Generationenvertrag im Wartezimmer

Generationenvertrag im Wartezimmer

Auf eine Art und Weise sind Wartezimmer nichts anderes als Handelsplätze. Zeitbörsen wenn man so will. Man wartet  in einem meist stickigen Zimmer mit einer Vielzahl anderer keimverseuchter Menschen (wenn man mal von Studierenden in der Prüfungszeit absieht), in der Hoffnung darauf, als Belohnung eine potentielle Lebenszeitverlängerung zu erhalten oder weniger von dieser im Bett verbringen zu müssen – und dafür mehr am ach so liebgewonnen Arbeitsplatz. Was recht sinnlos erscheint, da viele Menschen diesen horizontalen Modus unter anderen Umständen liebend gern einnehmen. Dieser Handel vollzieht sich mit dem ständigen, krampfhaften Hintergrundbestreben seine eigenen Körperflüssigkeiten innerhalb, und die Flüssigkeiten der anderen Anwesenden außerhalb des eigenen Körpers zu lassen.

Ich sitze also mal wieder im Wartezimmer mit den üblichen Verdächtigen:
Der Student, der jedes Mal, wenn der Arzt oder eine Sprechstundenhilfe vorbeikommt, den Eindruck erweckt, todkrank zu sein, sobald diese aber außer Sicht sind, eine Wunderheilung erlebt. Gegenüber von mir ein Kerl mit deutlich christlicher Attitüde. Die Stirn gewichtig in Falten gelegt, hütet er einen, mit Psalmen bedruckten Jutebeutel auf dem Schoß, als wäre es der wiedergeborene Heiland. Immer wenn er sich unbeobachtet fühlt, blickt er kurz zu dem Studenten hinüber, dessen andauernde Wunderheilungen im Minutentakt den angehenden Sektenlenker in seiner Jutebeutel-Heiland-Theorie zu bestärken scheinen.

Dann wäre da noch die adipöse Mittzwanzigerin, deren Lesegeschmack Ihrem Alter allerdings schon weit voraus geeilt und bei den Oma-Romanen angekommen ist.  „Schwarzes Verlangen“ ist der Titel dieses Prachtstücks deutscher Literatur. Der Sexismus trieft einem praktisch schon vom Titel entgegen. Man kann sich denken, dass sich im inneren dazu überaus blumige Metaphern für Genitalien und ein beklagenswerter Mangel an Sprachverständnis dazu gesellen.

Dann folgt auch schon  die letzte und mit Abstand größte Fraktion im Wartezimmer, die Alteingesessene, die rollatorbetriebene Seitenscheitel-Dauerwelle Fraktion: die Senioren. Da wären zum Beispiel Siegfried und Werner, die sich gegenseitig unentwegt mit Gesprächen darüber, dass sie auch im Winter, total unbeeindruckt von der klirrenden Kälte, in heroischer Pose am Grill („Rost“) stehen – natürlich die besten Bratwürste überhaupt zustande bringen – gegenseitig die ungebrochene Männlichkeit bestätigen.Direkt darauf folgen die Ehefrauen der beiden. Während die eine in einem Buch liest, dass den Anschein erweckt, die Fortsetzung von „Schwarzes Verlangen“ zu sein, nästelt die andere aus einer Tasche am Carbon-Rollator mit Federung und Einarmschwinge ein Exemplar der Apotheken-Umschau hervor und beginnt darin zu blättern.

Ein sitzender, blätternder Schnitt quer durch die Gesellschaft. Bei dem sich allem voran eine Frage stellt: Wieso ist es so verdammt ruhig? Sollten die Jungen nicht die Alten auf der Suche nach einer Abkürzung zu den Erkenntnissen des Alters mit Fragen löchern? Und wieso sind die Alten so geizig ebendiese hinter faltigen, schweigenden Hautlappen zu verbergen?

Die Antwort scheint sich direkt vor mir in ein paar Kubikmetern Wartezimmer zu verbergen. Hinter den Mauern von billigen Soft-Erotik Romanen, rot gefärbten Haaren, schrumpeligen Männlichkeiten und schwerem  Goldschmuck in faltigen Ausschnitten. Die Antwort ist Furcht. Furcht mit gold-rosa Anstrich und Apple Logo. Die Furcht der Alten sich ihre eigene vergeudete Lebenszeit einzugestehen. Die sie in Verleugnung ihrer echten Bedürfnisse, auf der langen Jagd nach und in ausgiebiger Anbetung von Konsumgütern verbracht haben. Die Furcht vor dem Ende eines bedeutungslosen Lebens in dem Jahre verstrichen sind, ohne dass sie sich gegen ihre individuelle Bedeutungslosigkeit aufgebäumt haben. Eben die Furcht, die sie vor dem Schreckgespenst des Verfalls fliehend, scharenweise in ein Wartezimmer wie dieses treibt.

Und natürlich die Furcht der Jungen, die auf der Flucht vor den Sanktionen des Bildungssystems gleich von vier exotischen Arten der Gastritis gleichzeitig befallen werden. Denn jeder weiß: Wer keine Abschluss vorzuweisen hat, findet niemals einen Job, ist ein Taugenichts, findet keine Freunde und wird einsam und mit Zahnschmerzen sterben. Die Furcht vor dem Leben, die Neugierde erstickt und Menschen in die klebrigen Fänge der Religion treibt oder in anderen Fantasiegebilden in Roman- oder Filmgestalt Zuflucht suchen lässt.

Die Furcht der einen vor dem nahenden und die Furcht der anderen vor dem schwindenden Leben verdrängt jeden weisen Ratschlag eines Alten und jede neugierige Frage eines jungen Menschen. Man möchte nicht wissen, wie schlimm es wirklich werden wird. Man möchte gar nicht reflektieren, wie hilflos man wirklich gelebt hat. So scheitert am Ende der bedeutsamste und lange vergessene Teil des Generationenvertrages und lässt bloß die blasse Karkasse seines ökonomischen Zerrbildes zurück.

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