Große Äpfel

Es soll ja Menschen geben, die schon mal in Stuttgart waren und jetzt der Meinung sind, sie hätten das Konzept Großstadt durchschaut und damit praktisch schon alles gesehen, was die Welt in dieser Hinsicht zu bieten hat. Menschen, die so durchs Leben hoppeln, haben den springenden Punkt noch nicht erfasst. Es geht nicht darum, welche Sehenswürdigkeiten eine Stadt zu bieten hat. Der Eifelturm ist auch nur ein Koloss aus Stahl und Rost. Es geht darum, welche Gefühle sie in einem auslöst, zu welchem Menschen sie einen macht. Welche Facette der Persönlichkeit sie hochkochen lässt. Welche Antworten sie auf die Fragen hat, die man irgendwo zwischen den sauberen Unterhosen mitgebraucht hat. An manchen Orten kann man das vibrierende Nachhallen der Schritte früherer Generationen einfach besser spüren, den Schweiß, der mit in die Häuserfassaden eingegossen wurde, eher riechen. Genau das ist in New York der Fall.

In den mit Lineal gezogenen Straßen, die der Gott des Kubismus geschaffen hat und auf denen die Moralphilosophie des Dollars regiert, während man Prosa über Tautropfen auf Metrokartenrückseiten druckt, ist New York ebenso das  Hauptquartier der grauen Herren, die im flackernden Licht der Werbung ständig neue Gestalten annehmen, wie das Reich der anderswo Verstoßenen.

Diese Stadt ist weit mehr als eine Stadt. Sie ist eine Idee, die immer wieder für tot erklärt wird und immer wieder aufersteht. Die den Menschen das Blut aussaugt und sie gleichzeitig im Leben erhält. Die Idee von größer, mehr und schneller, in Beton gegossen auf einer blinkenden Insel, einem Kleinod der Unwirklichkeit. Ein aberwitziger Traum von einer Horde Misanthropen, die auf engstem Raum zusammengestapelt leben, dabei ihre Gegenseitige Existenz zu negieren versuchen und ihren Mangel an zwischenmenschlicher Wärme auf einer gemütlichen Psychiatercouch beklagen. Tausende hat diese Idee, diese Stadt, über das Meer gelockt und in die Kinosäle und wer sich dort einmal niedergelassen hat scheint jeden anderen, der nicht dort lebt, für einen Witzbold zu halten, denn gibt es wirklich ein Leben außerhalb von New York City? Wissenschaftler scheinen sich diesbezüglich noch immer noch nicht sicher zu sein.

Ich habe Leute sagen hören, dass in L.A. jeder berühmt sein möchte, ohne bereit zu sein, die nötigen Kämpfe auszufechten.  Vielleicht ist Chicago der Ort der ehrlichen Arbeit. Sicherlich ist Washington eine Art riesiges Freilichtmuseum eines staatlichen Selbstverständnisses. Die amerikanische Seele wohnt wahrscheinlich auf einer abgelegenen Milchkuhfarm in Nebraska  und weiß nicht, mit wem sie zum Prom gehen soll. Doch New York existiert trotz seiner aufdringlichen Farben immer noch in schwarz weiß. Und die Straßenverkehrsordnung nur ein freundlicher Serviervorschlag.

Aber in New York lernt man ein paar fundamentale Kleinigkeiten über die menschliche Seele. Und dabei gehen die Einsichten tiefer als die modischen Sünden, die über die Bordsteine hasten. Wenn man Menschen in eine Form presst, die vollkommen ihrer Natur wiederspricht, wenn man sie in Schachteln stapelt und den Himmel in Quadrate zerschneidet, sie ihre zahmen Neurosen streicheln lässt, aber das Ganze mit den Beastie Boys unterlegt und in Selbstbewusstsein kleidet, dann ist das Endergebnis eben doch so faszinierend, dass es immer mehr Menschen heran lockt.

Es gibt so viele verschiedene Welten hier. Von der orthodoxen Jüdin mit Perücke bis zu den mühevoll in Spitze drapierten Äpfelauslagen. Vom echten Elend der zahlreichen Obdachlosen bis hin zur aufgesetzten Verchecktheit des Verkäufers vom Marijuanalieferservice. Sie alle überlappen und stoßen hier gegeneinander, ohne sich wirklich zu vermischen und auszutauschen. Ohne wirklich zu einer Einheit zusammen zu kommen. New York ist ein Teilchenbeschleuniger für Menschen, die trotzdem ihren Block kaum zu verlassen scheinen. New York ist die Essenz jeder einzelnen urbanen Neurose, die zum Trendgetränk unter den Hipstern wird. Zu denen sich bekanntlich niemand zählt aber doch irgendwie jeder gehört. New York ist wie Stuttgart, das beim Psychiater auf der Couch liegt, weil es eine Allergie gegen Schwaben entwickelt hat.

4 comments to “Große Äpfel”

You can leave a reply or Trackback this post.

  1. Leo - 9. Dezember 2017 at 17:39 Reply

    Bravo, exzellent!

  2. Louis - 2. Dezember 2017 at 01:34 Reply

    Liebe Superlocke,
    da ich mehrere Jahre in NYC gelebt habe, habe ich mich sehr über einen so treffenden Beitrag gefreut – die Stadt ist einfach ein kleines Universum für sich 🙂

  3. Franziska - 30. November 2017 at 11:00 Reply

    „New York ist wie Stuttgart, das beim Psychiater auf der Couch liegt, weil es eine Allergie gegen Schwaben entwickelt hat.“
    Da musste ich echt lachen.

Leave a Reply

Your email address will not be published.

*