Die Philosophie des Punks

In der Zeit, als die heute immer weiter in die Lebensmitte gestreckte Adoleszensphase die Schlagkraft der Jugendbewegung noch nicht verwässerte, sondern eine desillusionierte britische Jugend Aggression und Provokation zum Lebensstil machte, wurde der Punk geboren. Der bombastische, glamouröse Rock dieser Zeit passte nicht in die Realität einer durch das englische Klassensystem stark beschränkten Arbeiterjugend. Die Discokultur, die sich auf happy-clappy Sounds und die Zahlungswilligkeit ihrer Konsumenten eingeschossen hatte, wirkte deplatziert in Zeiten wirtschaftlicher Schwierigkeiten. Aus dieser Illusionslosigkeit entstanden erste Bands, die auf brachiale, aggressive Weise das aus sich heraus schrien, was sie umtrieb: ein meist noch ungezielter, aber sehr intensiver Groll.

Unauffälligkeit war noch nie das Dogma der Pubertät. Und Subkulturen sind immer auch ein Katalysator gesellschaftlicher Veränderungen. Eine kleine, aber sehr auffällige und damit medial überaus präsente Gruppe prangert den Status Quo an, solange ihre pubertäre Widerstandskraft sie vor der Einverleibung in den Mainstream bewahrt. Da Jugend immer etwas Erstrebenswertes ist, grundsätzlich nicht allzu ernst genommen wird, aber von allen beäugt, sind sie schnell Diskussionsstoff. Und in gewisser Weise auch eine Negativ-Projektionsfläche der vorherrschenden Normen – und bieten damit die Möglichkeit, diese zu hinterfragen. Die Umsetzung der transformativen Ansätze einer solchen Bewegung  erfolgt in der Regel lediglich in stark abgeschwächter Version, eben weil auch sie zu Konsummitteln verarbeitet werden können. Auch hier finden sich Individuen, die zur Geltung kommen möchten und andere, die sich ein Zugehörigkeitsgefühl erkaufen wollen.

Jugendkultur war schon immer ein Produkt und ein Ausdruck der Pubertät und stellte innerhalb der Gesellschaft diese Lebensphase am ehesten dar. Doch der Punk in seiner Rebellion zum Zwecke der Rebellion und nicht unbedingt zur Abgrenzung von etwas bestimmten, sondern von allem „erwachsenen“, ist wohl der deutlichste Vertreter dieses Phänomens. Schnoddrigkeit und Dilettantismus wurden zu wichtigen Herausstellungsmerkmalen, mit denen es zu kokettieren galt. Es ging nie darum, gute Musik zu machen. Es ging darum, das Establishment zu brüskieren, das Unvermittelbare des eigenen Seins stand im Zentrum. Die Kunst wollte keine Rückgriffe mehr und post-kolonialistische, zweckentfremdete Vereinleibung fremder Kulturen mehr, sie wollte etwas sein, dass jeder selbst in der Garage produzieren konnte. Kunst sollte nicht im Widerspruch zur Wirklichkeit sehen, ansonsten bietet sie kein Erklärungskonstrukt der Welt, sondern eröffnet lediglich einen leeren Raum, so die Devise. Man ist auf sich allein gestellt, man kann niemandem trauen, so der Tenor. Eine Generation, die ihr Dasein als bloße Zuschauer beenden will und sich der Verbindungslosigkeit untereinander übermäßig bewusst sind. Man tanzte Pogo und stieß sich an einander. Man lebte Arbeitsverweigerung und re-etablierte das Landstreichertum. Dazu kam Hässlichkeit  als eine Form der ultimativen Verweigerung der kapitalistischen Landnahme des Körpers und der Sexualität, eine Art Dystopie des Körperkultes, ein abschreckender Nicht-Raum, der durch seine radikale Andersartigkeit zur Reflektionsgrundlage der bizarren Körpervorstellungen des Kapitalismus werden kann. Eine Art Mut zur Ungeschöntheit, aber gleichzeitig auch eine Gleichgültigkeit gegenüber sich selbst.

Auch dies Geschah zu Beginn in Absage eines Individualismuskultes des Kapitalismus, der am Ende nur die Totalität der Ware in einer Gesellschaft des Spektakels wiederspiegelt. Doch auch der Punk wurde zum Opfer genau dieser Vereinnahmung. Bands wurden erfolgreich, vermarkteten sich – und stellten damit ihre eigene Ideologie infrage. Entkernten sie. Der Nonkonformismus war meist ungerichtet gewesen. Damit fiel es eben auch den kapitalistischen Strukturen verhältnismäßig einfach, ihn sich einzuverleiben. Am Ende dudeln sich die großen Vertreter des Punks, die wieder den einst abgelehnten, personenzentrierten Kult verkörpern, fröhlich durch die Radiolandschaft. Die radikale Gesellschaftskritik verlor gerade durch ihren Erfolg jegliches kritisches Potential und fungierte bald nur noch als Hülle, als griffiges  Modezitat oder eingängiges, trotziges Lied. „Punk is not dead“ wurde auf Hoodies gedruckt, als der Punk in vielerlei Hinsicht zum bloßen Habitus verkommen war.

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