnen, durch die geborstenen Ruinen wehen, versickern im Schutt der Kirchen, gegen Hochbunker klatschen, in Blutlachen fallen, ungehört, antwortlos, letzter Tierschrei des letzten Tieres Mensch.“[1] Der Krieg nimmt am Ende allem den Sinn, auch sich selbst. Und er nimmt dem Mensch das Menschsein, wie es Borchert als Soldat im Zweiten Weltkrieg selbst erlebt hat.

Im Angesicht des Zusammenbruchs, aber auch der Chancen einer möglichen Stunde Null, verweigerte Borchert sich sowohl dem aus der Zerstörung geborenen Nihilismus  als auch der Kontinuität der Strukturen, die den Untergang erst beschworen hatten. Er forderte stattdessen zu radikalem, utopischen Denken auf, zu einer Restrukturierung der gesellschaftlichen Grundpfeiler. Liest man Borcherts Manifest, schwingt hier eine zweite, ernüchterte und desillusionierte, aber nicht weniger eindringliche Sturm- und Drangradikalität mit, die ein tiefgreifendes neues Denken, auch in der Kunst fordert. Denn die Welt ist so sehr an die Wand gefahren worden, dass auch die Sprache der Ästhetik, die Kunst vor dem Krieg nicht die der Welt danach sein kann. „Wer schreibt für uns eine neue Harmonielehre? Wir brauchen keine wohltemperierten Klaviere mehr. Wir selbst sind zuviel Dissonanz. […] Wir brauchen keine Stilleben mehr. Unser Leben ist laut. Wir brauchen keine Dichter mit guter Grammatik. Zu guter Grammatik fehlt uns die Geduld. Wir brauchen die mit dem heißen heiser geschluchzten Gefühl. […] Laut und deutlich und dreifach und ohne Konjunktiv.“ [2]

Borchert ist Neinsager und Luftschlossbauer und Realist zugleich. Er ist stürmischer, junger Mann mit überbordenden Gefühlen und desillusionierter, körperlich versehrter Soldat. Er wendet sich ebenfalls gegen Autorität und Tradition. Es kann keine festgelegte Form für das geben, was aus dem Künstler heraus muss. Dabei stellt er – wie die Vertreter die Sturm und Drangs – die Emotionalität ins Zentrum. Doch aus weniger verklärten Gründen. Er sieht sie als Weg zur Humanisierung einer ideologiedurchtränkten, von Gewalterlebnissen geprägten Gesellschaft. Die Unbeschwertheit und der ungestüme Charakter der früheren Epoche sind einem Stakkato an Sätzen gewichen. Sie haben einem eindringlichen, fast beklemmenden Rhythmus. Borchert zeigt Mut zu Ellipse, stellt die Kaputtheit der Welt in einer Zerstückelung seiner Sätze dar und ist dabei auch ganz nah an der Authenitizität des gesprochenen Wortes, ohne dass seine Texte dabei etwas von ihrer Aussagekraft verlieren.

Borchert führt den Leser mit Adjektiven, Klimaxen und Alliterationen wie ein präziser Zeichner in einen Lebensmoment hinein. Vom Mikrokosmos, vom alltäglichen Menschen in seinem Lebensraum mit seiner schnoddrigen und unpolierten Sprache ausgehend, skizziert er die Großkatastrophe der Menschheit. Die aus dem Tod eine Banalität gemacht hat uns aus dem einzelnen Menschen ein Schwarminsekt.  „Wie die Fliegen kleben die Toten an den Wänden des Jahrhunderts. Wie die Fliegen liegen sie steif und vertrocknet auf der Fensterbank der Zeit.“ [3]

Seine Texte gehen nicht den Weg der Verdrängung, der Beschönigung. Sie treffen eben so tief, weil Borchert die eigene Sprachlosigkeit, die eigene Verlorenheit zum Thema macht.  Er sieht die Notwendigkeit zum Unschönen, zum Ehrlichen, die eigene Unzulänglichkeit. „Nein, unser Wörterbuch, das ist nicht schön. Aber dick. Und es stinkt. Bitter wie Pulver. Sauer wie Steppensand. Scharf wie Scheiße. Und laut wie Gefechtslärm.“ [4] Es ist ein Ringen, dort Worte zu finden, wo die eigenen Erlebnisse einem Alptraum ähneln. Der Krieg hat nicht hart gemacht, sondern dem jungen Menschen die gesamte Weltenschwere aufgebürdet. Ganz besonders einem. Denn der Schriftsteller ist ein Beobachter, ein Erzähler der Wirklichkeit, der in seiner Vogelperspektive die Dachkammer der Gesellschaft bewohnt, dort wo es am einsamsten ist, am heißesten und zugleich am kältesten, wie Borchert es ausdrückt.

Angesichts der eigenen und der kolleiktiven Erlebnisse kann es nach Borchert keine Worte geben und keine Ausdruck mehr, die genügen würden. Zwischen Schreien und Sprachlosigkeit malt Borchert eine schlichte Ambivalenzen aus Neologismen und Umgangssprache. Es geht nicht darum, zu gefallen. Nicht einmal darum, zu verarbeiten. Eine grassierende Wortlosgkeit und ein ganzheitliches Versagen der literarischen Gattungen, dem Schrecken eine Stimme zu geben, fordert auch ein sprachliches Neinsagen. Ein Schweigen, aber eines, welches nicht in der Verzweiflung verharrt, sondern Protest praktiziert.

Was dem Borchert Leser das salzige, heiße Wasser in die Augen treibt ist eben nicht eine wohlige Komposition aus Silben und Bildern sondern die Nähe und die Kompromisslosigkeit, mit der er auf das eigene Leiden und das der anderen sieht und trotzdem die Fähigkeit bewahrt, darin den Menschen anzuschauen. Man spürt, dass Borchert ein junger Mann ist, hineingeworfen in eine Kriegsmaschinerie, für die er nicht einmal die physischen Voraussetzungen mitbringt und wieder von dieser ausgespuckt worden ist, in eine taumelnde Welt voller isolierter, entfremdeter Flüchtender. Fast ist das Überleben auch eine ultimative Form des Nein-Sagen. Warum sollte man in dieser Gegenwart weiterleben? „Aus Trotz. Aus purem Trotz“, sagen Borcherts Figuren, wenn sie sich auf dem Dach treffen und beschließen, nicht zu springen.[5]

 

 

[1] Borchert: Das Gesamtwerk (2007), S. 528–530.

[2] Borchert: Das ist unser Manifest. In: Das Gesamtwerk (2007), S. 519.

[3] Borchert: Draußen vor der Tür. In: Das Gesamtwerk (2007), S. 121.

[4] Borchert: Das ist unser Manifest. In: Das Gesamtwerk (2007), S. 519.

[5] Borchert: Gespräch über den Dächern. In: Das Gesamtwerk (2007), S. 64.

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