Sartre gegen die Seuche

Sartre gegen die Seuche

Unser aller Leben hat sich innerhalb weniger Tage fundamental verändert. Frühere Selbstverständlichkeiten existieren plötzlich nicht mehr und niemand weiß wirklich, wie schnell sich die Situation wieder normalisieren wird. Wer hätte gedacht, dass als das, was wir Alltag nennen, so schnell und so radikal verschwinden würde? Wer hätte gedacht, dass das Jahr 2020 als das Jahr des Stillstandes in die Geschichtsbücher eingehen würde? Und wer hätte gedacht, dass wir plötzlich um unsere Großeltern oder um Freund*innen mit Vorerkrankungen bangen? Vielleicht hätte man all das schon vorhersehen können, als man die Bilder aus China oder später Italien sah. Vielleicht war es offensichtlich. Aber ich habe es nicht kommen sehen. Ich wollte es nicht kommen sehen.

Ich bin ein reisender, sozialer Mensch, dem nun die Bewegungsfreiheit und die zwischenmenschliche Nähe beschränkt bleiben. Stattdessen hallt das Wort Corona durch alle meine Gehirnwindungen. Es zieht alle anderen Gedanken auf sich, wabert wie eine nebelige Masse durch all mein Tun und verhindert, dass ich mich auf all das konzentriere, was gut, schön, wichtig oder dringend ist. Ich könnte diese Zeit nutzen, um eine neue Sprache zu lernen. Endlich mehr zu lesen. Mit Freunden zu skypen, die ich zu wenig sehe. Stattdessen erwische ich mich viel zu oft dabei, wie ich mich durch fragmentarische Fakten lese, die Situation in verschiedenen Bundesländern vergleiche, mir Zukunftsszenarien auszumalen.

Dabei ist das „Sich-Sorgen“ ein aufzehrender, lähmender Prozess, kraftraubend und ohne Ausgang. Wo ich meine Kraft und meine Zuversicht doch gerade jetzt für die einsetzten sollte, die isoliert sind, die gesundheitlich angeschlagen sind, die um ihre Angehörigen bangen. Stattdessen kreiseln meine Gedanken immer um die gleichen Fragen.

Der rote Drache und der lila Wurm

Herausgerissen aus dieser geistigen Tristesse hat mich der Anruf einer Freundin, die mit ihrer kleinen Tochter in Quarantäne sitzt: und mit ihr Virus und Anti-Körper spielt. Das Spiel hat sich das Kind selbst ausgedacht und damit eine schwierige Situation in eine Abenteuergeschichte verwandelt. Eine abstrakte Bedrohung, ein Virus, wurde in ihrer Vorstellungskraft zu einem lila Wurm, dem die körpereigene Abwehr in Form eines roten Drachens etwas entgegenzusetzen hat. Der Kampf der Kuscheltiere mag albern und kindisch wirken. Doch er ist vor allem ein sehr persönlicher, aktiver Umgang mit einer außergewöhnlichen Situation.

Das hat nichts mit Schön-Reden oder Selbstbetrug zu tun, sondern ist eine ur-menschliche Fähigkeit, mit der eigenen Imaginationskraft Grenzen zu überwinden, die außerhalb des Kopfes als absolut dastehen. „Die Imagination ist keine empirische oder übersteigerte Kraft des Bewusstseins, sie ist das gesamte Bewusstsein, das seine Freiheit realisiert“, hat der französische Philosoph Jean-Paul Sartre 1936 geschrieben. Und die Fähigkeit, emotionale Trübsal in kreative Energie umzulenken, ist bei weitem nicht nur eine kindliche Eigenschaft. Sondern höchstens etwas, was viel zu viele Erwachsene verlernt haben – aber nicht alle.

Kreativität als Ausdruck unserer Freiheit

Auch heute Abend standen Menschen auf ihren Balkonen und haben ihren Nachbarn Mut zu gesungen. Menschen dichten in der Quarantäne über Pasta und Klopapier. In einem Hackerton werden bald Studierende aus allen Fachrichtungen versuchen, innovative Lösungen für drängende Probleme zu finde. Denn genauso wichtig, wie die Bekämpfung einer Pandemie und die Einhaltung der hierfür ergriffenen Maßnahmen ist es auch, dass wir alle nicht das Gefühl haben, unsere Freiheit und unsere Zuversicht zu verlieren.

Denn Freiheit ist nichts, was unmittelbar an Mobilität geknüpft ist. Freiheit ist eine Geisteshaltung. Freiheit ist die Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen, die Kunst, sich selbst zu erfinden. Diese Form der Freiheit ist viel radikale und mit sehr viel mehr Verantwortlichkeit verbunden, als dass es von äußeren Umständen abhängige Parameter jeweils sein könnte. „Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt. Denn wenn er erst einmal in die Welt geworfen ist, dann ist er für alles verantwortlich, was er tut,“ drückte es Sartre ganz drastisch aus.

Es ist nicht immer einfach, den Fokus auf die guten Dinge zu legen, auf unsere schöpferische, solidarische Seite, auf gesellschaftlichen Zusammenhalt, auf Nächstenliebe, auf all die Menschen, die gerade in den Krankenhäusern oder Apotheken dieser Welt die Gesellschaft stützen. Es ist nicht einfach, in Quarantäne zu sein, wenn draußen die Sonne strahlt. Ja: Es ist nicht einfach, zuversichtlich zu bleiben. Aber es ist wichtig. Wir können viele Dinge im Moment nicht bestimmen, nicht kontrollieren. Aber wir können bestimmen, wie wir damit umgehen. Und dazu entschließen, uns von Balkon zu Balkon Mut zuzusingen. Und jeden Tag wieder den roten Drachen über den lila Wurm siegen lassen.

 

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