Ich bin hier bloß der Couchsurfer

 

Die Küche ist eine schräge Mischung zwischen Baustelle und Selbstfindungstrip. Farblich überwiegt ein aggressiv fröhliches orange, das sich in leichten Nuancen über die Wände schwingt. In der Ecke sitzen zwei junge Frauen und unterhalten sich angeregt. Keine Ahnung, ob sie auch hier wohnen. Ich habe längst den Überblick verloren, wer von den Leuten, die hier ein und ausgehen, eigentlich hier lebt. Ich bin hier nämlich nur der Couchsurfer, ein stiller, allgemein geduldeter Beobachter.

Zwischen halb eingetrockneten Pinseln, halbherzig verlegter Abdeckungsplane und zahlreichen deplatzierten Farbspritzern wandelt der personifizierte Selbsterfahrungskurs für Frauen in der Midlife Crisis. Sie ist irgendwo in ihren 50ern und ihre wallenden Gewänder derselben Farbschattierung wie die Wand fügen sich perfekt in diese Küche ein. Zwischen den Malerutensilien liegen Bücher und Zettel. „Eine Frau ist ein Wesen, das sich selbst gefunden hat.“ – Jean Giraudoux, hat jemand gestern Nacht im Laufe der Party an die Küchenwand gepinselt. Die beiden Frauen in der Ecke frühstücken und trinken Rotwein. Schon seltsam, wie das bloße trinken von Rotwein jegliche Aktivität sofort akademischer erscheinen lässt. Selbst frühstücken. Ich klammere mich an meiner Tasse Kaffee fest, um mir nach der Party gestern die Illusion des Menschseins wieder anzutrinken.

„Yfir og hæðir yfir hóla“, säuselt ein Sänger aus dem Lautsprecher. Oder so etwas in der Art. Der Sänger scheint Schmerzen zu haben, große, essentielle Schmerzen. Vielleicht singt er von eitrigen Ödemen, zumindest klingt es ein wenig danach. Objektiv, fair und verständnisvoll zu sein fällt nicht in meinen Aufgabenbereich als Couchbewohner. Ich bin hier seit zwei Nächten. Und dabei weiß ich erschreckend viel über dieses Haus. Und seine Hauptbewohnerin. Ihr Name ist Greta. Sie wiegt sich im Takt zur Musik, während sie noch mehr Kaffee aufsetzt.

„Erst im Alter habe ich begriffen, dass alle Menschen fanatische Sammler sind“, hatte Greta gestern zu mir gemeint. Schon die Einleitung hatte den Duktus, als ob sie nicht mir etwas erzählen wollte, sondern ihre Biografie diktieren würde. „…auf die eine oder andere Weise, eine Leidenschaft, die sich in überbordenden Gartenzwergkolonien oder auf subtileren Wegen zeigen kann.“ Da muss man ihr wohl recht geben. Ein Klassiker sind jene, die Erinnerungen sammeln, sie in mentalen Einmachgläsern verstauen, um sie in geeigneten Momenten wieder hervor zu ziehen und daran schnüffeln zu können. Um das Gefühl zu haben, ihr Leben ausreichend gelebt zu haben. Um sich vor sich selbst besser rechtfertigen zu können. Andere sammeln Postkarten oder Bücher oder Werbeplakate aus den Fünfzigern. Würde man mich fragen, so würde ich behaupten, die Grundintention des Sammelns ist nichts anderes als das menschliche Sicherheitsbedürfnis. Der Wunsch, sich mit vertrautem zu umgeben, der Wunsch, etwas zu besitzen und sich dann am Haben selbst zu erfreuen. Sich gegen die Vergänglichkeit und die Unsicherheit zu stemmen und zu sagen: Nimm diesen Kühlschrankmagnet! Mein Urlaub in Rom war vergänglich, aber dieses Stück Plastik, das ich überteuert in einem Souvenirladen nahe dem Campo di Fiori kaufte, werden noch meine eigenen Enkel hässlich finden. Siehst du, Endlichkeit? Du bist stark, aber ich bin stärker! Wir Menschen sind eine alberne Art von Säugetieren.

Ein leichter Geruch von Banane huscht an mir vorbei. Die Tür geht auf, der nackte Schwede kommt herein, ein Bündel überreifer Früchte unter den Armen, um sich die allmorgendlichen Bananenpfannkuchen zu braten. Der Schwede preist die Schönheit des Morgens. Ich sehe immer noch keinen Antrieb, zu sprechen. Der Schwede kloppt munter die zermatschten Bananen mit etwas Mehl und sehr viel Ei in die Pfanne.

„Und nun fragen mich ja immer alle, wie ich an meine Männer komme,“ spricht mich Greta an, als wüsste sie, dass mir das Gespräch von gestern immer noch nachhängt. Nicht, dass ich das gefragt hätte. Ob der Schwede französisch versteht? Zumindest schaut er nicht von der munteren Braterei auf.
„Ich habe jahrelang darüber nachgedacht, was mein Geheimnis ist.“ Sicher nicht ihre Bescheidenheit.
„Ich bin bisschen stolz darauf. Nicht nur wegen der Zahl an sich, auch wegen der ganzen Geschichten, der unterschiedlichen Männern und der Kreise, in die sie mich eingeführt haben, hat mein Leben einen sehr episodenhaften Charakter. Wenn ich zurück blicke, ist es wie eine Ansammlung an Annekdoten.“ Ich weiß nicht, wie viele unterschiedliche Leben sie innerhalb des einen gelebt hat. Und ihre Männer haben offensichtlich kleine Spuren in diesem Haus hinterlassen und an ihr. Der Tomatensaftkonsum, das isländische Liedgut, die Liebe zur Farbe orange – alles fremde Eigenarten, die sie sich zu Eigen gemacht hat. Das ist ihre eigentliche Sammlung. Ob sich der Schwede in diesem Moment so sehr wie ein Ausstellungstück fühlt wie ich wie ein Museumsbesucher?

„… denn am Ende geht es nicht um die einzelnen Männer“, steige ich gedanklich wieder in den Monolog ein. Es geht darum, was für eine Frau ich sein kann, wenn ich mich in ihnen gespiegelt habe. Und irgendwo, in all diesen verschwommen überlappenden Spiegelbildern steht eine dreidimensionale, alte Riesin.“ Sie grinst mich stolz an. Vielleicht hätte sie diesen Satz an die Wand sprayen sollen.

Ich frage mich, was ich eigentlich sammle. Dabei finde ich die Grundhaltung des Besitzenwollens schon einen merkwürdigen Dominanztrieb, irgendwo zwischen materieller Gier und dem seltsamen Wort Hobby, das für mich mit einer inkonsequenten Flucht aus den Zwängen des Alltags konnotiert ist. „Entsammeln“ und zerstören hat dabei fast den attraktiveren Nachgeschmack. Aber gleichzeitig ist dieser Mikrokosmos, in dem ich gerade sitze, eine faszinierende Auflehnung. Und immerhin gibt es gleich etwas zu essen. Außerdem bin ich ja hier sowieso bloß der Couchsurfer.

2 comments to “Ich bin hier bloß der Couchsurfer”

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  1. Nicole Katharina - 30. September 2017 at 08:39 Reply

    Hi
    Ich habe noch nie Couchsurfer gespielt. Da hätte ich zu viel Angst das etwas negatives passiert.
    Aber das was du erlebst klingt richtig lustig.
    Liebe Grüße Nicole

  2. Marietta - 28. September 2017 at 06:12 Reply

    Haha, bei meinen zahlreichen Couchsurfingerfahrungen habe ich so etwas natürlich noch nie erlebt, mich aber dann doch in einigen Punkten wiedergefunden. Spannend ist es auf jeden Fall immer, in fremde Lebenswelten zu blicken!

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