In den Straßen von Montreal

Auch wenn Montreal ein Mikrokosmos für sich ist und keinesfalls die europäische Vertretung auf dem Nordamerikanischen Kontinent: Eine europäische Leidenschaft hat es sich doch einverleibt. Es motzt, mault, mosert und mäkelt. Dabei bietet das Wetter einen perfekten Angriffspunkt, denn die Kälte ist irgendwie von allen möglichen Wetterlagen die existenziellste, weil sie einem die eigene, bibbernde Zwergigkeit vor Augen führt. Und in Montreal gibt es definitiv genug davon. Noch besser wird das Motzkontingent durch die Wechselhaftigkeit und den Hang zum Extremen. Es besteht durchaus die Möglichkeit, am gleichen Tag von Schneeschaufel und Klimaanlage Gebrauch zu machen. Montreal hat definitiv vier Jahreszeiten – Fastwinter, Winter, Immernochwinter und Straßenbau.

Die ständigen Schwankungen und die unnachgiebige Kälter im Winter machen verständlicherweise den Straßen zu schaffen, die von Schlaglöchern gezeichnet sind und sich im Sommer in ein riesiges Bauprojekt verwandeln.  Dabei sind diese doch gerade ein Ort, an dem sich ein Stück montrealer Mentalität zeigt. Sämtliche Verkehrsteilnehmer scheinen von ihrer eigenen Unsterblichkeit überzeugt zu sein – und verhalten sich folgerichtig auch so.

Doch das Problem der Straßenqualität sitzt tiefer als die Wetterumschwünge. Organisierte kriminelle Gruppen haben die Bauindustrie in Quebec so gründlich infiltiert, dass sie als unantastbar gelten. Das Kunststück, rivalisierende nordamerikanische Banden, rivalisierende Haitianische Straßengangs, hispanische Kokainschmuggler, die irische West End Gang und Bikergruppen wie die Hells Angels an einem Strang ziehen zu lassen, ist einem gewissen montrealer Mafioso Vito Rizzutos in Kombination mit diversen Gesetzeslücken und staatlichen Versäumnissen gelungen. Er machte aus den zersplitterten Strukturen ein modernes Geschäftskonsortium. Er stand an der Spitze eines Millionen-Dollar-Imperiums um Großbaubetrug, Drogenhandel, Erpressung, Bestechung, Aktienmanipulation, Kredit- und Geldwäsche. Auch wenn er inzwischen verstorben ist. Die Strukturen, die er als kanadischen Zweit der amerikanischen Cosa Nostra gegründet hat, bestehen fort.

Der Montreal er Hafen ist einer der wichtigsten Eintrittspunkte für Drogen in die USA. Und das Geschäft mit den Straßen ist eben so lukrativ, weil die schlechte Qualität von Arbeiten und Materialien jährlich aufs Neue eine Unmenge neuer Aufträge hereinbringt. Auch wenn die Stadtverwaltung inzwischen gezielt versucht, dem entgegen zu wirken, Schlaglöcher werden noch lange zum Stadtbild gehören.

Wenn man durch Montreal geht, ahnt man davon nichts, man sieht nur die Unmenge der sommerlichen Baustellen. Denn auch wenn die einzelnen Stadteile wahnsinnig unterschiedlich sind, eines haben sie alle gemeinsam. Wenn man nachts unterwegs ist, bestehen die einzigen Banden, die marodierend durch die Straßen ziehen, aus übergewichtigen Waschbären. Und deren Opfer sind in der Regel nur unvorsichtige Mülltonnen. Am Ende leiden unter den mafiösen Strukturen, die die Stadt untergraben, nämlich vor allem die Autofahrer und Steuerzahlen. Der Flair einer sympathisch chaotischen, multinationalen Metropole ganz nahe am gefühlten Polarkreis wird auf keinen Fall gebrochen.

 

 

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