Rückkehr nach San Sebastián

Wir sitzen um zwei Kaffeetassen herum und synchronisieren unsere Uhren. Die Zeit zwischen den Tagen. Wie ein Film, den man halb vergessen hatte und dann wieder sieht, schwappt es zurück von einem vergangen Ich auf das jetzige, eine Kontinuität, die ebenso omnipräsent ist wie versteckt. Nur bruchstückhaft gegenwärtig. Eine Querverbindung durch die Zeit, der Beweis ihrer Nonlinearität. Ich kann mich immer noch an die Worte erinnern und daran,. Diese N was sie damals bedeuteten, als wir sie in den Jahren des nassem Zements mit unseren Fingern schriebenächte sind gestohlen Zeit, um mich in etwas zu suhlen, an das ich gar nicht wirklich glaube, das mich aber verlässlich an den Anfang zurück katapultiert. Lilakreischgrün ist heute ocker und wurde von der Straße aufgelesen, aber am Ende ist das alles nur die Reinkarnation ein und derselben Geschichte. Das Zeitalter der Blaubeeren klebt an mir.

Jetzt komme ich zurück und habe tausende Kilometer hinter mir gelassen und du bist zurück von all den tausend Dingen, die du unterschrieben hast, all den Händen, die du geschüttelt hast. Und bis auf das seltsame Wesen, das zwischen uns auf dem Tisch sitzt, an dem ich mühsam vorbei schielen muss, um dich zu sehen, wie ein aufdringlicher Straßenhund, der es nicht ertragen kann, nur einen Bruchteil der vollen Aufmerksamkeit zu bekommen, bis auf das ist alles wie immer.

Trotzdem sprechen wir in Code, so als würde etwas passieren, wenn wir nackte Worte aufeinander los lassen. Wenn dieser Moment einen Soundtrack hätte, würden ihn Tim McIllrith und Sade gemeinsam singen. Im Abgang würde er säuseln. Niemand von uns ist am Ende die Antwort auf die Fragen, die wir noch haben. Aber auch das ist nichts Neues. Und trotzdem sehen wir die Welt immer noch in den gleichen Farben. Wie damals, als wir noch mehr waren als eine Erinnerung an Synchronität. Damals, als Gefühle nicht weniger oder mehr gewaltig waren als heute, aber die Visiere noch nicht geschlossen. Als wir sie noch in die Welt hinaus gegrölt haben. Heute spiele ich Mikado mit ihnen, damit der Wiedehopf nicht davon flattert. Als Sturm und Drang noch ein Lebensgefühl hat. Heute ist das auch nur eine Epoche, die penetrant nach Goethe riecht. Als wir nachts ins Schwimmbad einbrachen und nicht zusammen hinter unsrem Schreibtisch.

Wir hängen längst anderen Menschen an den Schlüsselbeinen. Ich bin über den längst überfälligen Fluss gesprungen, doch am anderen Ufer nichts Neues. Der Fluss  ist er zum Atlantik geworden und damit noch unüberwindlicher. Jetzt sitze ich hier und ehre die Scheinriesen, die von Ferne immer mehr Versprechungen machen und einem am Ende kaum in die Augen sehen können. Und du ehrst immer noch Engel & Völkers und mir wird instinktiv ein bisschen schlecht. Du trinkst dir deine Gefühle mit grünen Smoothies friedlich, sagst du. Spinat Spirulina funktioniere ganz gut, sagst du. Du meinst das nicht wirklich ernst,  aber ein bisschen eben schon. Ich mische anderen Menschen immer noch Raupen ins Essen und bilde mir ernsthaft ein, dass etwas passieren wird. Du baust vor mir dein Wolkenkuckucksheim auf, doch ich sehe nur Eckdaten, lose Gedankenbausteine ohne tragende Struktur.

Es geht hier weniger um dich und um mich sondern mehr darum, was wir sehen, wenn wir uns ineinander spiegeln. Das hier ist nicht wirklich die Begegnung mit einem anderen Menschen. Das ist die Begegnung mit einer anderen Version von uns selbst, die wir nie abgelegt haben, nur verleugnet, vergessen oder verdrängt haben. Das ist ein einziger Augenkontakt, der mich in meinen sechzehnjährigen Körper hinein katapultiert, aber nur so weit, dass sich dieser eher wie ein Kleidungsstück anfühlt als ein Körper. So drehen sich die Zeit kontemplativ im Kreis, eine Ruhebewegung, eine Sicherheit. Aber auch die intensive Gewissheit, dass dies ein unabdingbarer, unveränderlicher Teil von uns ist. Vielleicht meist von anderen Konstrukten überlagert, aber im Moment der Punkt im Orbit, um den alles kreist. Denn wir kreisen nicht wirklich um Menschen, sondern um das, was sie in uns auslösen. Du kannst den Rhythmus nicht fühlen, bevor du dich in ihm verloren hast, denn ansonsten ist es nur Musik und kein Ozean. Und solange die Echos noch an den fernen Klippen festhängen, auf denen wir die Wohnsitze der Götter vermuten, die immer nur mehr verlangen, solange wird es diese Momente des Ausbrechens und des Zurückkommens geben.

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