Der Weg aller Bananen

Ehrlich gesagt war es die Standard-Zimmerpflanze, lieblos in Zellophan eingepackt und mit einem gekräuselten Geschenkband versehen, die mich zum ersten Mal stutzig gemacht hat. Geschenke, die weder kreativ sind noch aus Alkohol bestehen auf einer Party? Aber das war nur der Anfang. Eigentlich hätte es mir auch schon früher auffallen können. Zum Beispiel, als sich die Nachbarn nicht angesichts der Lautstärke beschwerten. Oder aufgrund der fehlenden dunkle Ecken und Spontanpärchen, die sich in selbige verkrochen hätten. Statt einer Schale angegrabbelter gesalzener Erdnüsse gab es annähernd künstlerisch gestaltete Schnittchen. Niemand hatte Plastikbecher gekauft, stattdessen stand ein Sortiment einheitliche Gläser passend zur jeweiligen Alkoholform bereit. Da wurde mir klar: auch die Party ist den Weg aller Bananen gegangen. Auch ihre nicht auf Nützlichkeit ausgerichtete Form kann verzweckt werden.

Als sie noch grün war, war sie schlecht vorbereitet. Das Bier war zahlreich, lauwarm und von der günstigen Stadtmarke. Und nun ist die Party in der gelben Stufe angekommen. Diese Art von „work hard play hard“ Party, in der es nur darum geht, darzustellen, dass man voll echt krass Spaß hat, statt wirklich Spaß zu haben. Ein Networking Event, ohne Schlips. Wenn man hier Held sein will, muss man nicht Wingman sein, sondern Anlageberater. Wenn man einen gackernden Gesprächskreis um sich scharen möchte muss man ein sozialdominantes, aber nur sehr mäßig unterhaltsames Exemplar Mensch sein. Man muss noch nicht einmal gut aussehen.

Ein Typ, der aus der Schar der symbiotischen Pärchen heraus sticht, scheint ein Lied von Billy Joe zu wörtlich genommen zu haben, wenn man ihn und sein Gin Tonic Glas genau beobachtet. Die Welt ist komplexer geworden. Die Partys ebenso. Die Eingangsfrage jeder Party, die Willst-n-Bier-Frage, die man nur mit einem Nicken beantworten durfte, ist einem Getränkeangebotauswahlsortiment gewichen, bei dem man sich nun überlegen muss, welche Zeste man in seinem Gin haben möchte und ob man seinen Whiskey lieber aus Tumbler oder Ballonglas trinken sollte. Ich halte mich an einer billigen Flasche Weißwein fest, die ich den Gastgebern noch abringen konnte, bevor er weitere Fragen gestellt hätte, die nur falsche Antworten kennen.

Schließlich, wenn zwanzig Anstandsminuten nach Mitternacht vergangen sind und die Geburtstagsfrau bereits die gesamte Parade Geschenken, kreativ ausgewählt aus der aktuellen Spiegel-Bestsellerliste ausgepackt hat, entschwinden die ersten. Um ein Uhr sind nur noch ich und ein Schluck Weißwein da, die Gastgeber und der obligatorische Typ, den es auf jeder Party gibt. Der, den keiner kennt. Die Party ist zu Ende. Und ich beteure noch, wie müde ich bin und wie großartig es war und das wir das ja echt öfter machen müssen, ehe ich auf die Straße flüchte. Die Luft ist so herrlich authentisch. Und mir ist ein wenig schlecht, weil Menschen, die ich mag, auf einmal solche Partys veranstalten, die nichts weiter sind als eine Kulisse.

Aber, weil man das nicht so stehen lassen kann und darf, weil man sich nicht der Lauwarmkeit als unabwendbarem Imperativ, der früher oder später über alles hereinfällt, verschreiben sollte, nehme ich den Obligatorischen mit und wir streifen durch die sporadisch-belebten nächtlichen Gassen. Jemand hat sich hier sehr viel Mühe gegeben, die Gehsteige hoch zu klappen. Am Ende stehen wir im einzigen Club, der noch offen hat. Die Playlist ist bekannt, schließlich läuft sie jeden Samstag.

Wo ein Körper ist, da kann kein anderer sein? Von wegen? Hier sind Menschen Stapelware. Der kleine Raum ist voll von Tanzwilligen, die gekommen sind, um sich vom Beat treiben zu lassen. Dieser Ort ist nichts für Klaustrophobiker oder solche, die schwitzige Körperkontakte abseits der Horizontalen fürchten. „Das Zeitalter der Dreiecke ist vorbei,“ gröhlt irgendeiner und niemand weiß so richtig, was er damit meint, aber das hindert einen kleinen Spontanchor nicht daran, mit einzustimmen. „Wir haben die Eisbärn so gern“, kontert ein anderer. Dann kreischt eine mittelmäßige Sängerin vom Band dazwischen und die Masse stimmt mit ein, offensichtlich, ohne den Text zu kennen. Zwischenmenschliche Wärme wird ausgetauscht. Körper glitschen aneinander vorbei. Menschen glühen wie diese altmodischen Dinger, die man damals Glühbirnen nannte und die heute ein Styleobjekt sind.

Am Ende gehören wir zu den Überbleibseln, die in das Morgenlicht hinaus geworfen werden. In eine Bus hinein. Der Obligatorische findest es sehr logisch, eine einsame Haltestange innig zu umarmen. Mein Körper ist zu langsam für mein Hertz und meine Galle habe ich zurückgelassen, da sie dringend noch ein paar rote Ampeln anbrüllen musste. In meinem Kopf ist ein Circle Pit. Im Linienbus ist ein übermotivierter Familienausflug. Draußen Volksroda. Um uns herum tobt der Sonntagmorgen in gedämpfter Geschäftigkeit, die uns bereits zuwider ist. Wir sind mächtig und wir fühlen uns auch so, denn wir haben die Nacht überstanden, dem Drang zu schlafen wiederstanden, werde antizyklisch gleich ins Bett fallen und den gesamten nächsten Tag zu nichts anderem außer liegen und motzen in der Lage sein. Und motzen und liegen.  Und es noch ein paar Jahre hinauszögern, den Weg aller Bananen zu gehen.

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