In der Haut eines Löwen

Die Kunst mancher Autoren liegt weniger darin, perfekt durchkomponierte Geschichten zu schreiben, bei denen am Ende die einzelnen Handlungsstränge wie Zahnräder ineinander greifen, sondern mehr im Weben eines bestimmten Sprachklanges. So bleibt die Ausdrucksweise des Autors auch dann noch an einem haften, wenn man das Buch längst weg gelegt hat. Dann beginnt man, mit der Stimme des Protagonisten zu denken. Ganz wenige Autoren können beides verbinden.

Als Immigrant im eigenen Land kommt der Holzfällersohn Patrick Lewis Anfang des 20. Jahrhunderts  im Buch „In der Haut eines Löwen“ von Michael Ondaatje aus dem abgelegenen Hinterland nach Toronto. Er war alleine mit seinem Vater aufgewachsen, die Kindheit geprägt von den Naturgewalten des Nordens. Das Buch zeichnet ein Bild der Arbeiter am Prince Edward Viaducts, das 1918 eröffnet wurde. Dabei erzählt es die Geschichte eines verschwundenen Tycoons und seiner Geliebten, und deren bester Freundin, einer entschlossenen Kämpferin für die Rechte der Arbeiter, die einst von eben jener Brücke fiel. In dieses Beziehungsgeflecht purzelt nun wieder Patrick. Daneben tauchen Diebe und Bauarbeiter mit luftakrobatischem Talent, Nonnen und Polizeichefs auf. In die Erzählung sind zahlreiche tatsächliche Begebenheiten organisch eingeflochten.

Während die Arbeitskraft der Einwanderer für die Stadtentwicklung Einwanderer unabdingbar ist, bleiben sie doch oft namenlos. Die Brücke, die viele Opfer von ihnen forderte, trägt am Ende den Namen eines Monarchen. Teilweise schafft es aber der Kampf gegen die Ausbeutung, die unterschiedlichen Arbeiter und Nationalitäten zusammen zu bringen. In diesem Sinne zeigt das Buch ein Stück kanadische Geschichte, die gleichzeitig auch für zahlreiche andere Länder und für die Gegenwart von Bedeutung ist.

Der Autor hat keine Angst vor losen Fäden. Sein Schreibstil entwickelt eine Eigendynamik, er ist präzise und lässt dennoch genügend Freiraum, um eher eine Atmosphäre zu schaffen als Psychogramme.

Nur die höchste Kunst kann das chaotische Sich-Überschlagen der Ereignisse ordnen. Nur die Besten können das Chaos so darstellen, daß sowohl das Chaos als auch die Ordnung erkennbar wird, die daraus hervorgeht.“ (In der Haut eines Löwen, S. 148 f.)

Genauso ist auch das Buch, das viele Themen und Personen ein Stock begleitet, nichts in Gänze zu Ende spinnt und auch keine historisch akkurate Nacherzählung einer Epoche ist. Vielmehr ist es  eine mit intertextuellen Verweisen durchwebte Erinnerungscollage. Daraus entsteht eine Vielstimmigkeit, eine Abfolge von Beziehungen und Begegnungen, die dem Leben viel näher steht als die offizielle, einstimmige Geschichtschreibung. Damit nimmt sich die Erzählung die gleichen Freiheiten, bruchstückhaft und manchmal vage zu sein, wie eine Erinnerung. Insofern steht das Buch auch sinnbildlich für die Heterogenität eines ganzen Landes, die Fülle verschiedener Migrationsschicksale, die Uneinheitlichkeit der namenlosen Arbeiter, die am Brückenbau beteiligt sind.

Die Brücke, die zwei der bedeutendsten West-Ost-Hauptverkehrsachsen Torontos verbindet, gibt es noch immer. Mit insgesamt über 400 Suiziden galt die Brücke bis 2003, als präventive bauliche Maßnahmen ergriffen wurden, als global zweithäufigster Anziehungspunkt nach der Golden Gate Bridge[1]. Heute trägt die Brücke wiederum ein Zitat aus „In der Haut eines Löwen“ und markiert damit den Startpunkt des kanadischen Literaturwegs[2].

 

In der Haut eines Löwen: Roman (1993)
Michael Ondaatje
246 Seiten
dtv Verlagsgesellschaft
ISBN-10: 3423117427

ISBN-13: 978-3423117425

 

 

 

[1] Suicides tarnish the Golden Gate. USA Today, 31. Januar 2005.

[2] Bookmark #1 Toronto. Project Bookmark Canaca, 2009.

3 comments to “In der Haut eines Löwen”

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  1. Anne - 15. Februar 2018 at 16:55 Reply

    Ich habe das Buch vor ein paar Jahren gelesen und es hat mich auch nachhaltig beeindruckt. Einen eindringlichen Stil hat der Autor sowieso ganz grundsätzlich.

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