Priesterkönig Johannes

Die Suche nach dem mystischen König

Manche fiktiven Personen haben die Weltgeschichte wohl mehr beeinflusst, als es ein realer Mensch jemals gekonnt hätte. Inexistenz ist kein Hindernis, ein historischer Einflussfaktor zu werden – wenn man von genügend Menschen in entsprechenden Machtpositionen für nützlich erachtet wird. So ergibt sich doch eine gewisse gesellschaftliche Existenz, weil Menschen ihr Handeln anpassen. Hinzu kommt, dass Menschen schon immer einen gewissen Durst nach guten Geschichten an den Tag gelegt haben, denn sie sind nichts anderes als eine verpielt-intuitive Form, das menschliche Sein zu erschließen.

Erzählen ist essentiell, für das Individuum und die Gesellschaft. Erzählen ist für unsere Welterschließung konstitutiv, eine Art Traumabewältigungsmechanismus eines zwar kognitiv begabten aber instinktlosen Wesens, das an seinem Zustand des in-die-Welt-geworfen-seins hadert. So hat der Mensch seine diversen Götter, den Markus Möglich oder den Wettlauf zum Mond geboren, um sich deren Forderungen dann wieder unterordnen zu können. Außerdem hat er – vielleicht eher aus Versehen als mit Vorsatz, einen geheimnisvollen König erdacht, der mit Einäugigen und dem Vogel Phönix ein Reich teilt und in einem Bett aus Saphir schläft: den Priesterkönig Johannes.

Gefälschte Briefe und und ein fiktiver König

Wann genau diese seltsame Figur die Bühne der Weltgeschichte betreten hat, ist nicht sicher. Trotzdem ein Unbekannter 1165 in ihrem Namen einen Brief geschrieben, der dank Abschriften und durch die Erfindung des Druckens in ganz Europa zirkulierte; bis in die Zeiten der europäischen Entdeckungsreisen hinein. Könige haben auf Beistand von Priesterkönig Johannesgehofft. Entdecker sind aufgebrochen, sein geheimnisvolles Reich zu finden. Päpste fürchteten um ihren Alleinvertretungsanspruch. Sie wollten sich aber auch mit ihm gegen den Islam verbünden. Seine Coolness hat ihn bis in heutige DC Comics getragen, auch wenn das großstiefelige Wesen mit den baumstämmigen Beinen hier vom Thron geworfen wurde und nun nur noch als einfacher Eroberer auftreten darf.

Der Priesterkönig Johannes taucht zum ersten Mal schriftlich in Otto von Freisings Weltchronik (1146) auf. Otto berichtete, wie ein syrischer Bischof in seinem Beisein und in Gegenwart des Papstes von einem Mann erzählte, der in der Doppelfunktion als König und Priester die Stadt Ecbatana in einem großen Kampf zurückerobert hatte. Danach soll der Priesterkönig angeblich nach Jerusalem aufgebrochen sein, um das Heilige Land zu retten. Doch das Hochwasser des Tigris zwang ihn, in sein eigenes Land zurückzukehren. Dabei stamme dieser sagenhafte Mann von einem der drei Königen höchstpersönlich ab.[1]

Die Faszination des Fernen Ostens

Befeuert wurde die Legende wohl von drei Aspekten. 1165 tauchte der bereits erwähnte gefälschte Brief auf, der von Johannes stammen sollte und ein fantastisches Reich beschrieb, das vor Superlativen nur so strotzte. Dazu kam die Tatsache, dass viele Dinge der nur halb bekannten Teile der Welt wenn überhaupt bruchstückhaft nach Europa drangen, dort aber mit unglaublicher Faszination aufgesogen wurden. Dazu passten Geschichten von Flüssen, die zur ewigen Jugend verhalfen und von Städten aus Gold. Zum anderen war die Legende aber auch schlicht und einfach von großer Nützlichkeit. Fiktive Personen lassen sich wunderbar instrumentalisieren. 1221 kehrte beispielsweise der Bischof von Acre mit guten Nachrichten vom verheerenden Fünften Kreuzzug zurück: König David von Indien, der Sohn oder Enkel von Prester John, habe seine Armeen mobilisiert[2]. Da konnte der Sieg ja nicht mehr weit sein.

Einmal in diese gesetzt, ließ Johannes die westliche Welt nicht mehr so schnell los. Stattdessen trieb die Abenteuerlustigen eine neue Frage umher: Wo ist das sageumwobene Reich des Priesterkönigs? Der Bischof von Acre hatte Recht, wenn er dachte, dass ein großer König Persien erobert hatte. Sein Name war jedoch Dschingis Khan. Dessen Herrschaft verlieh den Spekulationen um den Priesterkönig neue Fahrt. War dieser Mann aus dem Osten der geheimnisvolle starke König der asiatischen Christen? In Wirklichkeit war der Herrscher allen, die seine Macht anerkannten, sehr tolerant gegenüber, was ihre religiösen Überzeugungen anging. Dschingis Khan war der erste ostasiatische Machthaber, der Geistliche der drei Buchreligionen zu einem Symposium einlud, um mehr über ihren Glauben zu erfahren[3].

Liegt Indien in Äthiopien?

Dank der sicheren Reisewege im neuen mongolischen Reich war es für Europäer nun möglich, eine nie gesehene neue Welt zu entdecken. Der Ferne Osten wurde Schritt für Schritt entzaubert. Chronisten und Entdecker wie Marco Polo oder Kreuzritter-Historiker Jean de Joinville nahmen auch dem Priesterkönig seinen Fabelwesencharakter und stellten ihn als irdischen Monarchen dar [4] [5]. Wirklich entkräften konnte das die Legende aber nicht. Gleichzeitig vermischten sich die Erzählungen immer weiter, Elemente aus Abenteuergeschichten wie Sinbad fanden sich beim Priesterkönig wieder oder man sah den Priesterkönig gleichs als Sohn der Grahljungfrau und eines Ritters an [6].

Zwar hatte man von Anfang an den Priesterkönig Johannes als König von Indien angesehen. Aufgrund des fehlenden Wissens über den Verlauf des indischen Ozeans war aber auch Indien ein eher vages Konzept. Äthiopien, ein starkes christliches, exotisches Königreich, war also  auch ein heißer Kandidat für den Sitz des mysthischen Königs. Als die Botschafter von Kaiser Zara Yaqob 1441 am Rat von Florenz teilnahmen, waren sie verwirrt, als die Prälaten des Rates darauf bestanden, ihren Monarchen als Priesterkönig zu bezeichnen. Auch wenn sie klarzustellen versuchten, dass es sich nicht um einen zulässigen Titel ihres Kaisers handelte, hielt das die Europäer nicht auf.  Die Legende verebbte erst im 17. Jahrhundert als Akademiker wie Hiob Ludolf zeigten, dass es keine Verbindung zwischen dem Priesterkönig und der äthiopischen Monarchen gab[7].

Wie objektiv ist Geschichtsschreibung?

Die kuriose Episode vom Priesterkönig Johannes beweist vor allem eines: Geschichtsschreibung beeinflusst das Weltgeschehen selbst. Gesellschaftliche Narrative konstruieren sich in die Realität hinein. Der Dualismus zwischen Historik und Mystik eine Konstruktion, denn Geschichtsschreibung ist per se nicht objektiv, sondern eine subjektive Konstruktion durchgehender Linien, wo nur Chaos existiert. Der Chronist ist ein Musterjäger, der das wuselige Treiben einer Epoche auf eine einzige Dimension projiziert. Der Historiker ein Bücherwurm, der sich wohl kaum in der Zeit überleben könnte, über die er schreibt. Auch die besten können das Chaos nicht so darstellen, dass es seinen einzigartigen, nicht fassbaren Charakter behält und gleichzeitig eine Ordnung erkennbar wird, die aus ihm hervorgeht, wenn man die Vogelperspektive einnehmen könnte.

Menschen sind keine guten Chronisten ihres eigenen Erlebens. Erinnerungen werden ja schon in dem Moment unauthentisch, in dem sie mit den Schnappschüssen der nachträglichen Diashow überlagert werden. Wir schaffen uns unsere eigene Realität. Das gilt nicht nur vor tausend Jahren, als aus einem multireligiös interessierten Tengristen schnell mal ein christlicher Retter wurde. Unser Leben ist oft nur ein Monolog mit uns selbst, wir basteln uns selbst ein Narrativ aus den Fetzen an Sinneseindrücken und Gefühlen, die wir am Ende des Tages noch mit uns herum tragen und nennen das Identität. Und wie Kindergartenkinder haben wir am Ende vor allem Kleber an den Fingern und bunte Tische, aber kein Selbstportrait mit Wiedererkennungswert.

 

Quellen

[1] Otto von Freising, Historia de Duabus Civitatibus, 1146, in Friedrich Zarncke, Der Priester Johannes, Leipzig, Hirzel, 1879 (repr. Georg Olms Verlag, Hildesheim and New York, 1980, p.848; Adolf Hofmeister, Ottonis Episcopi Frisingensis Chronica; sive, Historia de Duabus Civitatibus, Hannover. 1912, p.366.

[2] Jacques de Vitry; Huygens, R. B. C. (Ed.) (1970). Lettres de Jacques de Vitry. Leiden.

[3] Chua, Amy (2007). Day of Empire: How Hyperpowers Rise to Global Dominance. Doubleday. ISBN 978-0-385-51284-8.

[4] Polo, Marco; Latham, Ronald (translator) (1958). The Travels, pp. 62–65. New York: Penguin Books. ISBN 0-14-044057-7.

[5] Jean de Joinville; Geffroy de Villehardouin; and Shaw, Margaret R. B. (translator) (1963). Chronicles of the Crusades. New York: Penguin. ISBN 0-14-044124-7.

[6] Wolfram von Eschenbach; Hatto, A. T. (1980). Parzival, p. 408. New York: Penguin. ISBN 0-14-044361-4.

[7] Ludolf, Hiob (1681). Historia Aethiopica.

Leave a Reply

Your email address will not be published.

*