Sommer in der Stadt

Ein vergessener, herrenloser Hund mit einem schwarzen und einem weißen Ohr gähnt im Schatten und schaut ein paar Kindern zu, die die Tauben auf dem Markt jagen. Und damit nicht nur diese, sondern auch die dazugehörigen Rudel Erwachsener in Unruhe versetzen. Ist man sich doch noch nicht ausreichend sicher, ob der Nachwuchs alle Regeln der Straßenverkehrsordnung ausreichen verinnerlicht hat, um sich in jeder Situation angemessen zu verhalten. Der Hund versteht das gut, dass mit dem Tauben jagen. Es ist Sommer und die Hitze glüht über dem Asphalt.

An ihm vorbei joggt ein Mann in seinen Dreißigern, so als würde er dieses Jahr zum ersten Mal seine Beine ausprobieren. Er ist wahrscheinlich einer dieser Menschen, die ihren Körper nur in gut portionierten Häppchen ausführen, dies aber mit einer Ausrüstung tun, die im Zweifelsfall auch eine Mount-Everest-Besteigung zulassen würde. Nachdem er seinen Körper den Rest der Woche ruhig gestellt hat, damit der Kopf ganz in Ruhe den wirklich relevanten Dingen nachkommen kann, läuft er nun einer optimierten, agilen Version seines Selbst entgegen. Die den optischen Vorgaben seines Umfeldes besser entspricht. Läuft gegen den Verfall und die Rettungsringe.

Ein Typ um die 15 betrachtet seinen homöopathischen Anflug eines Sixpacks in der Spiegelung der Schaufensterscheibe. Die Freundin dazu ihre Brüste, die sie wahrscheinlich noch nicht lange hat, die sie jetzt aber mit umso mehr Gewichtigkeit vor sich her tragen muss. Das Tier streckt sich genüsslich und setzt sich dann in eine sphinxartige Position, um das Geschehen besser verfolgen zu können. Seltsame Menschen. Da rennt er als sei einer hinter ihm her, schwitzt und hechelt und hat offensichtlich keine Freude. Dabei könnte er doch auch einfach liegen und schlafen oder etwas anderes spaßiges tun. Wie seine Genitalien geräuschvoll ablecken. Oder einfach die unglaubliche Vormacht, die sich aus dem Besitz von Händen ergibt ausspielen. Und ein paar verführerisch duftende Kühlschränke in der Nachbarschaft ausräumen.

Ein Student hat beschlossen, dass es heute doch eindeutig zu heiß ist für den Straßenkampf. Die Pamphlete können auch noch morgen geschrieben werden, heute ist erst einmal hitzefrei. Also hat er das Epizentrum der Systemkritik in den Stadtpark und in ein kleines Hängemattentreffen mit Bier verlegt. Eine aufdringlich riechende Hand betatscht das Hundetier ungefragt. Und redet mit ihm, als sei er geistig nicht ganz auf der Höhe. Es gibt zahlreiche Rätsel, die diese haarlosen Kreaturen einem aufgeben.

Ein Rudel freilaufender Kleinkinder, das durch die Wasserfontänenlandschaft marodiert, gluckst übermütig in johlender Freude, als die Versuche der keuchenden Mütter, die Nackideis einzuwindeln, mit immer noch frei tollenden Kindern, aber nassen Müttern endet. Der Hund muss zugeben, dass das nach einem ziemlich spaßigem Spiel aussieht. Er denkt kurz darüber nach, an diesem teilzunehmen, entscheidet sich aber doch für einen ruckartigen Kratzvorgang mit den Hinterbeinen. Ein paar angeleinte Artgenossen werden an ihm vorbei gezerrt. Manche sind von bizarrer Gestalt mit Stummelbeine und eingedrückt Nasen. Andere von sehr anstrengendem, übereuphorischem Charakter, der nach Aufmerksamkeit giert, vollkommen gleichgültig, in welcher Form diese vorbeikommt.

Würde Zeit für ihn, den Hund, etwas bedeuten, in der Form, die sie die Menschen in winzigste Einheiten zerhacken, Termine in Lücken presse und sie nicht mehr nach ihrem Gehalt, sondern nach dem Takt eines Messgeräts bewehrtet, würde ihm auffallen, dass dies der erste Sommertag des Jahres ist. Aber so sitzt er nur da und staunt das Treiben an. Vielleicht ist er ein Opfer der Sommerferien oder einfach dem Dasein als Haustier überdrüssig gewesen. Vielleicht ist er nur auf der Durchreise in den Süden. Das gelobte Land, in dem die freilebenden Hunde in der Überzahl sind. Und ihr größter Spaß es ist, die eingesperrten Kollegen zur Weißglut zu bringen. Vielleicht wird er auch in wenigen Minuten abgeholt, von irgendjemanden, der aus dem Shopping Center Labyrinth dröge heraus stolpert, angesichts des grellen Lichts, der Hitze und Mangelhaftig der Welt da draußen.

Der Asphalt dampft. Das Laufen mit bloßen Füßen über diesen fällt schon in die Kategorie des Straßenkampfes. Das Pärchen mit zweimal Brüsten und gefühlt sehr viel Sixpack hat den Selbstbewunderungsprozess abgeschlossen und hastet nun in das nächstgelegene Kleidergeschäft. Schließlich müssen Hintern, Brüste und Oberarme angesichts der erhöhten Temperaturen in angemessen wenig, aber mit dem richtigen Maß an Markennamen versehenen Stoff gehüllt werden.

Eine große Ansammlung von zwei Beinen hat zu ihrem eigenen Erstaunen festgestellt, dass das Draußen nicht nur ein transzendenter Ort ist, den man kurzzeitig betreten muss, wenn man von einem abgeschlossenen Innenraumkomplex in den nächsten will. Und dass das Wetter selbst in Deutschland diesen einen Tag des Jahres kann, an dem es weder zu heiß noch zu kalt ist. Wobei das lautstärkste und damit wahrscheinlich auch sozial leitende Mitglied der Gruppe bereits ankündigt, er könne es schon in den von Arthritis gebeutelten Knien spüren, dass werde ganz schnell wieder umschlagen. Nun liegen sie da am künstlichen Stadtstrand. Wie hin gegossen. Wie umgefallene Kegel. Und braten sich selbst in der Sonne. Mit einer bizarren Wollust entblößen sie sich. Strecken ihre Glieder, um sich der Sonne ganz auszuliefern.

Im Gras 100 Meter weiter rechts schüttelt sich eine Frau ulkig riechendes Pulver mit Wasser zusammen. Sie trinkt das gräuliche Ergebnis unter Schmerzverachtung in einem Zug. Selbst wenn er wüsste, dass sich die Frau eine Bikinifigur anzutrinken versucht, würde er das nicht verstehen. Nebenan sitzen zwei Alte in einem Eiscafe. Sie mit perfekt onduliertem Dauerwellenhelm und aus Gewohnheit inzwischen permanent geschürzte Lippen. Er mit parallel gelegten Streifen auf dem Kopf, die er aus Resthaar und Pomade gezaubert hat. Zwischen ihnen türmen sich zwei mächtige Eisbecher und sind schon im Begriff, sich zu mächtigem Schlonz zu verwandeln. Das ist der Versuch, den Zauber das raren, vergänglichen Eis aus der Kindheit zurückzuholen. Doch die Erinnerung bleibt irgendwo zwischen Sahnetürmen und bunten Schirmchen stecken.

Ein ebenfalls freilaufender Mensch (ein wesentlich sympathischer riechendes Exemplar als das vorherige, findet der Hund), läuft gemächlich vorbei. Der Hund legt sich schon einmal demonstrativ auf den Rücken. Denn da gibt es diese eine Stelle zwischen den Vorderläufen, die ganz dringend gekrault werden muss. Der Mensch zollt dem gepunkteten Bauch mit großem, gegerbten Händen Achtung. Die beiden schweigen in der gleichen Sprache.

Später hoppeln die Brüste und der Sixpack wieder ans Licht, das inzwischen schon rosig und milchig wird. Der Kleiderladen hat sie ausgespuckt. Nicht ohne die Brüste mit silbern-klimpernden Gehänge zu versehen und dem Sixpack eine neue Kopfbedeckung zu bescheren, die die Liebe zu einer Stadt bekundet, in der weder die Mütze noch ihr neuer Inhaber jemals waren. Und dafür, dass es sowieso jeder riechen kann, was zwischen den beiden in der Luft liegt, verhalten sie sich doch recht krampfig, denkt der Hund und richtet ein Knickohr auf.

Ein verkannter Barde mit Gitarre hat sich in der Fußgängerzone positioniert. Er trägt das Kreuz am Hals wie eine Rechtfertigung. Er singt von einem guten Mann mit Sandalen an den Füßen. Der Hund hat keine Meinung, was Sandalen betrifft, aber die Menschen scheint das Heulen des Sängers nicht zu ergreifen.

Niemand stimmt mit ein. Niemand antwortet dem armen Kerl, zeigt ihm, dass er nicht alleine ist mit seinem Weltschmerz. Also übernimmt der Hund das, aus gutem Herzen, jault ein bisschen mit dem krampfigen Gitarrenspieler, während sich das Menschenpulk immer weiter aufdröselt. Und der Hund irgendwann zu sehr mit sabbern beschäftigt ist, um das musikalische Machwerk des einsamen Künstlers noch weiter unterstützen zu können. Immer diese nervige Sabberei! Aber was soll man tun, wenn plötzlich alle auf die Balkone und an die Grills stürzen, dicke Fleischstücke in zähe Brocken verwandeln und diese dann mit prähistorischen Grillsaucen in Geschmacksrichtungen konsumieren, die wie Arthouse Filme klingen. Die Omnipräsenz dieses Grillgeruchs! Da kann man eben nicht anders, als dem Speichel den freien Fluss erlauben.

Am Ende des Tages, als die Hitze bedingt pausierende Revolutionsbewegung längst in die nächste Kneipe getorkelt ist, die menschlichen Steaks ausreichend durch sind, alle Kinder eingewindelt und zu Hause eingebettet wurden und Brüste und Laufleggings nur noch in Innenräumen präsentiert werden, wird der übriggebliebene Hund von einem übriggebliebenen Kind eingesammelt. Und die beiden machen sich auf, gemeinsam einen Kühlschrank auszuräubern.

 

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