Die Stadt, die gerne Paris gewesen wäre

Buenos Aires, die Stadt der guten Luft, die heute mit zahlreichen Umweltproblemem zu kämpfen hat (inklusive Luftverschmutzung), wurde gleich zweimal gegründet. Nach fünf Jahren wurde die Stadt aufgrund indigener Angriffe (man hatte versucht, die Anwohner zur Versorgung der Siedlung zu zwingen) bereits 1541 aufgegeben. Erst 39 Jahre später startete man den nächsten Versuch. Heute hat die Metropolenregion über 13 Millionen Einwohner. Aber noch einmal zurück zum Anfang der Republik Argentinien.

Als das Land endlich, nach einer stattlichen Anzahl weiterer historischer Wirren 1816 unabhängig wurde, stand man vor der Frage, wie man denn die neue prachtvolle Metropole gestalten solle, die bis dato wenig Grandeur versprühte. Ganz wichtig: die Stadt sollte auf keinen Fall nach den ehemaligen Kolonialherren aussehen! Stattdessen suchte man sich ein Vorbild, dass seinen eigenen König geköpft hatte: Frankreich, besser gesagt Paris. Dieses Erbe sieht man dem Zentrum und dem reichen Viertel Recoleta immer noch an. Das bezog sich aber nicht nur auf die Architektur.

Selbst der Tango, von den Immigranten entwickelt, auf den Straßen zu Hause und ursprünglich nur ein Tanz für Männer, wurde erst von der Oberschicht akzeptiert und selbst aufgegriffen, als dieser neue Tanz in Paris begeistert aufgenommen worden war. Neue architektonische Strömungen hatten es schwer, selbst wenn sie aus Paris waren. Art Décor war den Alteingesessenen nicht klar genug und als Kitsch verschrieen. Wurde aber von neuen Einwanderern mitgebracht. Die Reichen in Buenos Aires wähnten sich als Hüter des guten Geschmacks und verachteten den Import.

Heute ist die Ähnlichkeit zwischen Buenos Aires und Paris nur noch auf den ersten Blick gegeben. Fast ein Drittel aller Argentinier lebt in ihr, sie ist eine der wichtigsten Metropolen des Kontinents. Sie hat es nicht mehr nötig, Paris nach zu eifern und längst eine eigene kulturelle Identität entwickelt. Einen besonderen Reiz macht die Kaffeehauskultur aus, die das Leben auf den Straßen zelebriert. Paradoxerweise ist die aus dem Bedürfnis nach Privatheit entstanden. Und noch heute ist diese Kultur nicht den Apple Freelancern vorbehalten, sondern wird von nahezu alle gesellschaftlichen Gruppen in Anspruch genommen. In den überfüllten Unterkünften der Immigranten gab es keinerlei Privatsphäre. Im Café war es aber jederzeit so laut, dass die Gespräche des neben Tisches im Lärmteppich versanken.

Wirklich selten erlebt man ein derartig politisiertes Volk, ganz besonders die Jugend. Nach fünf Militärdiktaturen, korrupten Präsidentenehepaaren und wirtschaftlichen Notsituationen macht Argentinien wohl etwas vergleichbares durch, was für Deutschland die 68er Generation war. Und Buenos Aires ist das Epizentrum. Das Militär ist verschrieen. Die Aufarbeiten der letzten Diktatur Tagesgeschehen. Tierrechte werden in einem Land diskutiert, in dem der Präsidentenpalast mit Rinderblut gestrichen wurde. Man braucht nur ein paar Schlagworte treffen, schon ist man in eine stundenlange politische Diskussion verwickelt.

Es geht oft mehr darum, welchem der zahlreichen -ismen man angehört, als um tagespolitische Fragen. Der Sieg des politischen Gegners wird emotional aufgenommen wie ein Fußballdebakel im Finale. Die politischen Wechsel sind oft rigide, dramatischer als in den USA. Wer sich die argentinische Politikgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts durchliest mag sich fragen, warum sich noch nicht Netflix und Amazon Prime um die Rechte an der Geschichte streiten. So viele nach außen offen inszenierte präsidentiale Ehen, Freund-Feind-Konfrontationen, Lagerkämpfe, Korruption, die bizarre Geschichte des Falkland Krieges, vermeintliche Vertuschung in Mordfällen durch Amtsträger, Intrigen. Man könnte sich kaum eine ereignisreichere Soap Opera vorstellen.

Trotzdem ist das Land auf seine Weise zutiefst patriotisch, allerdings sich gleichzeitig seinem Einwanderungslandcharakter bewusst. Damit hat – ähnlich wie in den Staaten – Nationalität nichts mit Blutsverwandtschaft oder Ethnie zu tun, sondern mit dem Geburtsort. Im Gegensatz zu dem berühmten Bruder New York haben sich in La Boca, dem Einwandererviertel voller bunt gestrichener Häuser aber die meist europäischen Einwanderer schnell vermischt, die Sprache geprägt bis zu einem Punkt, dass eine Art Mischung aus italienisch und spanisch das vorherrschende Kommunikationsmittel war. Gespickt mit allerhand Lehnwörtern aus anderen europäische Sprachen.

Im Elend der Einwanderer, die nicht die erhoffen gesellschaftlichen Verbesserungen erfuhren und im Kontakt mit den Einheimischen, die aufgrund einer ausbleibenden Gebietsreform ebenfalls ihr Glück in den überfüllten Hafenstädten suchen mussten, entstand der Vorläufer des Tangos. Ein Flickwerk aus allen erdenklichen europäischen Einflüssen. Damals noch weniger pathetisch, weniger durch künstliche Posen durchsetzt. Die Milonga, näher an der Urform, weniger steif, weniger in ein Korsett von Anstand gepresst, wird heute noch Nacht für Nacht getanzt, in den Diskos, auf der Straße. Während sich die Touristen Tangoshows für 100 Dollar ansehen.  Eine Studie des Buenos Aires Government Observatory of Cultural Industries hat für 2006 errechnet, dass der Tango etwa 135.000.000 arg$ einbrachte (5,4 Mio. Euro),  75 % davon kamen von ausländischen Tanzbegeisterten.

Natürlich haben sich die Europäer den Tango trotzdem rechtzeitig unter den Nagel gerissen. Die heutige internationale Version wurde von englischen Choreographen derartig modifiziert, dass er die Anstößigkeit in ihren Augen verlor. Zum Glück haben die Argentinier dies nicht wieder rückimportiert und Buenos Aires tanzt unbehelligt.

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