Makkaroni mit Käse und Minderwertigkeitskomplexen

Was die Liebe zu Kraft Dinner über Kanada aussagt

Es ist nicht möglich, in Kanada zu leben, ohne eine Meinung zu KD zu haben. Eine sehr ausgeprägte Meinung. Man liebt es oder man hasst es. Oder man konsumiert es nur im stillen Kämmerchen, wenn keiner zusieht. Oder man findet es eigentlich grundekelig, verbindet aber gleichzeitig nette Kindheitserinnerungen damit, so dass man sich seinem Reiz nicht ganz entziehen kann. Dabei stehen der klotzige und der dickbauchige Buchstabe weder für eine schlechte Fernsehserie noch einen weiteren dudeligen Radiosender, sondern für Kraft Dinner – ein seit 1937 erhältliches Fertiggericht aus Makkaroni mit Käsesoße[1].

Der Erfolg des Produktes hatte auch viel mit Timing zu tun. Im Zuge des zweiten Weltkriegs wurden Fleischprodukte knapp. Immer mehr Frauen waren berufstätig, was Kraft Dinner zum Aufstieg als Familiengericht verhalf. Während des Krieges wurden 50 Millionen Packungen verkauft. Bis heute ist die Beliebtheit ungebrochen. Ssie spaltet das Land, denn wie viele andere Ernährungsmuster ist auch die Liebe zu Kraft Dinner abhängig von der sozialen Gruppenzugehörigkeit. In einem Selbsternannten ideologiefreien Zeitalter ist die Ernährungsweise und deren Darstellung nach außen als in die Öffentlichkeit getragenes Weltbild zu werten.

Stabilität in der Gewohnheit

Im Zeitalter der Langeweile, in dem alles schon einmal dagewesen zu scheint und der Ära der wabernden Existenzängste angesichts einer gefühlten Überkomplexität der Welt, in der Menschen über Beschleunigung klagen und zwischen unvollständiger kultureller Transformation unter dem Nachhaltigkeitsdogma und dem kapitalistischen Reflex von Konsums als universeller Lösungsstrategie feststecken, sind die billigen, hochkalorischen Lebensmittel ebenso als Opium des Prekariats verschrien wie sie sich einer Omnipräsenz in den Vorratsschränken erfreuen[2]. Auf dem Gipfel ihres Einflusses kontrollierte die Firma Kraft 1971 etwa die Hälfte der kanadischen Käseproduktion[3]. KD steht symptomatisch wie symbolisch für einen kolonialisierten Lebensmittelmarkt, der von amerikanischen Großkonzernen beherrscht wird und dessen Maxime schneller und günstiger lauten. Und trotzdem positionieren sich viele Familien in Abgrenzung oder in Zustimmung zu diesen Dogmen. Ob sie Kraft Dinner nun aus Gründen von Selbstoptimierung und Fitness aktiv ablehnen oder sich durch soziale Marginalisierung in Abhängigkeit von solchen Produkten befinden.

Heute wird Kraft Dinner oft als de-facto Nationalgericht bezeichnet. Die eher orangefarbene als gelbe, glänzende Soße hat die Geschmacksknospen ganzer Generationen geprägt. Das macht KD zum ultimativen Kinderessen und zu der Sentenz studentischen Selbstverständnis, das materielle Askese vorgibt und geistige Fülle bei Weitem nicht immer erreicht. Außerdem erzählt KD unheimlich viel über den kanadischen Minderwertigkeitskomplex. Gerade ein Land am geographischen und klimatischen Rand der Welt, isoliert von einem übermächtigen, aufgeblasenen Nachbarn, muss sich ständig neu definieren und tut dies viel zu oft mit den USA als Spiegelbild – ob im negativen oder im positiven Sinne – was eine sonderbare Art an Minderwertigkeitskomplex mit sich gebracht hat. Das Nationalgericht ist eine einheitliche, künstliche Pampe aus Nudeln mit Instantkäsepulver. In Chicago erfunden, heute unter den Fittichen von Wissenschaftlern aus Glenview (Illinois). Und das in einem Land, dessen größter Stolz Pluralismus und der Wert des Individuums sind?

Was Kraft Dinner über das Kanada-USA Verhältnis aussagt

Käse ist nichts anderes als das Streben der Milch nach Unsterblichkeit (wie es Clifton Fadiman so schön ausdrückte). Aber die nordamerikansiche Käse-Pasta-Kombination ähnelt eher dem englischen Pudding als dem italienischen Nudelkonzept von „al dente“. Und Kraft Food ist Käse in seiner Untoten, seiner vollkommen persönlichkeitsentleerten Form. Ebenso drängt die Wirtschaftsmacht und der poltrige Politikstil der USA den Nachbarn immer wieder an den Rand der Weltöffentlichkeit. Die Kanada oft nur als weniger verkorkste Version desselben Projektes begreift. Das gibt auch Kanada eine gewisse Kontour- und Kulturlosigkeit. Eine vollständige Emanzipation scheint nicht möglich. Ganz egal ob als ruhmreiche Großmacht oder als Objekt des globalen Ekels. Amerika ist stets der Fix- und Orientierungspunkt westlicher Selbstdefinition. Während Kanada eine Randnotiz bleibt.

Und so sind Generationen von Einwanderern mit Hoffnung und ihrer eigenen Esskultur nach Kanada gekommen und haben hier ihre Spuren hinterlassen und das Land kulinarisch unheimlich bereichert – während sich ihre Kinder meist schnell mit dem schleimigen KD angefreundet haben und so Einwanderer bald auch die blauen Boxen in ihren Küchen wiederfanden. Das Maß an Standardisierung, das Kraft Dinner beinhaltet, wiederspricht zutiefst dem kanadischen Selbstverständnis. Aber vielleicht, auf eine seltsame, verdrehte Weise, ist es genau das, wonach sich Menschen am Ende sehnen und was Menschen aus unterschiedlichsten Kulturkreisen am Ende verbindet: das Bedürfnis nach Halt und Beständigkeit. Und die Erinnerungen, die sie mit einer ganz bestimmten heißen Mahlzeit verbinden. Die Barenaked Ladies besingen das mit folgenden Worten: “If I had a million dollars we wouldn’t have to eat Kraft Dinner. But we would eat Kraft Dinner. Of course we would, we’d just eat more.” [3]

 

[1] Robertson, Susan Krashinsky (30 July 2015). „Kraft embraces Canadian term of endearment to rebrand Kraft Dinner“. Globe and Mail. Toronto.

[2]    Kraft Macaroni & Cheese: A History. Chicago Tribune, 2010.

[3] Chapman, S., Manufacturing Taste. The (un)natural history of Kraft Dinner—a dish that has shaped not only what we eat, but also who we are. The Walrus, 2012.

Has one comment to “Makkaroni mit Käse und Minderwertigkeitskomplexen”

You can leave a reply or Trackback this post.

  1. Yannick - 9. Mai 2018 at 12:50 Reply

    Als ich in Kanada war habe ich mich auch über die bizarre Liebe der Kanadier für Kraft Dinner gewundert. Ich fand diese künstliche Soße immer gruselig, aber gerade bei Studenten ist das Zeug tatsächlich sehr beliebt!

Leave a Reply

Your email address will not be published.

*