Liebe

Max und Julia oder der Tod der Liebe

Dinge werden nicht wahrer oder authentischer, weil man sie mit der Hand geschrieben hat. Sie werden nicht besser, nur weil sie sich reimen. Ebenso wie Menschen nicht klüger werden, nur wenn sie sich eine dekorative Brille auf die Nase setzen – das hättet ihr eigentlich schon in der Grundschule lernen können, Max und Julia. Und Symbole sind nicht weniger ausgelutscht und leer, nur weil man sie in Haut gestochen hat. Eure exakt kalkulierte Ästhetik kann auch nur mangelhaft verbergen, dass ihr da fremde Gefühle auf der Zunge tragt. Dass eure Vollzeitpoesie nichts anderes ist als ein Schaumbad, in dem eure Zuhörer hoffen, sich ein bisschen Unsicherheit wegweichen zu können. Eure Worte sind ein Wegducken vor gesellschaftlichen Umbrüchen. Ihr seid ein Biedermeierrevival. Das Sprachrohr der Affirmativen. Ihr säuselt in Kalendersprüchen. „Lass mal eine Nacht darüber tanzen“, sagt ihr und lächelt dabei kalkuliert schüchtern. Bei euch ist selbst Tanzen eine Form von Propaganda. Wahrscheinlich mit Sandelholzduft. Und keine in Körperbewegung umgesetzte Musik, kein schöpferischer Akt der Umwandlung von Aggressivität in Körperspannung. Sondern eine Maßnahme des Gesehenwerdens. Zuhörer sind eine Frage des akustischen Designs.

Julia, du bist eine Heilige der Schnittblumenmaffia, die abgestumpfte Eheleute dazu nötigt, sich gegenseitig pestizidgetränkte Dornengewächse, die unter prekären Bedingungen produziert wurden, in lockerer „aus-dem-Nachbargarten-geklaut-Optik“ am hohen Festtag eines adipösen nackten Engels zu kaufen. Oder auch Schokoladenpralinen in Form eines  Ideogramms eines lebenswichtigen Organs, um die Verfettung desselben beim Adressaten zu fördern. Max, du bist eine akustische Darmspülung. Und ich will meine abgerockten, drogenaffinen E-Gitarrenschrammler zurück. Die noch von der Liebe im Zeitalter des Tränengases raunzten.

Bevor iht davon gesungen, geschrieben und gesprochen habt, da war Liebe noch etwas Abgründiges, ein destruktives Element. Sie konnte in einem Augenblick plötzlich ins Leben einfallen. Zumindest in der Form, in der Sie durch Schiller und Shakespeare geistert, in der sie das Echte, das Ultimative darstellt. Eine kulturelle Naturgewalt, aufgeladen zum Bersten mit Drama und Sehnsüchten, der die von ihr Befallenen mit einer gewissen Balance aus Lust und Leid erliegen. Die sie in den Abgrund richtet, aber gleichzeitig einer tieferen Wahrheit, einer essenziellen Authentizität nahe bringt. Sie ist zutiefst anti-kapitalistisch, anti-totalitär und verweigert sich jeder betonierten Formsprache und festgesetzter Bilddogmatik. So ist eure Liebe nicht. Eure Liebe verkauft Merchandise.

Vielleicht ist das alte Konzept auch nichts weiter als der letze verzweifelte Versuch des vereinzelten Menschen, seine Isolation zu durchbrechen und die letze Möglichkeit, die Kluft zum anderen zu überwinden. Ein Moment, in dem sich Menschen so nahe kommen, dass sie sich gegenseitig zerstören könnten. Möglicherweise auch nur eine letzte Flucht aus der Langweile und Determiniertheit des Daseins.  Der Einfall der Unerreichbarkeit. Liebe war zutiefst disruptiv und bis zur Zerstörung derer, die sie befiel, intensiv. Und selbst dann, wenn man sie ihrer ideologieschwangeren Hülle entledigt hat, verbleibt ein spannender Chemikaliencocktail voller Körpereigener Drogen, der sicher keinen Anspruch auf Ewigkeit erhebt, aber immerhin das Gehirn in einen rauschartigen Zustand versetzt. Ein im Brustkorb stotterndes Organ und eines im Bauchbereich, in dem die Royal Airforce Kunstfliegerstaffel ihre Trainingseinheiten fliegt. Der Moment, in dem die Sperrigkeit von zwei Herzen mit der von zwei Körpern verglichen werden kann. In dem du Menschen in Glaskugel steckst und ihnen perfekte Miniaturidentitäten baust, nur um zu erkennen, dass sie und du unter all dem Glitzer kaum atmen können. Der geeignete Augenblick, komplett und zutiefst blödsinnig zu sein und zu agieren. Und es zu genießen.

Aber euer histronischer Duktus schafft nicht einmal das. Er erzeugt nur Wachstischtuchdichtung. Abwaschbar und für jeden Anlass geeignet. Ihr gebt meiner Leere einen Namen und der Langeweile ein Gesicht. Zugegeben, ihr seid nur ein Symptom, aber das ist noch lange keine Entschuldigung. Und ich? Ich will den Punk zurück, denn der hat uns alle immerhin den Weg der Emanzipation durch Aggression offenbart. Der war authentisch, ohne sich in Ästhetik zu verheddern. Es gibt kein vorwärts ohne, dass Autoritäten angegriffen werden. Kein Fühlen ohne sich stoßen. Kein ich ohne ein anderes, dass sich fundamental unterscheidet. Ich will den Punk zurück in seiner Form, als er noch eine Attitüde war und in Gestalt der Destruktion um die Ecke kam, die voller kreativem Potenzial steckte. Gesungene Utopie. Künstlerische Anarchie. Die Form des feinsäuberlichen Auseinandernehmens der bekannten Regelwerke, um all die Möglichkeiten zu entdecken, die sich dahinter versteckt halten. Am Ende ist Liebe doch auch nicht viel anderes als diese Form von Purismus, die die Absetzung aller anderer Götzen fordert. Also sollte man sie auch nur auf diese Art und Weise besingen, besprechen und verdichten dürfen.

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