Konversation mit Meeresfrüchten

Er öffnet seinen Mund und schließt ihn wieder. Auf. Zu. Aber kein Satz entkommt seinen schmalen Lippen, der es bis zu meinen Ohren schaffen würde. Kein Wort. Nur das hässliche Geräusch von sich berührenden, nassen Lippen, die zusammen gepresst werden, nur um sich gleich danach wieder zu öffnen. Ich schaue ihn an und alles was ich sehe ist ein gestrandetes Lebewesen, ein Einwohner der sieben Weltmeere, der ohne Wasser zurückgelassen wurde. Man hat ihn in einen Anzug gesteckt und das Atmen beigebracht, aber er kann immer noch nichts weiter als japsen. Seine Haare sind nach hinten gegelt und kleben ihm wie ein Helm am Schädel. Ich wäre nicht so überrascht, dünne Häutchen zwischen seinen Fingern wachsen zu sehen, wie Frösche und andere schleimige Teichbewohner sie haben.

Ich mag an Französisch, dass es so herrlich rotzen kann an den Kanten und schleimen in den Biegungen. Wörter verlieren ihre Individualität und fließen ineinander, werden zu einem Klangteppich, zu einer teigigen Masse, die für sich selbst steht. Ich mag den Reiz von Neuanfängen, weil die Zeit noch nicht in vorgefertigte Einheiten eingeteilt ist. Das Leben wird zum Strategiespiel, statt sich wiederholende novembergraue Einheitspampe zu sein. Man wird noch nicht häppchenweise vom Alltagstrott verschlungen, sondern jagt den Herbstfarben nach, bevor der Winter kommt. Ich mag es, wie sehr die Menschen in den großen Dingen ähnlich sind und wie unterschiedlich in den kleinen, wenn man die Chance hat, ein Land wirklich kennen zu lernen. Aber das hier hat nichts mit all dem zu tun.

Die Herrschaft der Bürokratie schlurft leise durch die Gänge, meist unbemerkt, ihr Grauton verschmilzt so wunderbar mit dem Hintergrundrauschen.   Sie rechnet mit fast allen Eventualitäten nur nicht damit, dass ich mich selbst am besten zu sortieren weiß, auch wenn meine Form der Ordnung eher organischer Natur ist.

Ich sitze vor dieser kleinen verwaltungstechnischen Formalität. Mir gegenüber sitzt ein namenloser, wässriger Söldner des Papierkrieges. Sie haben ihm ein Denkmal gebaut aus Regularien und Arbeitsanweisungen und nun sitzt er dort. Ein fetter Krake im Seetang und spricht von der Kombinierbarkeit von Kursen unterschiedlicher Fakultäten und Einschreibungsfristen, als ginge es um die morgen herannahende Apokalypse. Er bringt noch nicht einmal die Verschlagenheit eines grauen Herrn zu Stande, er bringt es gerade einmal den Unangenehmheitslevel eines Seeigels, auf den man nicht treten möchte, dessen pure Existenz aber noch nicht einschüchtert.

Ich habe 18 Stunden Reise in den Knochen. Ich habe nicht mehr die Energie, mit diesem plappernden zweitklassigen frutti di mare Schauspieler klar zu kommen. Der muffige Geruch der Aktenregale im Hintergrund, die wahrscheinlich nur noch längst digitalisierte Dekoration sind, macht jeglichen Anflug von Abendteuer zu Nichte. Obwohl ich nicht nachvollziehen kann, wie etwas so großes und erfreuliches zu so etwas kleinem, glibbrigem, nichtsbedeutendem schrumpfen kann, scheint das eines der fundamentalen Gesetze des Lebens zu sein. Man kann alles zerhacken, in Formulare pressen, es benennen und ihm die Seele aussaugen, bis das größte Gefühl, einen Namen, eine Kategorie und keinen Inhalt mehr hat.

Ich sollte jetzt etwas sagen. Etwas Dramatisches. Ich glaube, er sagt gerade alle diese Sätze, die man in solchen Situationen eben zu sagen pflegt. Weist mich auf alle meine Verfehlungen hin und deren zutiefst tragisches Ausmaß. Genau kann ich es nicht wissen, sein Monolog plätschert immer noch an mir vorbei und alles was ich wirklich hören kann ist mein eigener, angestrengter Atem, so als hätte ich tatsächlich Wasser in den Ohren. Ich habe das Gefühl, er möchte, dass es mich genauso schockiert wie ihn, wie wenig ich mich mit den Regularien auseinander gesetzte haben.

Während sich nun auch meine eigenen Lippen bewegen um die gleichsam bedeutungslosen Antworten auf seine bedeutungslosen Phrasen zu geben, sehe ich eben diese Szene vor meinem inneren Auge in hundertausenden verschiedenen Büros, die sich alle aneinander reihen, um sich dann wiederum aufeinander stapeln, wie kleine Legosteine, die in sich wiederum ein weiteres, viel größeres Büro ergeben, mit immer und immer wieder den gleichen Sätzen in allen möglichen Sprachen und mit unterschiedlichen Protagonisten, leicht zeitversetzt und doch überlappend, so dass das blubbernde Gewaber ihres Geschwätz meinen Kopf durch schwappt. „Für einen verspäteten Antrag auf eine Wahl von Kursen außerhalb des vorgesehenen Curriculums müssen Sie das Formular C13-1 beim Prüfungsamt der Fakultät …“ Plätscher. Plätscher.

Und dann lasse ich mich einfach hinaus spülen, winke noch halbherzig mit meiner Flosse, ehe ich mich auf den plätschernden Wogen hinaustragen lassen, ich tropfe über die Stufen nach unten, während sich der Schwall an Belanglosigkeiten weiter bewaffnet sein. Ich werde dem wirbellosen Meeresbewohner seine kosmische Antagonistin mitbringen, mit ihren 21,8 kg Kampfgewicht, bewaffnet mit einer Hand voll Buntstiften, einem um uns herum ergießt, weil der Urheber von so viel Brackwasser aus seiner Bürotür getreten ist, bis ich die Ausgangstür aufreiße und alles abfließen kann. Ich stehe auf der Straße an einem kalten Septembermorgen und es riecht nach Dienstag. Nächstes Mal, wenn ich hierher komme, werde ich bewaffnet sein. Bewaffnet, mit der kosmischen Antagonistin des wirbellosen Meeresbewohnter und ihren 21,8 kg Kampfgewicht, gekrönt von einem triefenden Eis und einem nur lückenhaft bestückten, grinsenden Gebiss. Und sie wird damit drohen, knutschende Schnecken auf seine bügelglatten Vordrucke zu kritzeln, wird ihn mit ihren Fragen außer Gefecht setzen („Wer bist du in der anderen Welt?“. Stirnrunzeln der Qualle. „In der, in der jeder dass ist, was er wirklich ist. Ich bin dort Wegelagerin. Und du? Hofnarr?“) und ihm dann den Todesstoß verpassen, wenn sie versucht, ihm ihre aktuelle beste Freundin mit den acht sehr haarigen Beinen vorzustellen, die sie immer in einem kleinen Glas bei sich trägt. Sie wird ihn effektiv ablenken und ich werde die Möglichkeit nutzen, ihm über seinen Amazon Account ein Starter-Kit mit den besten Punkalben aller Zeiten zu bestellen, seinen Bausparvertrag zu kündigen und das Geld sofort in eine Reise zum Marie-Byrd-Land investieren sowie allen Kontakten in seiner Liste personalisierte Liebesgeständnisse schicken. Und dann wird er uns beide so lange hassen, bis er auf dem unbekannten Kontinent steht und die pure Freude und Macht des Überlebens, seine Existenz spürt.

3 comments to “Konversation mit Meeresfrüchten”

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  1. Lorruips - 7. November 2017 at 14:36 Reply

    Thank you for some other excellent post. Where else may just anybody get that type of information in such an ideal means of writing?

  2. Torben - 18. Oktober 2017 at 19:05 Reply

    Ich glaube, es gibt wirklich niemanden, der Bürokratie mag, von daher wird dieser Text viele ansprechen, auf jeden Fall sehr schön geschrieben! Auch wenn ich jetzt definitiv keine Lust mehr auf Meeresfrüchte habe. Weiter so 🙂

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