Nachhaltigkeit

Die Domestizierung der Nachhaltigkeit

Das Wachstumsparadigma ist tot. Lang lebe das Wachstumspardigma. Schlaue Köpfe haben sich endlich durchgerungen, Wachstumstheorien als das zu sehen, was sie wirklich sind – eine Familie von Modellen von vielen und überraschenderweise eben doch kein Naturgesetzt. Die Diskussion rund ums Postwachstum wird dabei auf rein konzeptioneller, makroökonomischer Ebene geführt, Wachstumsneutralität jedoch auch auf der Ebene der Unternehmen zu denken treibt den gestandenen BWL-Studenten in der Regel nicht um die Häuser. Wäre eine Welt ohne hechelndes Profitstreben etwa möglich? Oder kann man die Debatte getrost an den Berufstand der Märchenerzähler abtreten? Exponentielles Wachstum beschreibt meist nur primitive Systeme wie Bakterien, die ganz besonders anfällig für äußere Einflüsse sind, für größere, komplexere Lebensgemeinschaften ist diese mathematische Modell aber vollkommen ungeeignet. Und am Ende ist das doch zumindest die einzige Lehre, die aus der Diskussion zum Klimawandel überall hängen geblieben sein sollte: der Mensch kann sich nicht von den Beschränkungen der Erde entkoppeln. Bis wir dann doch mit Bruce Willis zum Mars fliegen.

Gerade das Naturverständnis und der Umgang mit derselben sind in den letzen Jahrzehnten einem mehrfachen Wandel unterlegen. Die Umwelttechnik hat drei Grundtendenzen durchlaufen, die sich jedoch nicht gegenseitig entmündigt haben, sondern heute nebeneinander existieren. Schon recht früh hat eine Nische in der Wirtschaft die Möglichkeit von Umweltbelastung und Klimawandel als „Innovationsmotor“ erkannt und kommuniziert:  Probleme durch „dreckige“ Technik sollen mit besserer Technik bekämpft werden, ein Ansatz, der die Emissionen zwar deutlich reduziert hat, aber keinen entscheidenden Mentalitätswandel und auch keine wirksame Ressourcenschonung mit sich gebracht hat. Stattdessen hat der Rebound-Effekt verlässlich dafür gesagt, dass verbrauchsarmere Technik beim Verbraucher keinen bitteren Benutzungsnachgeschmack mehr hervorruft – und so am Ende intensiver eingesetzt wird, so dass der Gesamtenergieverbrauch eher steigt als sinkt. Dem allgemeinen Technikglauben hat diese Diskussion kein Haar gekrümmt.

Das Schlagwort Konsumverantwortung und die Illusion mancher ihrer Anhänger, man könne sich die Welt besser „kaufen“, hat nichts mit dem pragmatischen Nachhaltigkeitsbegriff aus der Forstwirtschaft zu tun, sondern ist nichts anderes als eine kapitalistische Landnahme. Eine teilweise Verschiebung der Verantwortung von poltischen Entscheidungsträgern hinzu Privatpersonen. Der Trugschluss des grünen Kapitalismus hat neue Konsumbedürfnisse geschaffen, ein Batallion neuer Produkte auf den Markt geworfen und nette neue Tugenden wie Greenwashing mit sich gebracht. Ebenso, wie die positiven Aspekte von Migration nicht in der Währung „Döhner“ gemessen werden sollte, sollte die fundamentale Bedrohung, die der Klimawandel für die derzeitigen sozialen und politischen Strukturen darstellt, nicht mit der Wunderwaffe des fairen und regionalen Spinatsmoothie zu banalisieren sein.

Was bleibt da noch? Was fehlt da noch? Ein tiefgreifender Mentalitäswandel, eine radikale Veränderung von Zusammenleben, Solidarität und Verwirklichung – die dann im ebenfalls kapitalistisch verwertbaren Sharing-Gedanken und einer Vernetzung eben jener Menschen, die auf einer Party sowieso ins Gespräch gekommen wären, stecken bleibt. Die fortschreitende „Lifestylisierung“ des Nachhaltigkeitsbegriffs. Ein weiterer Angriff auf seine Substanz, seine Glaubwürdigkeit, eine Kartusche zusätzliches Gas für den bereits erheblichen Blähbauch. Dazu kommt die mediale Allgegenwärtigkeit einer Subkultur, deren Grundlage ein Nachhaltigkeitsverständnis ist, welche so schwammig ist, dass es sich als hyperintegrativ erweist. Postwachstumsutopien zerfasern sich irgendwo zwischen Überschleunigungsänsten und dem Klammern an den Behaglichkeiten der Privilegien des Status Quo. Eben die Generation, die sich ganz besonders als das Rückgrat der Nachhaltigkeit ansieht, aber oft einen bizarren Naturentfremdungshintergrund vorweisen kann, der ein hohes Maß an nicht-systematisierten Wissen mit einem ausgewachsenen Erfahrungsdefizit verbindet. Die Jünger der Nachhaltigkeit glauben nicht an die Umwandlung von Wasser in Wein, sie glauben an viel abstrusere Konstrukte. Das Konstrukt Nachhaltigkeit wird so diffus, das es trotz seines breiten normativen Zustimmungspotenzials Unterstellmöglichkeiten für Weltsichten aller Art bietet.

Aus der geballten Fülle an Zukunftsängsten entwickelt sich ein zutiefst apokalyptischer Narrativ, der wiederum einen biedermeieresken Rückzug in den überschaubaren Wirkungskreis des Bekannten und Erprobten. Eine Jugend ohne Revolution wird zum domestizierten Subjekt, das aus seiner gemäßigten, aber aus einer nach außen gelebten Individualität heraus keine Solidarisierungserlebnisse mehr zünden kann. Das Anhalten der Welt wird zu einem erstrebenswerten Imperativ, besonders aufgrund der allgegenwärtigen gefühlten Entmündigung des Menschen aufgrund der scheinbar undurchdringbaren Komplexität bekannten Welt. Wir werden alle untergehen, aber immerhin mit einem richtig guten Glas Wein in der Hand und einem Stück Bio-Chia-Bitterschokolade auf der Zunge.

Und so ist es am Ende doch auch der Nachhaltigkeit entgangen. Am Anfang hatte sie noch Zähne, Zotteln und schlechten Atem, trug sackförmigen Jutestoff und heulte unangenehm von Ferne, wenn man gerade einfach nur den Frust weg shoppen wollte. Doch dann hat man sie gezähmt. Heute ist sie Haustier. In jedem Haus zu finden, flauschig und stubenrein. Man muss sie noch nicht einmal mitnehmen, wenn man etwas Wichtiges zu erledigen hat. Der andere hat ja auch eine Nachhaltigkeit zu Hause, da muss man die eigene ja gar nicht zu sehr bemühen. Der Eisbär auf seiner Scholle ist ja auch längst nicht mehr als ein emotionshaschendes Marketingsymbol.

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