Die Funken

Was wäre, wenn das Leben keinen Sinn hätte, kein höheres Ziel, keine tiefliegenden Gesetzmäßigkeiten, keine Prinzen auf weißen Pferden und keine langbärtigen alten Männer, die es besser verstehen, als wir selbst? Wenn das Leben nur eine kurze, selbstverschwenderische, anarchische Falte im Universum ist, ein kurzes Aufflackern von Ordnung in der immerfort steigenden Entropie alles seienden? Eine kurze Illusion von Macht und Möglichkeit, vor der nichts war und nach der nichts sein wird? Das wäre die pure, die ungezügelte Dekadenz. Eine nicht intendierte und nur in sich selbst existierende Welle von Bewusstsein, die sich selbst vergessen wird. Etwas großes Mächtiges, dass von niemandem als solches gesehen werden kann, da jene, die Teil daran haben, es für gottgegeben halten und das restliche, geistlose Universum es nicht wahrnehmen wird. Vielleicht richten wir uns selbst hin. Vielleicht leben wir in der schlechtesten aller möglichen Welten. Aber was wäre, wenn wir in der einzigen leben würden, wenn wir als einzige diesen seltsamen Funken in uns tragen, der uns dazu bringt zu beißen, zu hadern, zu springen und miteinander zu schlafen, nur um den Funken weiter zu geben? Es wäre egal, wo das Feuer her kommt und wann es ausgeht, solange wir es in uns am lodern halten. Der Sinn liegt in der Bewegung. Im sich selbst spüren. Zwischen den Emotionen, im Wechsel von lilakreischgrün zu erbesensuppengrau.

Wir sind ein bloßes Konstrukt aus hauptsächlich Wasser und einigen organischen Verbindungen. Kleine Knetfigurgestalten, die sich selbst zusammenbasteln und umformen können, denen niemand vorschreibt, was sie zu sein haben außer ihnen selbst und den anderen kleinen Knetfiguren. Und zwischen jedem einzelnen dann doch ein bisschen unüberwindbares Vakuum. Auch wenn wir uns im anderen spiegeln, uns durch diesen definieren, im der fortwährende Daseinskampf, uns als Objekt aus der Sicht eines anderen Bewusstseins zu sehen. Auch wenn wir Nähe suggerieren, indem wir uns versuchen, gegenseitig unsere Innenwelt zu buchstabieren. Am Ende sind die Entfernungen zwischen uns zu groß, um mehr als eine Ahnung davon zu haben, wer der andere ist, während wir selbst unser Leben lang am eigenen Narrativ unseres Selbst basteln.  

Doch wir haben uns Götter geschaffen, die Kindheit ausgedacht und die ewige Liebe erfunden. Und in all dieser Krassheit noch nicht einmal begriffen, dass wir die Krassheit selbst sind, in unserer Fehlbarkeit, in unserem Hadern und vor allem in unserer Kurzlebigkeit. Das ist kein Freifahrtschein für Schweinereien, für Verantwortungslosigkeit gegenüber einander. Der Funke sollte seine Geschwister kennen und sie ehren und hüten. Aber es ist eine Aufforderung, zu brennen, solange es geht. Nicht in dem Sinne, den Menschen zu sagen, dass sie mehr Sonnenuntergänge sehen sollten oder weniger am Handy hängen oder mehr mit Freunden unternehmen sollen. Das sind auch nur leere Aktivitäten, wenn wir doch eigentlich kämpfen und sterben und wiederauferstehen und verletzlich werden sollten. Wir sollten unsere Gespenster und Drachen bloß legen und endlich anfangen, aufzuhören, so zu sein, wie wir denken, dass wir sollten. Das ist keine Aufforderung, mehr Chiasamenpuddings zu essen. Oder endlich mal wieder Sport zu machen. Das ist mehr. Und genau deswegen ist es viel zu sperrig und zu glitschig, um es wirklich befriedigend in Worte packen zu können.

Das Leben hat keinen Sinn. Würde es Sinn machen, müssten wir uns diesem unterordnen, um selbst Sinn zu ergeben. Denn Sinn bedeutet stets Unfreiheit. Der Sinn ist wie eine gläserne Kuppel, eine Leitplanke und natürlich ist es einfacher, eben jenem hinterherzujagen, als sich mit sich selbst, der eigenen Fehlbarkeit und der eigenen Willkürlichkeit auseinander zu setzen. Wir behaupten, der Sinn läge im Geld. Wir behaupten, der Sinn läge in der Liebe. Wir behaupten, der Sinn läge im Glauben. Dabei sitzt Gott doch immer noch mit dem Teufel im spanischen Zug und spielt Poker, wobei natürlich keiner von beiden verlieren kann. Wir behaupten, der Sinn läge in der Selbstverwirklichung oder in der Weltverbesserung. Dabei ist das nur der größte Marketing Coup des vergangenen Jahrhunderts, der die Menschen immer noch in viele zu enge viel zu bunte Leggings treibt. Der Gott des Gemetzels lauert doch immer hinter den besonders hübsch dekorierten Hausfassaden und die Töpfchen-Deckelchen-Propaganda ist ein Ableger der Werther Unternehmensgruppe.

All diese Konstrukte von Erfolg, Macht und Jenseits. Das sind nur Rahmen, Illusionen, um sich selbst weniger leer zu fühlen, dieses Gefühl, mit dem wir schon geboren wurden, diesen Weltschmerz, zu überwinden. Im Leben gibt es keinen Sinn und vielleicht liegt gerade darin seine gesetzlose Schönheit. Es gibt kein Finale, das wir unbedingt erreichen müssen und bei dem uns lustig-bunte Motivationspostkarten helfen würden. Wir sind ein selbstverschwenderisches Produkt des Zufalls. Das ist keine Abwertung, sondern ein großer Sprung in den großen Teich der anarchischen Selbstermächtigung.

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