Eine Couch in der Wüste

Der Ort selbst ist zu einem derart unintuitiven Netz aus Straßen verwachsen, dass ich mich noch nach Tagen verlaufe. Die Häuser hinter lehmigen Mauern unterscheiden sich nur marginal, der sandschwangere Wind, der besonders nachts durch die Gassen fegt, scheint alles rund geschliffen zu haben. Das bronzene Heldendenkmal mit der kantigen Tafel wirkt deswegen noch mehr wie ein Fremdkörper. Die Touristen sind bunte Fremdkörper. Die Händler sehr laute Femdkörper. Nachts schallt Musik aus den Häusern, bis Punkt Mitternacht, dann ist die Feierzeit gesetzlich beendet. Ich frage mich jedes Mal, wo all die Menschen auf einmal her kommen. Wenn dann die Lichter im den Häusern ausgehen sieht man gefühlt mehr Sterne als Dunkelheit dazwischen. In der Mittagshitze heben die Straßenhunde kaum die Nase, wenn sich jemand an ihnen vorbei schleppt.

Die Wüste lebt in San Pedro de Atacama – aber nicht, wenn die Sonne am höchsten steht.  Und auch nicht nachts, wenn es grimmig kalt ist. Die Phase der Aktivität sind kurz und damit um so intensiver. Ich verbringe meine Nächte auf einer abgetragenen Couch in der Wohnküche eines alten Pärchen. Seine Haut spannt sich wie Leder über die kräftigen Gesichtsknochen, doch die Augen, die dazwischen wohnen, sind nahezu kindlich. Sie hat eben jene Falten um den Mund, die vermuten lassen, dass sie diesen im Laufe ihres Lebens zusammen gekniffen hat. Und diese gebückte, angekugelte Haltung, die von harter Arbeit spricht. Ich sehe nichts, was die beiden verbindet, außer die Selbstverständlichkeit, mit der sie die Anwesenheit des jeweils andren nehmen.

Dabei haben sie sich beide ihre Tunnel und Gänge gebuddelt, zwängen sich zwar andauernd aneinander vorbei, kommunizieren zwar regelmäßig und berühren sich alle Jubeljahre, aber was sie wirklich teilen beschränkt sich auf die tägliche Ration Reis mit Bohnen und das knarzige Ehebett, in dem eine Ritze wie der Mariannengraben jegliche körperliche  Annäherung verhindert. Seine Gesten sind müde. Ihre sind präzise durchkomponiert. Ihr Blick ist zielstrebig und schweift nicht nach oben. Seiner hüpft durch die Welt und sieht alles und nichts. Es dauert ein ganzes Leben um zu sterben. In dieser Stadt, in der von Sonnenaufgang bis zum Zenith jede Sekunde geprägt ist vom Wissen, dass es mit eben jeder Minute unerträglicher werden wird. Es gibt nichts, was wir Wetter nennen würden. Die Tag sich gleichförmig. Trotz der Ursprünglichkeit der Siedlung dreht sich das Hamsterrad.

Meine Faszination macht mich zum Fremden. Ich werde belächelt. Die beiden Alten meiden die felsige Weite und Einöde. Haben längst jeden Blick für all diese beige Schattierungen von Sand und Stein verloren, die mich kontemplativ werden lassen. Diese unheimlich schnellen landschaftlichen Wechsel. Alles ist episch, krass, zerrt an meinen Augen, lässt mich starren und erstarren.  Meine Projektionsfläche ist bunter und romantisierter, von der Illusion von Mächtigkeit, die mir das laufen und radeln in dieser zum Teil trocken, unwirklichen, alles verneinenden Umgebung bietet. Für mich ist das nur ein Intermezzo. Für sie ein zutiefst beschränkendes Element. Niemand braucht das nichts und deswegen ist es die Normalität der Oase, die sie einnimmt.

Auch, wenn dort inzwischen die Horden aus aller Welt eingefallen sind mit ihren Sonnencreme Flaschen, den dicken Reiseführern und den Köpfen schon in einem anderen Land. Schnatternde Häscher preisen ihre Produkte und die Käufer an und letztere lassen sich gerne anpreisen. Die neuen Menschen sind ständig in Bewegung, hüpfen von einem Fotopunkt zum nächsten. Fotografieren ihr eigenes Gesicht zweitausendmal mit wechselnden Bergen im Hintergrund. Mit Backpackerduktus, selbstgewählter Askese, die sie aus der Menge emporhebt, während ihnen das reisen, die einzige sinnvolle Art des Lebens, alle wahren Qualitäten lehrt – und sie gleichzeitig noch ein bisschen für den Lebenslauf netzwerken.

Das ist die Welt, in die ich gehöre. Die in das Leben der beiden eingefallen ist und dem sie am Ortsrand mit Stoizismus begegnen. Sie sind nicht aus dem Holz, dass sich festkettet, wenn Dünenformationen von einer anderen Welt der neuen zweispurigen Autobahn weichen sollen, um noch mehr Geldbeutel auf zwei Beinen in die Stadt zu locken – mit deren einmaligen Ökosystem. Ihre einzige Waffe ist ihre Anwesenheit und der Garten, dem sie dem steinigen Boden abringen.

Tagsüber schlage ich mich alleine durch Sand und Hitze. Ich lebe eine seltsame Entsagung zwischenmenschlichen Austausch. Die beiden Alten sprechen nur eine zahnarm genuschelte Version von Spanisch, bei der ich keine Chance haben. Und ich kann sowieso nur einzelne Worte stammeln. Die Tage kommen mir wie kleine Wochen vor.

Die Sonne hat etwas bedrohliches, die Landschaft könnte als Kulisse für einen Mars Film mit Bruce Willis dienen. In dem im Minutentakt Dinge explodieren. Mein Körper erreicht Erschöpfungszustände, die ich sonst nicht kenne. Meine Nase hat eine Schattierung von rot angenommen, die die Einheimischen zu zahlreichen Kommentaren animiert, die ich nur erahnen kann. Gleichzeitig bin ich wie sonst fast nie auf meine eigenen Kräfte angewiesen. Ihnen ausgeliefert. Ich frage mich, ob die Wüste der Ort ist, an dem sich Menschen zum ersten Mal einen Gott ausgedachte haben. Ich könnte es verstehen. Dann denke ich wieder gar nichts mehr, bin viel zu sehr mit keuchen und schwitzen und nicht einfach stehen bleiben,  aufgeben und in der Sonne gar braten beschäftigt.

Wenn ich nachts liege, weinen meine Augen reflexartig das Sofa an, um irgendwie Staub und Sonne und Sonnencreme auszuspülen. Mein Gesicht glüht immer noch nach. Es ist kaum dunkel geworden und ich bin zu nichts anderem mehr als schlafen in der Lage. Meine beiden Gastgeber fragen sich sicher, was für ein Alien bei ihnen geladet ist. Einer der Worte sagt und sie nicht zu Sätzen zusammen baut, tagsüber verschwindet und dann weinend auf dem Sofa zusammen bricht, wenn die halbe Stadt noch tanzt.

Am letzten Tag nimmt mich die Frau zur Seite. Zeigt mir Bilder von Menschen, die ich nie kennen lernen werde. Sie strahlt. Gestikuliert. Wird noch dreidimensionaler. Ich muss nicht verstehen, wer diese Menschen sind, an ihrem Gesicht kann ich ablesen, dass sie ebenso ein Teil von ihr sind wie der Hut, den sie nur in Innenräumen ablegt. Am Ende hat sie sich selbst. Mehr als die meisten anderen. Wenn sie eine Katze streichelt, dann tut sie ausschließlich das, mit Präzision. Wenn sie wie jeden Sonntag in die Messe geht, dann meint sie das auch so, tut es nicht für das, was die Nachbarn von ihr denken.  Selbst jetzt, wenn sie Fotos betrachtet, zieht sie Menschen ins jetzt, die dieses nie erreicht haben.

Es ist symbolisch, wie sehr die Geburt ein Vorgang zu zweit ist und wie allein der Tod. Altern ist hier genauso unschön und wenig glorreich wie überall. Nur scheint das die Menschen weniger zu überraschen. Am Ende hat der Mensch noch sich selbst. Und dann, wenn er verloren ging, noch die Erinnerungen an das, was er zu sein glaubte. Als ich gehe bedanke ich mich für alles, für das ich Wörter habe. Für Reis und Bohnen und die Couch. Das sie mir den Trotz und die Stärke derer gezeigt haben, die bleiben, die Haftung haben, kann mein holpriges spanisch nicht hervor bringen. Das sie mir gezeigt haben, wie der Ort hätte sein können, wären nie Leute wie ich gekommen und hätten ihm ihre Interpretation aufgezwängt, hätten sie aus Freundlichkeit doch nur verneint.

3 comments to “Eine Couch in der Wüste”

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  1. Nils S. - 9. April 2018 at 10:09 Reply

    Nice 🙂

  2. Javier - 3. April 2018 at 09:59 Reply

    Lustigerweise habe ich aehnliche Erfahrungen in Chile gemacht, ein wunderschoenes Land, das leider immer mehr zur Touristenfalle verkommt.

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