Im Trüben fischen – Was kann die Wissenschaft leisten?

Seit Gott nicht nur von Nietzsche, sondern auch von einem breiten gesellschaftlichen Konsens für tot oder zumindest für irrelevant erklärt wurde, braucht der Mensch neue Glaubenskonstrukte. Religion hat über Jahrhunderte hinweg die Interpretationsleitlinie im Umgang mit dem Unfassbaren, dem über-sinnliche-Wahrnehmung-hinausgehenden gestiftet. Das ist jedoch längst weggebrochen. Dafür hat die Wissenschaft in Teilen nahezu religiöse Züge angenonmmen. Immerhin ist er ein biologisches Wesen mit mangelhaften Instinkten und einem sehr geringen Maß an angeborenen Verhaltensweisen und damit einem „in die Welt geworfen sein“, wie Sartre sagen würde, ausgesetzt. So ist jeder zur Konstruktion seiner sozialen Wirklichkeit genötigt. Der Mensch ist durch das Fehlen von angeborenen Reaktionsmustern auf Umweltreize dazu verdammt, sich selbst einen Narrativ der Wirklichkeit zu konstruieren, um in der Lage zu sein, mit ihr umzugehen. Ebenso, wie er normative Grundlagen für das Zusammenleben schaffen muss.

Fortschritt ist die neue Mythologie

Die Demontage der Religion hat den Menschen in eine bloße Existenz ohne Sinnhaftigkeit zurück geworfen, die dann mühsam neu kreiert werden musste. Mythologie setzt oft die geordnete Schöpfung in einen Gegensatz zur chaotischen Ausgangssituation. Diese durch einen Gott initiierte Strukturierung ist  Voraussetzung für die Durchdringbarkeit und Beherrschbarkeit der Realität. Das Gegenteil assoziieren wiederum viele Menschen mit Stress und Ängsten.

Im scheinbaren Ideologievakuum einer postreligiösen Gesellschaft hat  die Wissenschaft eine Monopolstellung errungen. Und einen Glauben an die Beschreibarkeit der Wirklichkeit gesät. Gleichzeitig hat sie einen oft unhinterfragten, oft ziellosen Fortschrittsglauben evoziert, welcher sie wiederum fundamental mit dem Kapitalismus verquickt. So sind beide aufeinander angewiesen, um das Vorankommen des jeweils anderen zu sichern. Ein Streben nach Vollendung des Menschengeschlechts (à la Moonraker) geistert in diversen Köpfen und bildet bizarre Formen. Der Fortschrittsglaube ersetzt die alten Unsterblichkeitsvorstellungen und überträgt sie vom Individuum auf das Kollektiv. Das Altern, ein Phänomen, dass erst mit der Sexualität in die Evolutionsgeschichte Einzug hielt, soll ebenso wie Krankheit und mit den beiden der Tod zu einer manipulierbaren Variablen reduziert werden. Der Tod ist eine langfristig überwindbare Schwachstelle statt transzendentes Erlebnis. Die neuen Narrative sind weniger mystisch-kreativ. Aber ebenso eine Reaktion auf Urängste und Bedürfnisse.

Die Wissenschaft hat zahlreiche Grundfeste menschlicher Existenz erschüttert. Um es mit Freud zu sagen: den Mensch in seiner gefühlten emporgehobenen, nur temporär irdischen Position gekränkt. Freud selbst hat die Integrität der Persönlichkeit in Frage gestellt. Die Quantenmechanik die Messbarkeit der Welt. Die Relativitätstheorie den Substanzcharakter der Masse. Damit ersetzt sie aber auch die religiöse Kleinmachung des Menschen gegenüber Gott.

Die Illusion von objektiver Wahrheit

Dabei wird regelmäßig die Modelhaftigkeit und die daraus gegebene Limitierung von Aussagen auf die Annahmen und Systemgrenzen, mit deren Hilfe die Theorien ja gerade gebildet wurden, verkannt. Alle Lehre ist Nachbildung, Meinung und Interpretation. Wissenschaft strebt nach einer Wahrheit, deren absolute Existenz sie selbst negiert mit Mitteln, deren Fehlerhaftigkeit ihr genau bewusst ist und verhaspelt sich in Publikationswut, Deutungshoheitskämpfen und in der Indoktrination mit bereits Bekanntem. Statt der Motivation zum Querdenken. Wie früher die Religion plustert sich die Wissenschaft zum allgemeingültigen Wahrheitsanspruch auf. Nicht im Detail. Hier wird mit Zweifel und Unsicherheit offen umgegangen. Aber die Selbstverständlichkeit, die einzige zulässige Methode zur Erfassung der Wirklichkeit zu sein, haftet dem gesamten akademischen Diskurs an. Das ist kein Grund, der Wissenschaft ihre Bedeutung und ihre Notwendigkeit abzusprechen. Trotzdem sollte auch ihre Begrenztheit ehrlich diskutiert werden.

Der Glaubensanteil, der allen Theorien inne wohnt, ist meist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Denn selbst Zahlen sagen nur so viel,  wie man aus ihnen liest. Experimente sind nur so gut wie die Elimination aller Störungen. Wodurch wiederum eine künstliche Atmosphäre geschaffen wird, die der Komplexität der echten Vorgänge nicht gerecht wird. Der Beobachter ist nie absolut neutral sondern immer auch Manipulator.

Die Anwendbarkeitsmaxime der Wissenschaft

Mit der unstrittigen Faszination, die die Forschung ausstrahlt, geht auch eine gehörige Portion Ernüchterung einher. Die Reduktion komplexer Vorgänge auf einfache Grundprinzipien ist eine der absoluten Stärken der Theoriebildung. Doch kommt man zumeist – v.a. im Bereich der Ingenieurwissenschaften – einer echten Lösung nie wirklich nahe, kann nur Kompromisse bilden, Grenzzonen weiter hinaus drücken und Bestehendes optimieren.  An jedem Ende stößt man auf neue Hindernisse, da jeder meist für sich im Dunkeln stochert. Man jagt einer erhofften Anwendbarkeit nach.

Der systematische Überblick ist längst entfleucht. Das Idealbild des homo universalis ist mit der Renaissance gestorben. Der Anspruch, den Überblick über den Gesamtstatus menschlichen Wissens zu behalten, ist hinter der Unmöglichkeit zurück geschreckt, alles Wissen der Welt in einer Person zu vereinen. Als sei dies jemals möglich gewesen. Selbst die Philosophie verliert sich in Begrifflichkeiten, Grabenkämpfen, hat den Anspruch auf eine individuelle geistige Durchdringbarkeit der menschlichen Existenz verloren. Hält diese aber arbeitsteilig in einer fortschreitenden Aufsplittung der Disziplinen noch für möglich.

Man weiß, was man wissen möchte. Man denkt, was man denken sollte.  Und man spricht, um als wegweisend wahrgenommen zu werden, nicht,  um wegweisend zu sein.  Die Systemkritik ist tot, lang lebe die Optimierung der Einzelheit. Dabei ist die Vernunft eine mangelhafte und schwammige Institution, Daten immer nur so objektiv wie jener, der sie analysiert und die Objektivität eine Scheininstitution,  der Mensch alles andere als selbstevident. Gleichzeitig wird die Geschichte der Wissenschaft zur eigentlichen Geschichte der Menschheit hochstilisiert. Während die Naturwissenschaften an ihrer Nähe zur Wirtschaft und dem Zwang zur praktischen Anwendbarkeit schwächeln,  kranken die Geisteswissenschaften oft an einer geschwollenen Ausdrucksweise, die ihnen die Zugänglichkeit, damit aber auch den Zwang zur Rechtfertigung und eine wichtige kritische Öffentlichkeit entzieht.

Studentische Kritik bleibt meist bei organisatorischen Fragen stehen

Wie der fleißige Schüler Tafelbilder in den richtigen Farben abgemalt hat, so lernt der Student theoretische  Schulen auswendig und würgt im Bedarfsfall  (siehe Klausuren) diese wieder hervor. Der Novize bewegt sich auf fein gezirkelten Kreisen festgesetzter Phrasen. Studentische Kritik bleibt meist bei organisatorischen Punkten stehen und hinterfragt nicht Relevanz und  Innovationskraft einer Denkweise. Naturwissenschaften verschlucken sich dafür am Dogma der Widerspruchslosigkeit und Objektivität. Ihre Resultate gehen über die Unmittelbarkeit des Gegenstandes hinaus – genau daraus ziehen sie ja ihren Mehrwert – begründen ihre Unantastbarkeit aber genau auf der Reinheit ihrer empirischen Basis. Ihre Anschaulichkeit ist ebenso niedrig wie ihr Vertrauenscharakter hoch.

Am Ende bescheinigt sich die Wissenschaft selbst ihre Wissenschaftlichkeit und ist damit in Reinform gelebte Tautologie. Die fehlende Subjektivität der Erkenntnis an sich macht sie zu einem mangelhaften Instrument, aber gleichzeitig liegt die Unangreifbarkeit der Wissenschaft auch in ihrer ständigen Selbsterneuerung begründet. Sie kritisiert sich selbst und gibt damit vor, der Vollkommenheit entgegenzustreben, nur selbst überhaupt in der Lage zu sein, sich zu bewerten und eine stringente Geschichte der Verbesserung vorweisen zu können.

Denn nach allen Jahrhunderten der Geistesentwicklung ist dies aus evolutionärer Sicht immer noch nur ein Wimpernschlag. Es ist nicht das Gehirn, es sind nicht die kognitiven menschlichen Fähigkeiten, die sich weiter entwickelt haben, nur das kollektive geistige Kapital. Es ist möglich, auf den Irrtümern der Vorgänger zu lernen, Zeit und Ressourcen zu sparen. Das System schafft Freiräume zur Wissensakkumulation einzelner und ein kollektives Gedächtnis. Am Ende ist der einzelne Mensch ahnungslos wie eh und je. Nur hat man ihn effektiv mit den schlauen Gedanken anderer gefüttert und zur Nachahmung angestiftet.

 

2 comments to “Im Trüben fischen – Was kann die Wissenschaft leisten?”

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  1. James - 2. Juni 2018 at 09:51 Reply

    Ich bin Doktorand und weiß genau was du meinst! Danke für den Beitrag 🙂

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