This is the end

Wir Menschen sind schon seltsame Konstruktionen. Auch das Zusammenspiel von Geist und Körper ist eine Frage, die mindestens seit der Antike diskutiert wird. Vielleicht bewahrt die biologische Limitierung des Körpers den Geist vor einer noch größeren Hybris? Möglicherweise wird der Körper oft als lästiges Anhängsel angesehen und dann auf Schulbänken und Bürostühlen ruhig gestellt? Vielleicht sind unsere Instinkte und das Bauchgefühl ein viel unmittelbarer Zugang zur Realität als die kognitive Konstruktion von kausalen Zusammenhängen?

Kinder nehmen sich zumeist noch als Einheit wahr, haben ein unverkrampftes, matschvespritzes Verhältnis zu ihrem Auftreten, Wirkung und Kleidung. Auch sie sind anfällig für Werbung und Kommerz, aber nicht, will sie an sich Verbesserungspotenzial erkennen, sondern eher aus purer Freude am Haben.

Aber dann, so mit dreizehn oder vierzehn, wenn einem plötzlich neue Körperteile und Haare an Stellen sprießen, für die man sich zuvor nicht sonderlich interessierte, wenn die Schulpause plötzlich zur epischen Schlacht um Helms Klamm wird, dann wird man auf einmal verletzlich. Kann von glattgebügelten, kontur- und alterslosen Ken- und Barbieabziehbildern aus dem Bildschirm oder von der Plakatwand angesprungen werden, die Individualität und Persönlichkeit aussaugen und ihre Opfer dazu bringen, von der täglichen Bilderflut überrollt zu werden. Dann liegt ihr Opfer da, umgetackelt von der Seite. Doch es gewöhnt sich überraschend schnell an diese neue Perspektive. In selbiger sehen die makellosen Masken nur noch mächtiger aus, noch fröhlicher, erfolgreicher und begehrenswerter. Aus der permanenten Wiederholung, der Omnipräsenz und in der Gemeinschaft mit den ganzen anderen Opfern, setzt sich die Vorstellung der Realität ganz neu zusammen. Unrealistisch wird erstrebenswert. Aus natürlich wird mangelhaft.

Doch bloße Bilder sind nicht ihre einzige und auch nicht ihre mächtigste Waffe, denn Emotionen dringen viel tiefer, werden tatsächlich vom Rezipienten gelebt und projizieren die Werbebilder ins innerste des potenziellen neuen Käufers. Neue Bedürfnisse säuseln in Ohren, die die tatsächlichen Leistungen des Produktes bei weitem übersteigen. Aber sie hinterlassen einen unzufriedenen, optimierungswilligen Konsumenten. Damit wächst in diesem jungen Menschen auch ein neues Gespenst heran, das Gespenst der Attraktivität. Und wird zum zentralen Bestandteil des Lebens. Es ist ein stets unzufriedener Geselle, prangert die Erfolglosigkeit in diversesten Lebensbereichen an, hat die vorherrschenden sozialen Standards verinnerlicht und singt nimmer müde werdend Lobhymnen auf die stereotypen Vorstellungen der Weiblichkeit und deren positive Effekte auf alle Lebensbereiche. Weibliche Schönheit scheint nur in ihrer Bestätigung durch einen männlichen Rezipienten zu existieren, die Frau ist wieder nur durch ihr Verhältnis zum Mann definiert.

Irgendwo in einem parallelen Universum nimmt Simone de Beauvoir Jean Kilbourne in den Arm und die beiden weinen ein bisschen. Nicht sehr, denn dazu ist die Geschichte zu alt. Dazu steht das Körperbild der Frau schon viel zu lange im Dienste patriarchischer Machtansprüche. Und Schönheit ist auch nur ein Leistungskriterium von vielen.

Spuren gelebten Lebens in Gesichtern sollen mit Cremes und Chirurgie ausradiert werden, eine Art auferlegtes Vergessen. Normierte Attraktivität macht Abweichungen zu Fehlern und nimmt Menschenkörpern die Nahbarkeit. Fassaden aus Makeup und Formunterwäsche werden aufgezogen und sollen Eigenschaften suggerieren, die in Wahrheit nicht vorhanden sind. Der Körper ist eine selbst zugewiesene und nach außen sichtbare Identitätskomponente. Gleichzeitig ist er als solche sehr instabil. Schon aus natürlichen Gründen ist er zahlreichen Veränderungen unterworfen. Aber aber, säuselt die Frau aus dem Bildschirm, du hast es doch in der Hand, du gestaltest deinen Körper! Du hast dieses formbare Medium unter deiner Kontrolle, mit dem du dich selbst inszenieren kannst! Es ist eine Art hierarchisch auferlegter Selbstdefinitionsprozess, den viele glauben zu wollen, weil sie glauben, an ihm teilnehmen zu müssen. Nur, um dann immer wieder an ihm zu scheitern, weil sie nicht den Prozess selbst wollen, sondern lediglich das Ergebnis herbei sehnen.

Vielleicht sollte die Gesellschaft sich endlich eingestehen, dass sie die Medienkompetenz, die sie sich aufgrund der Allgegenwärtigkeit derselben pro forma attestiert, eine große Lüge ist. Doch, was fangen wir jetzt mit dieser Analyse an? Nehmen wir das Problem, fassen es in Worte und verteilen es, so dass andere auch etwas davon haben? Basteln daraus ein gigantisches Phantom, das der Industrie auch noch Recht gibt, die Bedürfnisse und Zusammenhänge beschworen hat, die es zuvor nicht gab? Nehmen wir das Problem, geben ihm einen Namen und streicheln es? Mit der Zeit entwickeln wir vielleicht sogar eine gewisse Zärtlichkeit für es. Dann kann es weiterhin in den Köpfen herum grummeln. Jeder freut sich doch über ein bisschen Gesellschaft. Nein. Wir sollten es wegwerfen und davon rennen, denn dabei würden wir merken, dass auch in unseren kurzen, pummeligen und krummen Beinen die Kraft eben dazu steckt.

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