Die Ära der Blutsbrüder ist vorbei

„[…] daß [der Mensch] auf nichts anderes als auf sich selber zählen kann, daß er allein ist, verlassen auf der Erde inmitten seiner unendlichen Verantwortlichkeiten, ohne Hilfe noch Beistand, ohne ein anderes Ziel als das, das er sich selbst geben wird“, sagt Sartre. (1)

„Die Ära der Blutsbrüder ist vorbei“, sage ich.

Da ist dieses große, gefräßige schwarze Loch. Jener Teil von mir, der wahrscheinlich der älteste ist. Ich meine kein Monster, das einem nächtliche Zweifel einflüstert, aber an dessen Flauschigkeit man sich irgendwann gewöhnt, so dass man es als Haustier anerkennt. Ich meine kein Gespenst des „Hätte-Wäre-Wenn“, das an den Hacken klebt und mit nicht eingetretenen Szenarien um sich wirft, dessen an Begleitung man aber auch irgendwann einmal gewöhnt. Gesellschaft ist Gesellschaft, selbst wenn es eine schlechte ist. Ich meine das existentielle Nichts. Die Ahnung dessen, dass ich eine kurze, selbstverschwenderische, anarchische Falte im Universum bin, aber trotzdem zwischen den Emotionen, zwischen der Palette von lilakreischgrün zu erbesensuppengrau, nur die fehlende Resonanz des Vakuums liegt.

Das Loch ist etwas, dass mein Sein fundamental in Frage stellt. Ich glaube, jeder hat es und jeder versucht, es mit irgendetwas zu stopfen. Gott, Geld und Liebe sind vielleicht die Klassiker. Dass Gott die nächsten Jahrtausende nicht eingreifen kann, weil die Katze auf seinem Schoß eingeschlafen ist, sollte aber kein allzu großes Geheimnis mehr sein. Dass sich niemand  in einer altrosafarbenen Zeremonie glücklich heiratet kann und der Gott des Gemetzels hinter den besonders akkurat geharkten Hofeinfahrten lauert,  kann selbst die Töpfchen-Deckelchen-Propaganda nicht leugnen. Und auch die Existenz des Geldes ist nur zu loben, weil seine Nicht-Anwesenheit zu verabscheuenswürdigen Umständen führt.

Dafür bin ich auf die Propagandamasche der Kinderliteratur hereingefallen und habe an Freundschaft geglaubt. Epische Freundschaft. An einen rudimentären Zauberbund. Etwas, das Räubertöchter mit den befeindeten Räubersöhnen der Nachbarburg schließen, gegen alle Widerstände. An eine mysthische Seelenverbindung, an Kontinuität mit naturgesetzhafter Zuverlässigkeit und eine Blutsbrüderschaft, die die einzig in Stein gemeißelte Sache dieser Welt ist.

„Der Mensch muß sich sein eigenes Wesen schaffen; indem er sich in die Welt wirft, in ihr leidet, in ihr kämpft, definiert er sich allmählich“, sagt Sartre. (2)

„Was soll hier zwischen all diesen lauwarmen Menschen“, sage ich.

Echte Blutsgeschwister findet man besonders da, wo es Ecken und Kanten gibt, an denen man sich die Haut aufschürfen kann. Mir war auch im Tapsalter bereits klar,  dass es nur wenige Menschen wert sind, das Messer für sie zu zücken.  Wir haben den höchsten Grad der Epik und der Symbiose erreicht. In fremden Zungen zueinander gesprochen und die Wörter haben nur uns gehorcht. Die wirklich wichtigen Fragen gestellt. Existiert dazwischen noch, wenn rechts und links schon gegangen sind? Lässt sich unser Interesse am Bestehen der Menschheit auf mehr als zehn Personen ausweiten? Fühlt sich der Februar gemobbt?

Aber das Leben ist nur eine Aneinanderreihung von Episoden, ein kleiner Krieg mit freundlicher Fassade nach außen. Wäre es wenigstens ein großer Krieg, dann hätte er wenigsten den Odeur des Ruhmes und der Niedagewesenheit.

Aber die Zeit der Indianer ist vorbei. Und das ist lange passiert, bevor du dir die Haare abgeschnitten und die Federn aus den selbigen genommen hast. Es ist der Tag gekommen, an dem du aufgehört hast, in bunten Farben zu denken. Überhaupt zu denken. Nicht nur zu wiederholen und neu zu kombinieren. Die Träume haben dir irgendwann nicht mehr gehorcht und sind aus deinen Nächten geflüchtet. Von da an musstest du plötzlich in genau durchgetakteten regelmäßigen Intervallen schlafen. Meine Rauchzeichen haben dich nicht mehr erreicht. Auch ich habe nur noch Schattenmännchen reproduziert. Dann kam der Tag, an dem du aufgehört hast, in Büchern zu verschwinden. Von da an hast du nur noch Papier besessen. Du hast das Tipi in den Keller gepackt und bist in ein steinernes Haus gezogen.

Wir hätten es beide schon vorher merken können. Eigentlich hat es schon an dem Tag begonnen, an dem der Hund uns nicht mehr geantwortet hat. Aber auch ich habe die stumme Warnung nicht verstanden. Ich kann nicht mehr sagen, was zuerst kaputt gegangen ist – wir oder du.  Irgendwann wird der Punkt kommen, an dem ich mich vor dir retten werde müssen, wenn ich nicht so werden will wie du. Wenn es so weit gekommen ist, dass das Kind in deinem Inneren erdrückt wird von Schnitzel, Pommes und Bausparverträgen. Kinder werden dann dich für langweilig erachten.  Erwachsene für strebsam. Frauen für eine sichere Partie.

Die Pferde, die wir zusammen stehlen wollten, grasen immer noch gelangweilt auf ihrer Weide. Das eine mit seiner sternförmigen Blesse, das andere mit seinen Flecken, die ihn in anderen Zeiten vor dem Schicksal des Armeepferdes bewahrt hätten. Das Leben fließt, sagst du. Nur mein Geist, der fließt wohl noch zu wenig. Dinge von grundsätzlich organischer Natur lassen sich nicht in Stein meißeln, sagst du, so viele Vorschlaghämmer man sich auch bestellt. Man muss die Aufstiegschancen mehr ehren als die Prärie. Das sagst du nicht. Du bist viel zu sehr damit beschäftigt, Termine wahrzunehmen, als dass du in solchen Kategorien denken könntest. Ich kann kaum glauben, was aus uns geworden ist.

„Die Definition bleibt immer offen; man kann nicht sagen, was ein bestimmter Mensch ist, bevor er nicht gestorben ist, oder was die Menschheit ist, bevor sie nicht verschwunden ist“, sagt Sartre. (2)

„Ich hab keinen Bock mehr“, sage ich.

Und denke darüber nach, ob das gefleckte Pferd nicht zu einsam ist, wenn ich seinen einzigen Mitbewohner stehle.

 

(1) Zum Existentialismus. Eine Klarstellung, in Der Existentialismus ist ein Humanismus. und andere philosophische Essays, Jean-Paul Sartre, Hg. Vincent von Wroblewski, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 6. Auflage August 2012, S. 118

(2) Zum Existentialismus. Eine Klarstellung, in Der Existentialismus ist ein Humanismus. und andere philosophische Essays, Jean-Paul Sartre, Hg. Vincent von Wroblewski, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 6. Auflage August 2012, S. 116

Leave a Reply

Your email address will not be published.

*