Mit Malte wird alles anders

 

Uhrzeitbedingt falle ich noch nicht unter die Kategorie Mensch, eher bin ich ein biologisch abbaubarer Sitzwärmer. Trotzdem versucht mein müdes Gehirn gerade zu berechnen, wie hoch mein gesetzlicher Wohnraumanspruch wäre, wenn ich ein Huhn wäre, allerdings bei gleichbleibender Körpergröße, und ob ich mich damit gegenüber des Status Quo verbessern würde. Zwei Haltestellen später merke ich, dass ich noch immer zu keinem Ergebnis gekommen bin, sondern stattdessen einfach nur den Typ mir gegenüber anstarre, welcher dies mit der gleichen Geste kontert. Wahrscheinlich sollte ich bei Gelegenheit den Tierschutzbund anrufen und sie mit diesem Problem konfrontieren.

Tür auf, vier raus, sechs rein, Tür zu. Am Bahnsteig zurückbleiben. PARKSTRASSE. NOCH FÜNF STATIONEN.

U-Bahnen sind kleine, fahrende Zauberschläuche in einem wesentlich größeren, allumfassenden Komplott. Sie nehmen den Mündern die Sprache, der Haut die Farbe und pflanzen eine derart überzeugende Leere in den Blick des Paares blauer Augen mir gegenüber, dass Parmenides alle Thesen zur Inexistenz des Nichts, sobald man dieses als solches benennt, verbrennen würde. Die Rohrpost wird geliefert. Sie steigt sogar bereitwillig ganz von selbst aus. Manche tragen sogar Adressschilder, die ihren Namen verkünden und aufzeigen, zu welchem Arbeitgeber sie gehören. Jeder hier hat sein kleines Kopfaquarium übergestülpt, Stöpsel im Ohr schütten Klänge aus der Konserve in den Hohlraum zwischen den Ohren, so dass es nur so plätschert; und dazwischen schwimmt ein unmotivierter Bildschirmschonergoldfisch immer und immer wieder im Kreis. Der Mensch mir gegenüber hätte doch lieber Hund werden sollen, dann hätte er die Inhaltslosigkeit seiner Augen wenigsten mit flauschigen Ohren kombinieren können. Über den Bildschirm in der Ecke flimmern drei Topnachrichten des Tages. Ein alter Mann hat getwittert. Wer Rolltreppe rückwärtsfährt könnte dabei sterben und den ungestörten Ablauf behindern. Was würde der Allgemeinheit wohl mehr schaden? Haben Sie heute schon an Ihre Altersvorsorge gedacht? Und was würde Jesus tun?

Tür auf, zwei raus, acht rein, Tür zu. Am Bahnsteig zurückbleiben. WESTTOR. NOCH VIER STATIONEN.

U-Bahnen sind stählerne, zahnlose Schlangen, die Menschen verschlucken, sie in ihrem Bauch ein wenig herum schütteln und sie dann, wenn sie als unverdaulich identifiziert wurden, an einem anderen Ort wieder heraus spucken. Die Menschen steigen ihr in den Rachen, in diesen seltsamen transzendenten Ort unter der Stadt, in dem die Orientierungslosen und Verlorenen auf die Zielstrebigen und Gehetzten treffen und sich vermengen, ohne, dass sie sich austauschen würden. Am Ende taumeln sie hinaus und hechten zurück ans Tageslicht, schütteln die anonyme Intimität der erzwungenen körperlichen Nähe ab und die vorrübergehende Entmachtung, die Kontrolle über die eigene Mobilität abgegeben zu haben. Weit weg vom Licht haben die einen den Eindruck, die Sorgen und Nöte der anderen aus deren müden Gesichtern lesen zu können und so die Haftung zur Realität nicht zu verlieren, während die anderen ihre Erbärmlichkeit durch die des Nebensitzers relativieren.

Tür auf, niemand raus, zwei  rein, Tür zu. Am Bahnsteig zurückbleiben. WESTERSTRASSE. DREI STATIONEN.

Die beiden Frauen, die durch die Tür hechten, kurz bevor sich diese wieder schließt, brechen ein ungeschriebenes Gesetz der Uhrzeit und des Ortes. Zumindest die eine Hälfte, denn diese redet laut und mit sehr viel theatralischen Einsatz ihrer Hände. „… und beim letzten Mal habe ich ja diesen einen Menschen in eine Glaskugel gesteckt und ihn mit Glitzer bestäubt und um ihn herum perfekte Miniaturhäuser gebaut. Und dann habe ich mich gewundert, dass ein mickriges, fröstelndes Männchen vor mir saß, mit einem Hauch von Glitzer auf den Schulterpartien.“
„Dieses Mal wird alles anders“, sagt die andere in einem Tonfall, als sei es ein heiliges Mantra.
Die gesamte U-Bahn hat sich unmerklich umorientiert. Alle Oberkörper, Gesichter und Aufmerksamkeiten haben sich der rechten Tür und den beiden Neuankömmlingen, die vor dieser stehen, zugewandt.
„Mit Malte wird alles anders“, wiederholt die erste. „Wir haben uns gestern Abend hingesetzt, jeder hat ein dreiseitiges Essay darüber geschrieben, wie wir uns die Beziehung vorstellen, und dann haben wir danach durchdiskutiert, an welchen Punkten sich Übereinstimmungen ergeben und wo wir noch Synchronisationsbedarf sehen.“

Den leeren Augen mir gegenüber ist die Kinnlade ein kleines bisschen nach unten gerutscht.
„Finde ich gut“, grölt jemand aus dem Hintergrund. Jetzt dreht sich der gesamte Wagon nach dem Urheber dieses Kommentars um. Doch dieser ist wieder rechtzeitig in seine lethargische Grundposition verfallen, so dass er nicht mehr zu identifizieren ist.
Eine junge Frau drei Bänke weiter räuspert sich erst unbeholfen, als müsse sie die Worte ein bisschen anschubsen, weil ihr Sprechapperat noch nicht angestellt war, dann fragt sie: „Aber ist das nicht ein wenig unromantisch?“

Tür auf, niemand raus, sechs  rein, Tür zu. Am Bahnsteig zurückbleiben. OBERNWEG. ZWEI STATIONEN.

Mit einer Verzögerung von Sekunden springt ein Mann mittleren Alter auf und setzt sich dann betreten und betont langsam wieder hin, als er bemerkt, dass er vergessen hat, rechtzeitig auszusteigen.
„Ach was, Romantik“, kräht eine ältere Dame verächtlich, „dass ist doch alles nur Körperchemie, dass hat sich nach ein paar Monaten sowieso erledigt.“
Die Frau, die gestern Nacht ein Essay geschrieben hat, lächelt verwirrt und scheint nicht zu wissen, ob sie peinlich berührt oder erfreut sein soll, angesichts von so viel Resonanz.
Die leeren Augen melden sich plötzlich zu Wort und richten sich an die Frau: „Ich finde es gut, dass sie das hier so mutig ansprechen, dass musste ja auch mal gesagt werden!“
Jetzt hat sie sich entschieden. Sie lächelt. Sie zuckt mit der Schulter. „Mit Malte wird alles anders“, meint sie noch einmal, um ihren Standpunkt zu untermauern.
„Mit Malte wird alles anders“, grölen die fünf Jugendlichen, die gerade eingestiegen sind, im Chor aus dem Hintergrund und heben die Hände synchron zum Pfadfindergruß.
Der Verkäufer der Straßenzeitung, welcher ebenfalls an der letzen Station zugestiegen ist, preist die Beziehungstipps an, die in der neuen Ausgabe zu finden sind an und versucht, der alten Frau, die nicht mehr an Romantik glaubt, ein Exemplar zu verkaufen.
Einer der Teenager mit ausgeprägten Akneproblemen im Gesicht outet sich ebenfalls als Malte und teilt dem schüchternen Mädchen zu seiner Rechten mit, dass mit ihm ebenfalls alles anders werden würde. Sie wird rot und noch schüchterner.

Die junge Frau, die sich um die Romantik sorgte, fragt den aktuellen Star der U-Bahn, ob sie vielleicht ihre Telefonnummer haben könne, weil sie so gerne auf dem Laufenden bleiben würde. Diverse weitere Fahrgäste schließen sich an.

Tür auf, zwei raus, einer rein. „Alexa, wir müssen hier umsteigen.“ Die überforderte Frau wird von ihrer pragmatischen Freundin aus der U-Bahn gezerrt. Noch mal zwei raus, Tür zu. Am Bahnsteig zurückbleiben. EDUARD-KLEIN-BOULEVARD. EINE STATION.

Der Mann links neben mir zuckt ein bisschen, so als hätte er sich bereits so an den Unterhaltungsfaktor gewöhnt, dass er sich nicht so leicht trennen mag. Der ganze Wagen ist in eine seltsame Schockstarre verfallen. Einer der Jugendlichen blinzelt, als würde er sich fragen, ob er gerade geträumt hat. Die ältere Frau nimmt schnell wieder ihre ursprüngliche, missbillingende Gesichtshaltung ein, so als hätte niemand bemerkt, dass sie gerade mit ihren Mitfahrern interagiert hat. Malte der zweite schafft es erfolgreich, dem Mädchen einen Zettel zuzustecken. Die junge Frau blickt auf ihren Arm, auf den Alexa überhastet ihre Telefonnummer gekritzelt hatte, in Ermangelung an Papier. Die leeren Augen schließen endlich wieder ihren Mund.

Tür auf, drei raus, ich raus auf den Bahnsteig, drehe mich noch um, als die Türen zugehen und die kleine Reisegemeinschaft für zwei Stationen, oder das was noch von ihr übrig geblieben ist, wieder ins Rohr geschossen wird. Ich schaue auf meinen Arm, sehe nur Sommersprossen und ärgere mich, dass ich jetzt nie wissen werde, ob mit Malte wirklich alles anders wird.

10 comments to “Mit Malte wird alles anders”

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  1. Tobias - 13. Oktober 2017 at 00:59 Reply

    Etwas dick aufgetragen, aber sehr unterhaltsam. “…Pfadfindergruppe zeigt den Gruß … Zeitungsverkäufer weist auf Beziehungsartikel hin usw. …“ – na klaro, sischeer, sischeer, so war`s! Aber egal, ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen 😉

  2. Lisa - 12. Oktober 2017 at 00:08 Reply

    Wow, das hast du wirklich toll geschrieben. Es war sehr interessant es durchzulesen. Gerne viel mehr! 🙂

    Liebe Grüße
    Lisa

  3. Sandra | Zart wie Federblümchen - 11. Oktober 2017 at 23:46 Reply

    Hey du.
    Ich wünsche mir wie Jacky mehr davon, gerne auch in Buchformat. 🙂

    Liebste Grüße,
    Sandra.

  4. Cynthia - 11. Oktober 2017 at 18:29 Reply

    Ich stehe hier und warte auf die Bahn, dein Beitrag is quasi dafür gemacht, unterwegs gelesen zu werden. Wirklich toll und am Ende frag ich mich doch wieder: Malte, wer ist eigentlich Malte? Oder war das wer anders?

  5. Nicoletta - 11. Oktober 2017 at 11:02 Reply

    Eine geniale Posse. Hat mich gefesselt von Anfang bis zum Schluss. Ich wohne mittlerweile am Land, kann mich aber noch gut an das Stadtleben erinnern. Solch ähnliche Episoden in öffentlichen Verkehrsmitteln sind überaus erheiternd.
    Ich erlaube mir, deinen Blog zu abonnieren. 🙂

    Liebe Grüße, Nicoletta

  6. Jacqueline - 11. Oktober 2017 at 10:25 Reply

    Das hast Du so toll und spannend geschrieben!!

    Es machte Spass alles zu lesen, danke Dir!

    Hab einen schönen Tag!

    xoxo
    Jacqueline

  7. Pia - 11. Oktober 2017 at 09:58 Reply

    Ah so toll geschrieben 😀 ich bin begeistert! Weiter so!

  8. Jacky - 11. Oktober 2017 at 09:55 Reply

    OMG du solltest ein Buch schreiben, mit genau solchen Geschichten.. ich habe deinen Beitrag einfach verschlungen und will wissen wie es weiter geht. Bitte mehr davon 🙂 Ich wünsch dir einen schönen Tag und vl findest du ja doch noch heraus ob mit Malte alles anders wird 😀 Liebe Grüße Jacky

  9. Alexandra - 11. Oktober 2017 at 09:20 Reply

    Hi ich muss zugeben das ich super selten mit der Bahn fahre. Das liegt daran das wir sehr außerhalb wohnen und es sich nicht anbietet. Wenn ich deinen Text lese scheint es als sei es irgendwie ein magischer Ort. Ob gut oder schlecht da bin ich mir noch nicht sicher. Die Stimmung machts und das Gefühl mit dem man in den Tag startet. Wie die Umwelt auf eine einwirkt. Ich wünsche dir noch wunderschöne Erlebnisse im Schlauch. Einen schönen Tag. Alex

  10. Verena Schulze - 10. Oktober 2017 at 18:28 Reply

    Wunderschön geschrieben! Das solltest Du wirklich sammeln über eine Veröffentlichung nachdenken … Kompliment!

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