Wildnis

Der Ruf der Wildnis

Was Natur ist, bleibt dem technokratischen Menschen wahrscheinlich immer ein Mysterium. Zu sehr stilisiert er sie als Gegenentwurf seines eigenen Gesellschaftsbildes, lädt sie mit positiven oder negativen Werturteilen auf. Natur ist eine Kategorie, die ein von eben dieser entfremdeter Organismus geschaffen hat. Der Mensch hat auf physischer Ebene nur eine scheinbare Abnabelung vollbracht hat. Gleichzeitig dient ihm auf geistiger Ebene sein Naturverständnis als Projektionsfläche für das unwohliche, störende. Aber auch für romantische Vorstellungen einer verlorenen, reinen Ursprünglichkeit. Aus der gedanklich klaffenden Lücke zwischen Zivilisation und Natur ist auch das Konzept von Wildnis entstanden. Als kulturell geprägter, moralisch in verschiedene Richtungen aufladbarer Begriff, welcher als Gegenwelt zum zivilisatorischen Ordnungsprinzip gesehen werden kann. Wildnis ist eher eine substantivierte Eigenschaft als materielles Objekt. Sie ist mehr verknüpft mit Stimmungen und mit Gefühlen als ist einem konkreten Raum.

Der nicht klar definierte Begriff selbst ist dabei ironischerweise aufgeladen mit sehr kulturell geprägten Werten. Wildnis wird stilisiert als heiliger, reiner Ort und vermittelt denen, die diese in der Natur suchen, eine bestimmte Gottesnähe. Der Berg wird zur Kathedrale. Das eigene Tun erhält eine prophetische Komponente. Wildnis ist das Bedürfnis des menschlichen Geistes nach einem eingegrenzten Reizumfeld. Ein Sehnen nach dem, was außerhalb des eigenen Einflussbereiches liegt. Zudem impliziert Wildnis die Möglichkeit eines Lebens aus vollkommen eigener Kraft heraus, ohne die solidarischen und arbeitsteiligen Aspekte der Gesellschaft, ist somit individual-emanzipatorisch. Damit hat der Ruf der Wildnis eben auch immer jene angezogen, die sich als Verstoßene, als Missverstandene der Gesellschaft sahen, als Aussteiger.

Die Wildnis als Raum der Gesellschaftsflucht

Eine Lebensphase ist besonders prädestiniert für dieses Verhalten: die Jugend. Der gerade erst vollständig entwickelte Körper strotz nur so vor Energie. Eine gewisse Gier nach Abendteuer, nach dem stoßen des eigenen ichs, nach dem Selbstbeweis erwacht. Dies geht oft mit radikaler Selbstüberschätzung der eigenen Fähigkeiten und risikosuchendem Verhalten einher. Das sind vor allem bei jungen Männern typische psychologisches Muster, wenn deren Bedürfnisse von ihrer sozialen Umgebung nicht ausreichend ernstgenommen oder befriedigt werden können.  Der ein Glaube, einen besseren Weg zu finden als alle anderen zuvor und dem „wahren“ Leben näher zu kommen, lässt dzivilisatorischen Errungenschaften wie Bausparverträge sehr blass da stehen.

Es ist eine Form des Primitivismus. Dieser enthält die radikale Idee, dass eine Entsagung von zivilisatorischem Luxus auf einer geistigen Ebene eine höhere Tiefe evozieren könnte und eine Art geistige Reinheit mit sich bringen wird. Dies animiert ihre Anhänger zu radikalen Formen der Askese. Sicherheit ist nur eine Schlaftablette und das Alter hat mehr an Kraft verloren, als es an Weisheit dazu gewonnen hat, um als Ratgeber ernst genommen werden zu könnnen.

Der durch Jon Krakauers Buch „Into the Wild“ international bekannt gewordene Christopher McCandless war zwei Jahre auf einer persönlichen Odyssee durch die USA gezogen um Freiheit und Authentizität zu finden, um schließlich in einem verlassenen Bus in Alaska den Tod zu finden. Er gibt sich selbst einen neuen Namen. Er wechselt in seinen Aufzeichnungen zur dritten Person und hinterlässt seinen eigenen Nachruf als Einritzung in Holzplatte im Inneren des Buses. „Auf der Flucht vor dem Gift der Zivilisation durchschreitet er allein das Land, um sich in der Wildnis zu verlieren.“ Alexander Supertramp, Mai 1992. Später werden ihm Einheimische Diletantismus und Leichtsinn vorwerfen, aufgesetztes Asketentum und seine pseudoliterarische Geisteshaltung. Während seine Anhänger ihn als Propheten des wahren Lebens sehen werden, der nach seinem persönlichen weißen Fleck auf der Landkarte suchte. Jenem Stück Land ohne vorgetretene Pfade. Etwas, dass er sich zu eigen machen konnte.

Leichtsinn oder gelebte Überzeugung?

Jene, die McCandless als leichtsinnigen Spinner abstempeln, vergessen, wie ernsthaft seine Suche nach Herausforderungen, nach Resonanz, gewesen sein muss. Dass sein Ziel nicht im Überleben, sondern im sich-selbst-spüren, im Leben selbst lag. Und dass dieses für ihn ein gewisses Maß an Gefahr beinhalten musste, um seinen Freiheitsvorstellungen zu entsprechen. „So viele Menschen leben unter unglücklichen Umständen und werden dennoch nicht die Initiative ergreifen, ihre Situation zu ändern, weil sie auf ein Leben voller Sicherheit, Konformität und Konservatismus angewiesen sind, was allesamt einen Seelenfrieden zu geben scheint, aber in Wirklichkeit ist nichts schädlicher für den abenteuerlustigen Geist in einem Mann als eine sichere Zukunft.“[1]

Er sah eine größere Gefahr vielmehr im Verbleib in ungesunden Strukturen als in den existenziellen Risiken eines Lebens ohne gesellschaftliche Netze. McCandless nennt sich selbst Extremist. Er möchte die Falschheit in sich selbst töten. Seine Sozialisierung hinter sich lassen. Eine spirituelle Revolution an sich selbst verführen. Auf gewisser Weise ist er ein Philosoph, der nach seinen eigenen Vorstellungen lebt. Was seine Kritiker erschreckt, sind wohl weniger die aufwieglerischen Tagebucheinträge als die Tatsache, dass er seine eigenen Überzeugungen ernst nahm. Was wäre nur, wenn auch andere dies tun würden? Dabei vergessen jene, dass McCandless keineswegs ein Einzelschicksal ist. Nur ein sehr prägnantes, was sicher zum einen an seiner Selbstdokumentation liegt. Zum anderen aber auch an der Faszination des nicht-einordnenbaren Charakters.

Flucht zur Selbstverwirklichung

Als der Erfinder des zivilen Widerstandes und Vordenker des Umweltbewusstseins, Henry David Thoreau 1845 eine Blockhütte im Wald baut, in der er mehr als zwei Jahre der industrialisierten Massengesellschaft der jungen USA entflieht, tut er dies, um seinen eigenen Lebensstil zu verwirklichen. „Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näher zu treten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hätte, damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste, dass ich nicht gelebt hatte.“[2]

Auch bei Thoreau ist ein ähnlicher Hunger, eine Art Gier nach Echtheit und nach Leben zu finden, wie dies bei McCandless zu sehen ist. „Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen wurde.“[3] Einfachheit als ultimative Raffinesse. Für Thoreau ist eine bewusste Entscheidung, eine Entledigung von zivilisatorischen Lügen, die dem wahren Wesen des Menschen nicht entsprechen und ihn nur beschweren.

Die Vereinnahmung des Menschen durch seinen Besitz

Das Leben im Wald ermöglicht es ihm, sein Leben an einen Rhythmus anzupassen. Dieser entspricht eben nicht jenem der technokratischen und bedrückenden neuen Weltordnung, sondern kommt von innen. Er stimmt mit der Ganzheit des Seienden überein. Thoreau sträubt sich gegen jene Maxime, die ihm von der Gesellschaft übergestülpt werden. Er setzt sich gegen Kollektivierung und für das Ernstnehmen menschlicher Bedürfnisse ein. „Wozu diese verzweifelte Jagd nach Erfolg, noch dazu in so waghalsigen Unternehmungen? Wenn ein Mann nicht (Gleich-) Schritt mit seinen Kameraden hält, dann vielleicht deshalb, weil er einen anderen Trommler hört. Lasst ihn zu der Musik marschieren, die er hört, in welchem Takt und wie fern sie auch sei.“ [4] Im Gegensatz zu McCandless ist es weniger Abendteurer und Individualist. Seine Intention ist eine fundamentale Gesellschaftstransformation.

Materieller Besitzt ist für Thoreau, wenn er nicht unbedingt notwendig ist, auch lediglich etwas, das den Menschen von seiner eigentlichen, geistigen Natur abbringt. Ihn auf eine materielle Existenz reduziert, die ihm nicht gerecht wird. Er verpflichtet, schränkt ein, blockiert Ressourcen:  „Ich hatte drei Kalksteine auf meinem Pult liegen, fand aber zu meinem Entsetzen, dass sie tägliches Abstauben benötigten, während mein geistiger Hausrat noch unabgestaubt dastand, und voller Abscheu warf ich sie zum Fenster hinaus.“[5] Damit hebelt Thoreau eine Grundprämisse der kapitalistischen Wirtschaftsordnung aus den Angeln: dass Wachstum primär an materielle Besitztümer gekoppelt ist. Dass wir eine neue Garderobe, eine bessere Frisur und ganz sicher auch einen entsprechenden Ratgeber brauchen, um ein neuer Mensch zu werden. Thoreau würde sagen, dass man eben dies aus dem Fenster werfen solle, um menschlicher zu werden.

Der Ort ohne Bewertungskomplex

Das Zurücklegen weiter Strecken mit den eigenen Füßen wird von vielen als Selbsterfahrung und Selbsttranszendenz erlebt, ein Beweis der eigenen Lebensfähigkeit. Wanderschaft war immer auch Sinnsuche. Der Doppelaspekt der Biographie Frau, die ihre schwierige Vergangenheit und ihren Identitätsverlust “ von sich wandert“, diewiederum als Paradebeispiel glaubwürdiger Frauenfiguren in Hollywoodfilmen mit Reese Witherspoon umgesetzt wurde, ist im Film „Wild“ zu finden. Hier ist die Suche nach der Wildnis keine Zivilisationsabsage und keine theoretische Konstruktion einer alternativen Lebensweise, sondern lediglich der persönliche Weg, eine handfeste Krise zu überwinden. „Ich konnte endlich begreifen, was es gewesen war: die Sehnsucht nach einem Ausweg, obwohl das, was ich finden wollte, eigentlich ein Weg nach innen war.“ [6] Die äußere, physische Mühe ist letztendlich eine psychische Offenbarung. Die Protagonistin muss ihre Lebenswelt körperlich verlassen, um geistig in sie zurückkehren zu können.

Dabei wird Wildnis nicht zu etwas heiligem, einer Erlebniswelt mit eigenem Regelwerk hochstilisiert. Die gezeigte Vorstellung von Natur ist modern, nüchtern. Eine auf das selbst und das eigene Erleben beschränkte Betrachtungsweise, die keinen Raum voller Moral schafft. Schon die Kameraführung bleibt stets nahe bei der Protagonistin. Ganz im Gegenteil wird die Natur als nicht-wertende, nahezu gelichgültige Instanz betrachtet, in der gesellschaftliche Verächtlichkeitsmechanismen keine Rolle spielen. „Vielleicht bedeutete es, dass auch ich inmitten der unheiligen Schönheit der Wildnis unheilig sein konnte, unabhängig davon, was ich verloren hatte, was mir genommen worden war.“ [7]

Die Wildnis ist ein Ort ohne den omnipräsenten menschlichen Bewertungskomplex. Hier kann die vom frühen Tod ihrer Mutter aus der Bahn geworfene Frau zu ihren Abgründen stehen. Es geht nicht um eine Läuterung einer Unmoralischen. Die Wanderung verändert praktisch nichts außer dem Blickwinkel der Protagonistin. Und trotzdem ist es eine zutiefst spirituelle Erfahrung, voller blutiger Füße und Klapperschlangen. Darin liegt genau der angenehme Aspekt der Betrachtungsweise. Es geht nicht um die omnipräsente kapitalistische Verbesserungsmaxime. Sie erwandert sich keine Ausweg. Eine Frau nimmt mit den Füßen Abschied. Sie geht vorwärt, um wieder vorwärts denken zu können.

Das Konzept, das nicht existieren kann

Die Vorstellung von Wildnis hat etwas in sich zutiefst paradoxes: Wenn sie dadurch definiert wird, dass der menschlichen Einflussname entzogen ist und Mensch und Natur zwei gegensätzliche Kategorien sind, bedeutet die Präsenz des Menschen in der Natur deren Niedergang. Während wiederum die Präsenz des Menschen in der Natur als die Erhöhung eben jenes Individuums gesehen wird. Gleichzeitig ist in diesem Narrativ die Aufwertung der Wildnis eine empfindliche Abwertung der Kultur und ihrer Errungenschaften.

Dabei kann der Mensch sich selbst und die Zivilisation nie so weit verlassen, dass er sich ihrer Einflüsse vollkommen entledigt. Entsprechend kann dort, wo er sich aufhält, nie Wildnis sein. Weil er der Natur Bedeutungsmuster überhilft, die diese nicht evoziert. Wildnis ist ein Konzept, das erst durch die Existenz von Zivilisation herauf beschworen werden musste. Trotz – oder gerade aufgrund – ihrer Nichtexistenz, ist die Wildnis etwas, dass der Mensch unbedingt braucht.  Der Mensch kann sich aber in diesem Konzept zu spiegeln versuchen und damit wertvolle Denkanstöße über soziale Strukturen und seine Position darin erreichen. Darin liegt der wirkliche Wert der Flucht in die Wildnis: die Möglichkeit der Reflexion, die danach ein Zurückkehren in das Alte mit wachen Augen möglich macht.

 

[1] Christopher McCandless, Brief an Russell Fritz, April 1992

[2] [3] [4] [5] Henry David Thoreau: Walden oder Leben in den Wäldern. Aus dem Amerikanischen von Wilhelm Nobbe. Eugen Diederichs, Jena 1922

[6] [7] Cheryl Strayed: Wild – From Lost to Found on the Pacific Crest Trail, 2012.

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