Draculas blutleere Erben

Sehr geehrte Frau T.J.J. Hard,

mit großem Interesse habe ich ihr wegweisendes Frühwerk „Glut der Herzen“ gelesen. Dabei haben Sie nicht nur klassische Genres wie den sexistischen Groschenroman, den glitzernden Vampir und den Highländer ohne Unterwäsche virtuos verquickt, sondern auch ganz neue anatomische Dimensionen eröffnet. Beglückwünschen möchte ich Sie zudem für ihre zahlreichen, sich an Blumigkeit nur so überbietenden Metaphern für primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale aus dem militaristischen und botanischen Fachbereich. 

Dennoch finde ich, dass der Titel dieses kunstvollen Konglomerats an Versatzstücken nicht adäquat wiedergibt, welche literarische Meisterleistung Ihnen hierbei gelang. Eher hätte ihr Buch „drogenabhängiger, temporär impotenter Vampir mit Riesenpenis und Kilt über dem selbigen sucht Jungfrau für Leben“ heißen sollen. Auch „Blutrausch in den Highlands“, „Ein Vampir kommt immer zweimal“ oder „Glitzern bis sie endlich auch will“ wären ebenfalls möglich. Selbst „Ein Vampir namens Holger“ wäre aussagekräftiger gewesen als der Originaltitel. Desweiteren würde ich zu gerne wissen, wie viele Extraliter Blut die Protagonisten wo vorrätig halten (im Vergleich zum Standardmenschen). Außerdem würde mich interessieren, ob das arme Pferd inzwischen in psychologischer und medizinischer Betreuung ist? Nachdem sich 2,20 m 200 kg Vampirmasse und seine fleißig und mengenreich vor sich hin menstruierende Angebetete Erika Karcher auf dem selbigen einen sturmumbrausten Bergpass überwanden. Während der Vampir angesichts seiner Blutgier (die dem unschuldigen Fräulein K. natürlich nicht weiter auffiel) buchstäblich sabberte.

Was haben sie Eltern von Fräulein K. mit diesem Kind falsch gemacht, dass sie sich ohne Gegenwehr von einem grotesk überproportionierten Mann abtransportieren lässt, dem sowohl die kognitiven als auch fangzahnbedingt die oralen Fähigkeiten zur geglückten Kommunikation abhanden gekommen sind? Und was haben sie, Frau T. J. J. Hard in den letzten Jahren unternommen? Bestand ihre einzige zwischenmenschliche Interaktion aus Fernsehserien der 80er?

Sagen Sie, wann wurde eigentlich die Macht der Bücher derartig untergraben? Mit wem stecken Sie unter einer Decke? Was ist passiert, seit Bücher noch geschmerzt haben, verletzt und aufgedeckt, angeleitet haben, befreit? Als ein zugeklappt im Regal ruhendes Buch noch ein kleiner, schlafender Drache war? Wer diesen aufzuwecken wagte, wurde von einer kleinen Feuerwolke angegähnt. Und wer es wagt, die Nase zwischen dessen Kiefern zu stecken, hätte glatt gebissen oder in eine andere Welt gesogen werden können. Als Lieblingsbücher noch so etwas waren wie alte Freunde, mit denen man immer dann ins Bett gestiegen ist, wenn man sich seiner Identität, seiner Wurzeln wieder vergewissern musste? Die mit einem gealtert sind, irgendwann vergilbt, fleckig und beschädigt waren. Doch genau dadurch, dass man ihnen die Benutzung, das Reisen und das Blättern angesehen hat, hat man sie sich zu eigenen gemacht, sie gezähmt und aus einem exakten Duplikat ein interaktives Objekt gezaubert.

„Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns“, sagte Kafka (1). Das Ihrige ist eher eine stumpfe Nagelfeile. Es tut weh, aber auf eine sehr unproduktive Art und Weise, wie eine Nagelbettentzündung. Aber man kann ihr Werk zuschlagen, noch einmal kurz erschauern und von sich gleiten lassen.

Und was ist seit Bram Stoker passiert, dass Draculas Enkel jetzt bei Parship aktiv sind? Der Vater aller heutigen Vampire, der wahrscheinlich nach einem historischen Vorbild zusammen gebastelt wurde. Die russischen und deutschen, sehr propagandabehafteten Erzählungen malen das Bild eines äußerst grausamen rumänischen Herrschers, während einiges darauf hindeutet, dass das einheimische, einfache Volk ihn für sein Vorgehen gegen Korruption achtete. Eine literarische Figur, die die Urängste und verborgenen Wünsche der Menschheit zum Ausdruck brachte und eine alte Sagenfigur auf ihr heutiges Erscheinungsbild reduzierte. Bei ihm ging es noch um Unsterblichkeit, Blut, Liebe, Sexualität und Unmoral. Aber nicht bei Ihnen. Nicht bei Holger. Bei Ihnen gibt es Sätze wie: „Er war sechs Fuß und sechs Zoll purer Terror, in Leder gekleidet mit Schultern der doppelten Breite eines normalen Mannes.“ Das ist nicht der Versuch, dem unerklärlichen Gesicht und Charakter zu geben. Wenn man das liest, kann man damit alle existenziellen Gefühle los werden, die in einem brodeln mögen, sich selbst emotional auslaugen. Nur die Übelkeit bleibt garantiert bis zum Schluss. Und vielleicht ein wenig Mitleid. Meinen Sie nicht, dass es hart sein muss, wenn man nicht durch handelsübliche Türen passt?

Liebe Frau Frau T.J.J. Hard, ich würde mich auf jeden Fall freuen, wenn Sie das mit der Berufswahl noch einmal gründlich überdenken. Es ist schließlich nie zu spät, sich zu verändern.

Mit freundlichen Grüßen,

Ihre Superlocke

 

 

(1) Franz Kafka, Briefe, 27. Januar 1904

 

 

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