Kartoffel des Monats

Sehr geehrter Herr P.,

hiermit möchte ich Sie zum Gewinn des Titels „Kartoffel des Monats“ beglückwünschen, welchen Sie sich redlich verdient haben. Für den Monat Dezember. Zum trölften Mal in Folge. Normalerweise vergibt unsere Stiftung diesen Titel stets neu, doch gelingt es Ihnen jeden Monat beispielhaft aufs neue, unsere Jury durch die radikale Aufgabe liebgewonnener Ideale zu überzeugen und Perspektiven und Kategorien so neu zusammen zu klöppeln, dass sie den ihrigen Lebensentwurf als den einzigen gültigen darstellen können.

Sie haben erkannt, dass der Unterschied zwischen Kritik aus Opportunismus und Kritik aus Überzeugung derselbe ist wie zwischen Glühwürmchen und Blitz. Sie sind das beste Glühwürmchen im Stall unserer Stiftung. Zu klein, um als einzelnes Flattertier wirklich zu stören, aber als Schwarm unübersehbar. Sie wandeln auf dem rechten Wege, ihre Aggression richtet sich nicht mehr gegen Konzepte, sondern Menschen.

Ihre Lieblingsfarbe ist jede einzelne Schattierung von schwarz-weiß. Sie haben die Radikalität der Empathie längst abgestreift und sich die Existenzialität, den Wahnsinn und die fehlende Logik der menschlichen Emotionalität zu Nutze gemacht, um vage geformte Gespenster für sich auf die Straße zu schicken, die vom Untergang eines Konstrukts faseln, welches es nie gegeben hat. Aber die Gassen hallen und wenn man Dinge oft genug sagt, dann werden sie schon wahr werden. Ihre Wut ist zwar gebündelt und kraftvoll, aber doch kontrolliert und kalkuliert abgegeben. Das ist kein Zorn mehr, das ist laute, blökende Stagnation, mit der Sie um die Häuser ziehen. Damit können Sie nichts verbessern, und das wollen Sie ja auch gar nicht. Sie haben die Hütten verraten und ehren die Paläste. Sie treiben ihre Leute zu weit, ohne zu wissen, wo das eigentlich genau liegt.

Sicher muss man auch die glücklichen Umstände sehen, in die ihr Projekt fällt. Ist die Jugend ohne Zorn überhaupt noch dieselbige? Oder hat sie eine eher anstrengende, lästige Entwicklungsphase der Rebellion übersprungen, in der sie wenig konsumiert und wenig produziert, kurzum wenig systemrelevant ist?

Wenn die konfusen Bedrohungen von außen zugenommen haben und sich Menschen in Überkonformität und Lifestyleentscheidungen flüchten, hat schon immer der Markt für Deko und Heimeligkeit floriert. Dann wird der Widerstand biegsam und wirft mit Chiapuddinggranaten um sich, statt mit beinharten Überzeugungen. Dabei kann die Wirtschaft sogar noch etwas verdienen. Wir sehen hier äußerst interessanter Ansätze für grundlegende Gesellschaftsveränderungen. Irgendwie tanzt es sich doch auch gut zu den Klängen der Junk Culture, wenn sie mit einem leichten Trommeln des Extremismus unterlegt sind. Die Geister der Weltkrise sind immerhin unterhaltsamer als jeder x-beliebige Marvel-Held.  Und schließlich kann man sich „die da oben“ auch einfach viel leichter grün dichten und ihnen nachwachsende Körperteile anhängen, wenn sie erst einmal eine Immunität gegen Selbstkritik erreicht haben und sich von Einheitsbrei ernähren.

Trotzdem sind Ihre eigenen Errungenschaften nicht klein zu reden. Wir freuen uns bereits, Sie auch im neuen Jahr wieder regelmäßig zur „Kartoffel des Monats“ zu wählen. Bleiben Sie, wie sie sind, entziehen Sie sich weiter scharfsinnigen Duellen durch entschiedene Absage an den Intellekt. Ihre Argumentationslinie und die Diagnose sämtlicher Krankheiten der Erde in Kombination mit dem Wissen um einen klar definierbaren Verursacherkreis ist schließlich herzerfrischend. Darauf ist vor Ihnen ja auch wirklich noch niemand gekommen.

Mit freundlichen und aufrechten Grüßen,

Das Generalsekretariat der Stiftung gegen die Dönerisierung des Abendlandes

Leave a Reply

Your email address will not be published.

*