Ode der Oberflächlichkeit

Es gibt ihn tatsächlich, den netten kleinen Bruder. Der eigentlich, wenn man genau hinschaut, der größere ist. Die pluralistische, weit weniger größenwahnsinnige und weniger adipöse Version der Vereinigten Staaten. Vielleicht hat Kanada mehr als jede andere Nation auch eine ideelle Grundlage nötig, um nicht nur als ressourcenreiche Pufferzone im Norden des großen Imperiums gesehen zu werden. Und es gibt ihn auch wieder nicht, denn wie alle intellektuellen, ambitionierten Unterfangen scheitert auch dieses an vielen Punkten. Auch, weil aus Mangel an Nachbarn der ständige Vergleich mit den Staaten zu einem bestimmten Maß von Anpassung führt. Kanada hätte das beste abbekommen können aus den drei Kulturen, die es fundamental geprägt haben. Doch statt einer englischen Administration, französischer Lebenskunst und amerikanischem Geschäftserfolg sind Englisches Know-how, französische Regierungszustände und die amerikanische Mentalität hier hängen geblieben. Jenseits von all dem gibt es doch auch viele Punkte, die zwischen den Zeilen liegen, die in keinem Reiseführer zu finden sind und die man erst mühsam erspüren muss, ehe man sie ansatzweise verstehen kann.

Zwar gibt es in Québec kein linguistisches Schlachtfeld, aber durchaus einen Metalitätsgraben, der zwischen der anglophonen Minderheit und der frankophonen Mehrheit verläuft. Aber am Ende hat man es doch nicht mit Englisch und Französisch zu tun, sondern mit Schotten und Iren, Bretonen und Normannen, Alteingesessenen und Neuankömmlingen, nationalistischen Hinterwäldlern und kosmopolitischen Jetlagopfern. Das koloniale Erbe hat einen Haufen Kelten und Wikinger an einem entfernten, breiten Strom zusammen gebracht, um dort eine angestaubte Idee aus dem 19. Jahrhundert zu konservieren, die auf der Kleinheit der Gedanken basiert und gar nicht wirklich zur lebendigen Realität des sich gegenseitig bereichernden Zusammenlebens passt. Gepaart mit einer für Europäern kaum verständlichen Grundangst, dass einem die eigene Sprache entrissen werden könnte, angesichts der englischsprachigen Übermacht auf dem restlichen Kontinent. So dass man sich dann gemütlich gegenseitig als les Anglais und the French beleidigen kann.  

Während bei den frankophonen Québecois die europäische Klaviatur der Unterscheidung zwischen Gleichgültigkeit, Freundlichkeit, Interesse und Abschleppen ohne größeres Stottern in der Übersetzung funktioniert, scheint die anglophone Bevölkerung nur einen Zustand zu kennen: Enthusiasmus. Dieser ist ebenso anstrengend, erfrischend wie auch eine perfekte Vorlage von Missverständnissen aller Art. Wenn ich an mein kleines persönliches ABC der Vorurteile gegenüber Amerikanern durchgehe, dass sich in diesem Kontext praktisch aufdrängt, springt mir O für Oberflächlichkeit vor die Nase. Aber ich glaube, das ist der falsche Erklärungsansatz, um dieses Verhalten zu verstehen. Die Wahrheit ist viel eher, dass der zufälligen, der beifälligen Begegnung eine ganz andere Bedeutung beigemessen wird. Sie wird nicht zu einer schicksalhaften Verwicklung verklärt, die zwei Menschen in Epik verbindet. Sie wird aber auch nicht als lästiges Übel des Alltags wahrgenommen. Stattdessen ist es eine Chance zur freundlichen Interaktion, die nicht mehr oder weniger ist als eben dies.

Diese nordamerikanische Mentalität  läuft nicht in Aquarien durch die Flure, sondern interessiert sich tatsächlich für das Gegenüber, für die kurze Dauer der Begegnung – nur eben nicht darüber hinaus. Während man in Europa und bei den konsequent ähnlich gestrickten Frankophonen erst Glaskästen mühevoll zertrümmern muss, dann aber die Splitter und das bisschen Blut als Beweis mit sich trägt, dass man wirklich zu einem Menschen hervorgedrungen ist, sind hier die Grenzen weniger klar. Umgekehrt exerzieren die Frankophonen die europäische Eigenheit, den einsamen Wolf besonders im Angesicht einer Vielzahl von Mitmenschen stringent zu verkörpern, in den Vorlesungen mit Bravour durch. Man betritt den Raum still, um stumm auf den Dozenten zu warten. Und den Raum nach drei Stunden wieder zu verlassen, ohne irgendeine zwischenmenschliche Kommunikation begangen zu haben. Ob das heißt, dass die einen die Blutsbrüderschaft ehren und die anderen nicht? Ich weiß es nicht.

Aber ich weiß, dass es alle Arten Interaktionen, in denen sich mehrere Individuen begegnen, weniger linkisch-ungelenk von statten gehen. Dass man sich in einer Gruppe nicht als unbeholfener Neuling fühlen muss, selbst wenn sich alle anderen schon jahrelang kennen. Aber als Europäer braucht man wahrscheinlich gleich mehrere Leben, um abschätzen zu können, ob das überenthusiastische Individuum, dem man da gerade seine Kontaktdaten gegeben hat, jemals wieder von sich hören lassen wird. Und wie anstrengend-überfordernd muss es eigentlich sein, wenn man wirklich toll gefunden wird, statt bloß in die Freundlichkeitsmasche gefallen zu sein?

Auf jeden Fall ist es am Ende eher die Ignoranz und die Tatsache, fremd zu sein und nur für eine begrenzte Zeit in Kanada, die den Europäern die trügerische Illusion gibt, sie hätten untereinander deutlich mehr gemeinsam als mit den Kanadiern. Es ist mehr die Situation, die zusammen schweißt als die Mentalität. Und darin liegt vielleicht die wirklich prekäre Form des Hochmuts: Vorurteile als bestätigt anzusehen, wenn sie nicht sofort revidiert werden, statt ein bisschen hinter der Fassade zu buddeln.

Leave a Reply

Your email address will not be published.

*