Talkshow mit Sören

 

Stell dir vor, du wärst ein Wort. Der Einfachheit halber geben wir dir am besten einen Namen. Das stärkt schon die persönliche Bindung und schafft eine herrliche Identifikationsgrundlage. Das klappt schon bei Kaninchen wunderbar, gibt man ihnen einen Namen – schwups – steigen die Chancen des entsprechenden flauschigen Individuums, nicht im Schmortopf zu verenden. Also, stell dir vor du bist ein Wort und du heißt – Sören.  Mal abgesehen davon, dass niemand auf die Idee käme, sein Haustier so zu nennen.

Und dann sitzt du da, an einem herbstlichen Mittwochnachmittag bei „Wörter bei Weischberger“ und sollst der zu Beginn der Sendung noch oberflächlich einträchtigen Runde deine wichtigsten Standpunkte erklären. Schön auf den Punkt gebracht, versteht sich. Doch was sagst du dann, an was glaubst du, wofür trittst du ein, mit jedem einzelnen deiner vierzehn Buchstaben? Denn du bist Sören, Sören Nachhaltigkeit. Und dein Hintern auf dem Kunstleder bei Frau Weischberger ist ein bisschen breiter geworden, als es dein pseudo asketisches Gehabe eigentlich zuließe. „Der Ansatz der inter- und intragenerationellen Gerechtigkeit erfordert die Reduktion des Ressourcenverbauchs auf ein Level, welches die natürlichen Regenerationspotenziale nicht überschreitet“, sagst du dann vielleicht. Oder: „Wir dürfen in der Zieltrias keinen Einzelaspekt aus den Augen verlieren“. Vielleicht wirfst du auch launig deinen Lieblingsspruch ein, mit dem du markig die Massen hinter dich bringst, der mit dem letzten Fisch und dem letzen Baum und der Erinnerung daran, dass man schlechte Zähne bekommt, wenn man auf Geld herum beißt. Ja Sören, es tut mir Leid, das so offen und ehrlich zu sagen, aber du hast schon ein wenig zugenommen, in den letzen Jahren, seit du in die Politik gegangen bist.  Nicht an Substanz. Nur an Volumen.

Die üblichen Akteure, die die Talkshow nicht nur im geometrischen Sinne zu einer runden Sache machen sollen, werden dazu aufgerufen, ebenfalls Stellung zu beziehen. Niemand widerspricht Sören und Sören fühlt sich gut. Möchte man Sören sagen, das mangelnder Gegenwind weniger ein Zeichen von allgemeiner Übereinstimmung ist als von der Bedeutungslosigkeit des Gesagten, von der Abwesenheit jeglicher Kantigkeit, jeglicher Rebellion, an der sich ein Gegenüber reiben könnte? Eher nicht. Sören ist ja schon irgendwie ein dufte Typ. Nur ist er ebenso allgegenwärtig, mit seinem netten Grinsegesicht und dem selbstgestrickten Alpakapullover, der höchstwahrscheinlich mit Matcha Tee gefärbt wurde. Möchte man Sören sagen, das nicht das bereits voll ausgeprägte Umweltbewusstsein der Menschen der Debatte Relevanz und Schärfe nimmt, sondern einfach der schlichte Überdruss angesichts der sörischen Omnipräsenz? Lieber nicht. Nachher weint er noch, der Kleine. Und er hat es ja nur gut gemeint.

Dabei hat Sören doch so viel erreicht. Er hat aus einer hässlichen, überfordernden Wahrheit, die ein radikaler Aufruf zur Askese und einem fundamentalen Umdenken gewesen wären, eine ästhetische Lifestyle-Option gemacht. Sören ist dieses eine Becken im Schwimmbad, in dem man als Erwachsener noch nicht mal so richtig sitzen kann, in dem es aber so herrlich warm ist, weil so viele kleine Kinder hinein pieseln. Irgendwie, aber immerhin wohl temperiert.

Ein lustiger Jingle. Ein Überraschungsgast. Unsere Sendung, die scheut keine Mühen, nein, die zerrt sogar Tote vor die Kamera. Julia Weischberger grinst. Henry Thoreau schreitet energisch ins Studio. Thoreau grinst nicht.

„Und wie war das so bei ihnen, als sie dieses radikale Experiment gewagt haben und einfach alleine in einer Hütte im Wald gelebt haben?“, fragt die Moderatorin, die vor lauter Aufregung angesichts des hohen Gasts Stressflecken im Dekolleté entwickelt.

„Ich habe vieles gelernt. Es begann schon im Detail.“ Thoreau räuspert sich, jetzt holt er aus: „Ich hatte drei Kalksteine auf meinem Pult liegen, fand aber zu meinem Entsetzen, dass sie tägliches Abstauben benötigten, während mein geistiger Hausrat noch unabgestaubt dastand, und voller Abscheu warf ich sie zum Fernster hinaus“, sagt Thoreau. Launiger Beifall aus dem Publikum. Dann wird der Gast auch schon wieder aus dem Studio getrieben.

„… und dann habe ich das Raumklima unheimlich aufgebessert“, sagt Sören, dem man wahrscheinlich eine Anschlussfrage gestellt hat, die im Beifall untergegangen ist, „in dem ich mir diesen einzigartigen, fair upgecycelten Blumentopf aus alten PET Flaschen ins Zimmer gestellt habe und jetzt ziehe ich dort meinen eigenen Basilikum und unterstütze damit auch noch Bauern aus Myanmar“. Man muss sich schon ein bisschen anstrengen, ihm ins Gesicht zu schauen, es flimmert nämlich.  Man kann ihm ja gar nichts vorwerfen, unserem sympathischen Weltverbesserer von nebenan, bzw. das, was von ihm übrig geblieben ist, nachdem man ihm zum globalen Leitbild gemacht hat, das seine Attraktivität vor allem aus seiner Schwammigkeit zieht. Frischer Basilikum ist tatsächlich recht geil. Aber Sören und seine vierzehn Buchstaben haben ein Problem. Er ist gar kein richtiger Begriff, man hat einfach ein Lebensgefühl als Wertekatalog verpackt, das man nun käuflich erwerben kann, wie die Fertighackbratenmischung, die die zerstrittene Familie wieder in seeliger Harmonie vereint und der neue Duft, der das Mauerblümchen in einen sexy Schwan verwandelt. Aber natürlich ist Sören das alles auch, also harmoniestiftend und sexy, weil der Sören, der ist ja irgendwie einfach grundgut. Nachhaltigkeit kann alles sein, wenn du willst Manuel Neuer und deine Freundin oder eben auch mal beides gleichzeitig. Je nach Anlass. Ein Wort wie Knetmasse. Wie biologisch abbaubare Knetmasse. Glutenfrei, versteht sich. Bedeutung wie der Sinn sind keineswegs mit der gesellschaftlichen und politischen Akzeptanz gewachsen, Sören ist und bleibt ein lustiges Knetmännchen, das sich jeder an die Brust pinnen kann.

Man könnte ihm zu Gute halten, dass er eine regulative Idee ist, die mit einer sich stetig verändernden Welt und dem daraus resultierenden wachsenden Erkenntnisgewinn immer wieder neu an die Sachzwänge angepasst werden muss. Beate Alternativlos, die Expertin für Gesellschaftstransformation in der Runde freut sich, dass das Wort Sachzwänge aufgegriffen wurde und führt noch einmal schnell aus, wie fragil die aktuelle wirtschaftliche Stärke des Landes ist. Günther Leitkultur möchte außerdem in diesem Zuge darauf hinweisen, das bei allem die christlichen Werte nicht untergraben werden dürfen und ein klassisches Familiengefüge, Mannfrauzweikindereinegeliebte, immer noch die einzig wirklich erstrebenswerte Norm sei.

Sören muss jetzt, kurz vor Schluss, noch dringend über den Amur Tiger sprechen, den es zu schützen gilt. Alle finden Tiger süß und die Umweltpolitik Russlands verehrend. Gerade möchte Sören auch noch das Bienensterben in Deutschland ansprechen, das ist aber auch – hoppla – die Sendezeit schon vorbei. Zum Abschied drückt er die anderen noch mit seinen warmen, wabbeligen, normativen Armen, Knochen hat er nicht wirklich, auf derart harte Handlungsprämissen kann er sich ja nicht festlegen. Aber dafür ist er sehr integrativ, jeder fühlt sich wohl. Ein dudeliger Abspann, Julia Weischberger grinst noch einmal herzig, dann ist es vorbei.

Stell dir vor, du wärst dieses Wort. Stell dir vor, du wärst Sören. Hättest du nicht auch ein bisschen Mitleid mit dir selbst?

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  1. Sören - 4. Oktober 2017 at 20:00 Reply

    Na super, immer auf die Sörens dieser Welt 😉 Das ist zwar unfair, aber zugegebenermaßen sehr lustig! Und du hast Recht, Superlocke, der Öko-Lifestyle ist oft nur Gewissensberuhigung!

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