Four Letter Words

„Alle Welt reist“, schrieb Theodor Fontane. „So gewiss in alten Tagen eine Wetterunterhaltung war, so gewiss ist jetzt eine Reiseunterhaltung. »Wo waren Sie in diesem Sommer?«.“ Das war 1894. Das hätte auch 2017 sein können, von einem Reiseblogger, der sich darüber aufregt, wie oberflächlich andere Backpacker sind.

Ich war vor kurzem in einem dieser Hostels, in dem der Großteil der Menschen nicht zu übernachten, sondern gleich zu leben scheint. Eine klassische „Ey yo man, whats up man“ Blase. Sie sind nicht unterwegs, sie sehen sich nichts an, sie lernen keine Menschen aus anderen sozialen Schichten kennen. Sie haben ihren Alltag nur in einen leicht (aber natürlich gemütlich-stilvoll) vollgerumpelten Hostelgemeinschaftsraum verlegt. Pflegen von dort aus ihren Instagram Account und unterhalten sich lautstark und enthusiastisch über die immer und immer gleichen Themen. Ganz so, als seien sie seit Ewigkeiten befreundet. Wahrscheinlich haben sie irgendwo am Körper auch ein Tattoo, von einem Kompass, einem launigen Wanderlust Slogan oder eben doch die Weltkarte auf dem Hinterteil?

Sie sind alle schon mehrfach dagewesen. Diese eine Person, die sich so benimmt, als sei es der erste Schultag, schnatternd von Smalltalk zu Smalltalk hüpft und alle Menschen an diesem Ort zu ihren wahren Seelengefährten erklärt. Da ist dieser Typ, der aussieht wie 41, wahrscheinlich in Wirklichkeit 37 ist und vorgibt, 24 zu sein – der selbst mit dir spricht, wenn du deine Misanthropie so sehr nach außen kehrst, dass kein anderer es mehr wagt. Und natürlich noch der, der definitiv schon zu lange unterwegs ist, und es selbst aufgegeben hat, über die „Sights“ zu reden – geschweige denn über sein Leben zu Hause – das ist ein absolutes Taboo.  Ein Leben in der Routine existiert nicht mehr, denn sie sind alle so befreit und eigenständig … und schauen dann abends im besagten Gemeinschaftsraum als trinkendes Rudel der Quotenaustralierin zu, wie sie beim Videospielen ihr gesamtes Repertoire an gekünstelten Lauten der Begeisterung von sich gibt.

Wer aus seinem Leben fliehen möchte, sollte vielleicht etwas Radikaleres machen, als reisen. Denn das ist erst einmal nur physische Bewegung, ohne Sport zu sein. Reisen veredelt nicht den Geist und räumt auch nicht mit einem einzigen Vorurteil auf, wenn man die vorgedruckte, mentale Blaupause ununterbrochen mit der Realität vergleicht und die Fehler zählt. Eine Reise beginnt vielleicht erst wirklich in dem Moment, in dem man die vier Wände von einem normalen Menschen betritt und anfängt, den Ort durch dessen Augen zu sehen. Damit diese mystifizierte Reise, die Ersatzreligion der Millenials, die ihr Missionarentum in Blogeinträgen ausleben, etwas mit einem anstellt, muss man nicht die Pauschalreise gegen einen Hosteltrip eintauschen. Sondern seine Überheblichkeit gegenüber denen ablegen, die sich aus irgendeinem Grund dafür entschieden haben, an diesem Ort zu leben.

Was muss man tun, um einen tieferen Einblick in die Essenz eines Ortes zu bekommen? Bestimmt nicht eine lustige und ach so authentische Walking Tour mitmachen. Ich habe nichts gegen lustige Walking Tours. Solange man nicht so tut, als seien sie etwas anderes, als ein Sprössling des Genres Touristenbespaßung. Sehenswürdigkeiten sind nett. Es ist sicher nett, herauszufinden, wie Menschen in unterschiedlichen Ländern ihre Zuneigung ausdrücken. Aber vielleicht sollte man lieber herausfinden, wie sich die Leute beleidigen.  Aus psychologischer Sicht gibt das immerhin Einblicke in die Taboos einer Kultur. Interessanterweise sind in vielen Sprachen Schimpfwörter aus der sexuellen Spähre weit weniger anstößig als im Deutschen, dafür sind hier fäkalsprachliche Wörter wesentlich gängiger als im romanischen oder im angelsächsischen Kulturkreis. So werden ödipale Beschimpfungen mit einer patriarchalen Struktur in Verbindung gebracht, während Psychologen in anale Beleidigungen  kollektive Charakteristika wie einen starken Ordnungs- und Reinlichkeitssinn hinein interpretieren.

Die Schweden beziehen sich beim schimpfen und fluchen auch ganz gerne mal auf die Hölle (helvete), im Québec kann man nach so ziemlich jeden Begriff, der mit der katholischen Kirche und deren religiösen Ritualen eng verbunden ist, als Schimpfwort gebrauchen, die Niederländer bedienen sich ebenfalls gerne an Gott (godverdomme). Vielleicht haben Schweden also weniger Angst vor dem Tod, sind Niederländer weniger Obrigkeitshörig und frankophone Kanadier immer noch stark von der stillen Revolution geprägt?

Die Mutter ist nicht erst seit den „dei Mudda“ Witzen ein beliebtes Thema, in Serbien kann man sagen: Möge dich deine Mutter im Cevapcici wiedererkennen (Mater te u cevapu prepoznala), im Finnischen hat die Mutter ein Rentier geheiratet (Äitisi nai poroja). Was grundsätzlich gar nicht so böse klingt, weil man bei Rentier einfach nur an flauschige Gemütlichkeit im Rudel denken kann. Wer in Texas kein Vieh besitzt, ist offensichtlich auch nicht viel wert, „all hat no cattle“ heißt so viel wie „große Fresse und nichts dahinter“. In Italien kann man jemandem, der schlechte Laune hat, vorwerfen, er habe verdrehte Hoden (Avere i coglioni girati).

Und schon sind wir, in diesem kleinen Schimpfwörterroulette, beim Themenbereich Sexualität! Sexuell aktive Männer sind im chinesischen lüsterne Würmer (淫蟲), das weibliche Pendant ist dann gleich ein öffentlicher Bus (公共汽车/公共汽車). Im Französischen gibt es eine ganze Palette an Wörtern, die in ihrer männlichen Form diverse, harmlose Bedeutungen haben, in ihrer weiblichen Form aber allesamt für Hure stehen. Da hätte man gleich einmal etwas über die unterschiedlichen Sexualmoralmaßstäbe gelernt, die an die beiden Geschlechter angelegt werden.

Ob Theodor Fontane auch etwas zum Thema sexueller Beschimpfungen gesagt hat, um hier den Rahmen wunderbar zu schließen? Ich bezweifle es. Aber ich werde von der nächsten Reise definitiv ein paar neue, kreative Schimpfwörter mitbringen, so dass ich mit meinem neu erworbenen Wissen nun immerhin in jeder Hostelblase glänzen kann.  Dann werde ich auch mal eine neue Hostelpersonalität darstellen und von wieder anderen grenzenlos nervig gefunden werden.

2 comments to “Four Letter Words”

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  1. Amanda M. - 3. Januar 2018 at 22:16 Reply

    Haha mal ein anderer Ansatz, ein Land kennen zu lernen

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