Die dickste Frau Québecs

 

Der Mensch braucht Ziele im Leben. Jeder drittklassige Selbsthilferatgeber wird das sofort bestätigen. Du musst es nur doll genug wollen, du Loser, kreischt einem die einschlägige Literatur mit ihren wohlklingenden Namen entgegen, die Persönlichkeit ist eine Dauerbaustelle mit marodem Buissnessplan. Träume muss man haben, aspirierende Konzepte, säuselt die Selbsthilfegrütze. Irgendwo zwischen pseudowissenschaftlicher, kommunikativer Einbahnstraßen, bei denen ein Autor sein Ego streichelt, findet das Kind in einem eine Heimat, Schüchternheit wir überwunden und Selbsthypnose hilft zum Wunschgewicht. Aber, wer will das schon? Ich nicht. Denn ich habe wirklich große Ziele. Ich möchte die dickste Frau Québecs werden. Jedes einzelne überflüssige Kilo als Sieg über Konformitätsdruck und Verkrampfung. Und es hat nur Vorteile, ein bisschen Isolationsmaterial anzuzüchten, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass der Winter naht.  Die Temperaturspanne in der kanadischen Provinz Québec vom Winter zu Sommer ist extrem, der Kälterekord liegt bei -54,4 °C, das höchste sommerliche Pendant bei 40,0 °C.

Eigentlich sind meine Ausgangschancen auch wirklich, wirklich gut. Die Stadt Montréal gilt als vergleichsweise europäisch und hat im landesweiten Vergleich gesehen eine geringe Adipositasrate, also ist die Konkurrenz im Vergleich nicht sonderlich bedrohlich. Wie beinahe überall in Nordamerika ist die Stadtplanung wesentlich geräumiger als in Europa, was voluminösen Zeitgenossen natürlich entgegen kommt. Auch das größte Lebewesen der Erde, der Blauwal, weiß das zu schätzen und kann manchmal im Sankt-Lorenz-Strom beobachtet werden.

In der Provinz, deren Name so viel bedeutet wie „Wo der Fluss enger wird“, wurde zudem das kanadische Nationalgericht erfunden. Das mit dem enger werden ist gleich ein gutes Stichwort. Während Montréal vor Weltoffenheit nur so strotz zeigt die Provinz – und vor allem das Hinterland – separatistische Tendenzen und ist damit für einige kanadische Politiker eine ziemlich juckende Furunkel. Davon kann unter anderem der Vater des aktuellen Präsidenten (der international wohl vor allem für sein Hinterteil bekannt ist), ein Lied singen, da sich die Provinz in den 70ern während seiner Amtszeit im Zuge einer Verfassungsänderung quer stellte, um ihre Souveränität auszubauen. Einmal ganz abzusehen von den diversesten Unabhängigkeitsreferenden.

Zurück zum eigentlichen Thema: Essen. Am besten noch welches mit vielen Kalorien. Schließlich können die Québecer mit einer der wildesten Fast-Food Kreationen aufwarten, die man sich nur ausdenken kann. Poutine heißt die schräge Kombination aus in Bratensoße eingeweichten Pommes mit Cheddarkäsestücken, die beim draufbeißen gefälligst zu quietschen haben! Schmeichelnderweise bedeutet das Wort selbst eigentlich Sauerei. Natürlich ist es notwendig, dieses Gericht noch mit der zweiten Lieblingsspeise der Kanadier zu kombinieren! Mit Ahornsirup, Würstchen und Bacon erhält man Sugar Shack Poutine, besonders beliebt in der kanadischen Hauptstadt. Und da Montréal schließlich eine sehr internationale Stadt ist, gibt dort es den ganzen Spaß noch in als Dönerversion, in chinesischer (angelehnt an ein chinesisches Fondue) und italienischer Abwandlung (mit Bolognesesoße). Und so weiter. Was das Herz begehrt und der Magen noch ertragen kann. Perfekt, um den kalten Winter zu überstehen, immerhin enthält kleine Portion etwa 740 kcal.

Einen hohen Spaßfaktor hat die Art und Weise, wie die Menschen hier fluchen. Eine ganze Schimpfwortfamilie, die als „sacres“ bezeichnet, sind aus dem Katholizismus und seiner Liturgie entlehnt und gelten als stärker als die schlimmen Wörter, die das Standardfranzösisch zu bieten hat und die meistens thematisch um Sex und Exkremente kreisen. „Tabarnak“ (Tabernakel), „osti“ (Hostie) oder „crisse“ (Christus) sind beliebte Vertreter, die sich natürlich auch noch wundervoll kombinieren lassen: „Crisse de calice de tabarnak d’osti de sacrament de trou vierge“. Zudem wurde die Phonetik bewahrt, die in Frankreich etwa bis zur französischen Revolution als Standard galt, so dass hier das „oi“ noch geehrt wird, was der Sprache einen etwas quakigen, aber durchaus sympathischen Klang verleiht. Weniger Gesäusel als beim großen Sprachbruder der alten Welt, dafür eine Reihe von weiblichen Substantiven, die es in Frankreich nur als männliche Version gibt. Beim ersten hören hat die drollige Aussprache es kaum etwas mit dem zu tun, was man im Französischunterricht vorgesetzt bekommen hat. Außerdem wurden die Malzeiten einmal komplett durchgewürfelt, was im Quebécois für Mittagessen (dîner) steht, bedeutet in Frankreich Abendessen, dafür wird hier déjeuner, also das Französische Wort für Mittagessen, fürs Frühstück verwendet. Natürlich gibt es auch einige Neologismen, die etwas mit Winter zu tun haben und diverse Möglichkeiten, unterschiedliche Schneetexturen zu beschreiben.

Im Wissen, dass der Winter naht und man hier keine Angst vor fettigen Speisen hat, werde ich also weiterhin meinen Träumen und Zielen unbeirrt folgen, allen Widerstände wie den hohen Lebensmittelpreisen zum Trotz, werde an einer unbesiegbaren Fettschicht arbeiten, um mich zu wappnen gegen die grimmige Kälte des etwa sechs Monate andauernden Winters und mir die Schwerkraft zum Freund machen, um auch im größten Sturm zu bestehen. Und dann werde ich darüber ein Buch schreiben, wie ich zur dicksten Frau Kanadas geworden bin und es wird in die Welt hinaus brüllen: Du musst es nur doll genug wollen, du Loser!

4 comments to “Die dickste Frau Québecs”

You can leave a reply or Trackback this post.

  1. Minnja - 5. Oktober 2017 at 01:54 Reply

    Ein toller Schreibstil. Es macht absolut Spaß bei dir zu lesen. Bitte weiter so.
    Liebe Grüße und einen wunderbaren Donnerstag wünscht dir Claudia

  2. Nina - 4. Oktober 2017 at 21:42 Reply

    Ich musste gerade herzlich lachen, mit dem Persönlichkeitsratgebern hast du recht, steht überall der selbe Mist drinn!
    Bei uns in Frankfurt kann man seit kurzem auch Poutine kaufen – was in Canada Fast Food ist, wird hier als internationale Kartoffelspezialität aus Übersee teuer verramscht und ich muss sagen: Gar nicht so lecker! Wenn du damit die dickste Frau Quenes wirst, hast du meinen vollen Respekt! 😀

  3. Karolina - 4. Oktober 2017 at 20:33 Reply

    Sehr spannend. Ist das wirklich dein Ziel die schwerste Frau Quebecs zu werden oder ist es eher eine Satire? Hehe bin gerade verunsichert. Wobei bei den Leckereien wäre es gut zumutbar ;))
    Glg Karolina

Leave a Reply

Your email address will not be published.

*