minimalismus

Minimalismus

„Ich habe gestern diese Doku über Minimalismus gesehen“, sagst du, und unterbrichst damit eine fesselnde Debatte darüber, welches der unterschiedlichen Panda-Kuscheltiere zu deinen anderen beiden passen würde. „Und mir vorgenommen, jetzt auch mal minimalistischer zu sein. Ich muss dringend mal meinen Kleiderschrank ausmisten.“ Die Pandas konnten dich mittlerweile davon überzeugen, dass es nicht artgerecht wäre, nur einen ihrer Artgenossen mitzunehmen. „Dann könnte ich mir auch direkt diesen neuen, etwas kleineren Kleiderschrank kaufen, den ich letztens bei IKEA entdeckt habe“, fügst du begeistert hinzu. Dabei wird der Korb um zwei ausgewachsene Panda-Kuscheltiere und ein Baby reicher wird. Endlich sichert uns auch die restliche Kuschel-Panda-Brigade  (es ist nicht ganz klar ob zähneknirschend oder Bambus kauend) freies Geleit durch ihr Revier zu.

Der große Kuscheleisbär versucht vergeblich auf sich aufmerksam zu machen. „Auf dem Weg nach Hause könnte ich den eigentlich auch direkt holen. Gute Vorsätze soll man schließlich nicht lange warten lassen oder?“, dozierst du, während du gekonnt um den brüllenden Kuscheleisbären herumzirkelst. Es dauert nicht lange, bis er einsieht, dass man ohne Babyface und schwarz-weiße Grundeinstellung heute nicht mehr Punkten kann, und sich deprimiert auf einem Sofa am anderen Ende des Zoo-Shops niederlässt. Wir stehen mittlerweile vor den Panda-Kaffeetassen. Die Panda Tasse mit der Aufschrift NUR NOCH 1.864 PANDAS IN GANZ CHINA lockt mit einer allmorgendlichen Dosis unnützen Faktenwissens. Und wandert als kaufbares Stück gutes Gewissen (3% des Kaufpreises gehen schließlich an den Panda-Schutz) in den Korb.

„Man kann sowieso nicht alles anziehen. Ich muss irgendwann wirklich mal ausmisten. Viel wegschmeißen.“ Auf dem Weg zur Kasse wirst du von einem, mit Panda-Postkarten ausgerüstetem, Postkartenständer angefallen, zu Boden gerungen und nur unter der Bedingung am Leben gelassen, dass du jeweils eine Postkarte mit einem der beiden Babyface-Großbären ihrer Bestimmung als Vintage Statusupdate zuführst. Ohne weitere Zwischenfälle erreichen wir die Kasse und schaffen es unbehelligt aus dem Zoo-Shop.

Es ist kalt und der Wind lässt uns frösteln, während du dir den farblich genau auf das restliche Outfit abgestimmten Fair-Trade Schal aus Lamm-Nappa Wolle um den Hals legst. „Die haben da dieses Experiment gemacht. Eine Frau durfte 3 Monate lang nur aus 33 Kleidungsstücken wählen und es hat tatsächlich niemand gemerkt.“ Wir unterqueren eine Brücke und passieren ein paar Obdachlose, die sich eine Festung aus Plastiktüten und Decken geschaffen haben, um sich besser vor der Kälte zu schützen. „Ich meine man muss es natürlich nicht gleich so sehr übertreiben. Aber da ist beispielsweise diese eine gefütterte Jacke, die mir einfach zu warm ist. Ich weiß wirklich nicht was der Designer sich dabei gedacht hat, sowas für unsere Breiten zu entwerfen“, sinnierst du verständnislos.

Einer der Deckenhaufen neben dir bewegt sich und lässt einen Menschen erahnen. Ein kurzer Seitenblick entlockt dir ein Kopfschütteln. „Letztes Jahr bei uns in Nürnberg haben sich die Obdachlosen auch sowas gebaut. Mit dem Unterschied, dass es bei uns damals wirklich ordentlich aussah“, redest du laut weiter. Als könnte dich niemand hören. Der Bewohner des Deckenhaufens gibt nicht Preis, ob er mitbekommen hat, was du gesagt hast. „Wie dem auch sei… Wir sollten uns diese Doku auf jeden Fall mal zusammen ansehen. Danach hat man wirklich Lust, ein paar Klamotten so schnell es geht wegzuwerfen.“ Unter den Decken scheint sich weiterhin nichts zu rühren.

Ich bleibe stehen.

„Natürlich nur unter Berücksichtigung von korrekter Mülltrennung. Und wenn wir schon bei Müll sind. Ich kaufe jetzt immer in diesem neuen Unverpackt-Laden zwei Städte weiter ein. Diese Marmeladengläser mit Linsen passen wirklich sehr gut zu…“, redest du weiter. Ohne zu bemerken, dass ich nicht mehr da bin.
Während du deinen VW-Diesel mit der grünen Umweltplakette, dessen Kofferraum mit leeren Marmeladengläsern angefüllt ist, aufschließt, dringen nur noch vereinzelte Satz-Fetzen zu mir durch. „…nachher noch bouldern…biologisch abbaubares Magnesia…Cissus Tee…“. Unterdessen drehe ich mich im Schein der sich schnell in Richtung des nächsten IKEA entfernenden Rücklichter langsam um und gehe zurück zur Brücke.

Du bist das personifizierte Irgendwann. Du bist der Grund, wieso Walden ein Bestseller ist, aber die Walden Ponds dieser Welt keine Einsiedler mehr beherbergen. Der Grund, wieso Waisenhäuser ein gutes Tourismus-bezogenes Geschäftsmodell in Dritte-Welt-Ländern sind. Wieso zwei von 1.866 Pandas um die Welt geflogen werden um in Berlin in Räumen hinter Glasscheiben Bambus zu fressen. Du bist der Markt für handgestrickte Wollpullover aus fairer Kinderarbeit mit der Extraportion an Weltverbesserungsgefühl.

Ich bin der stumme Teil von dir, der niemals aufbegehrt. Der Teil, der nochmal kurz zu dem zitternden Haufen Decken zurückdriftet, bevor er sich auflöst um sich einige Tage später wieder als ein schwacher Schatten an deiner Seite manifestiert und stumm bleibt. Stumm und betäubt. Während du dem nächsten Haufen Decken den Minimalismus erklärst und vorschlägst, es doch mal mit nur zwei statt fünf Decken zu versuchen. Das wäre auch gleich viel ordentlicher.

2 comments to “Minimalismus”

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  1. Tom - 27. Januar 2018 at 04:03 Reply

    Solche Menschen begegnen mir auch definitiv viel zu oft! Auf den Punkt getroffen 🙂

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