Triebsand

Triebsand, der. Substantiv, maskulin.

Gebrauch: Technolekt.

Häufigkeit: erhöht. Empfohlene Wordtrennung: Trieb|sand.

Das, was dein Herz nachts um die Häuser ziehen lässt – ohne dich. Von dir ist nur noch eine körperliche, hechelnde Hülle übrig, wenn es am nächsten Morgen zurück kehrt, um wieder in deiner Brust herumzustottern, sobald du dieses eine Gesicht erblickst, das das alles zu verantworten hat. Das, was dir das Blut aus dem Kopf fallen lässt – und die Wörter aus dem Bauch. Das, was die Royal Airforce Kunstfliegerstaffel in deinem Bauch rumoren lässt. Das, was dafür sorgst, dass du es für Schmetterlinge hältst. Das, was dich denken lässt, genommen zu werden, wie du vielleicht gemeint gewesen bist.

Ein Versprechen von Sommerfrische, in etwa so strahlend und flach wie das Grinsen der Frau in der dazugehörigen Werbung. Robot Unicorn Attack in Endlosschleife. Tagelang. Deine Empfindungen hängen einzig und allein vom Blinken oder nicht Blinken eines einzigen Symbols ab. Du hast tausend Erklärungen für Dinge, über die du im Normalfall noch nicht einmal nachdenken würdest. Es ist zwei Uhr nachts und du beschließt, dass du jetzt mindestens einen Liter Eiscreme essen musst und noch einmal die komplette dritte Staffel Sex and the City schauen solltest.

Im Setzbaukasten fehlen die Zutaten für die Liebe deines Lebens, denn du hast sie dir zusammengesetzt mit weißem Bastelkleber, und nun sitzt dir dieser fleischgewordene nächtliche Kreativitätsanfall gegenüber und du merkst wieder, warum du schon immer schlechte Noten in Kunst bekommen hast.

Das ist der Moment, in dem du erkennst, dass der Anzug zwar gut sitzt, aber die Kröte darin nicht. Und du begreifst: Eure Körper sind weniger sperrig als eure Herzen. Dein Zaunpfahl spricht eine andere Sprache als sein Morsealphabet. Aus horizontaler Perspektive siehst du leichtfüßig all die Dinge, die du einst auf deinen Wunschzettel geschrieben hast, doch vertikale Kommunikation ist eine ganz andere Kunst. Und im Moment fühlst du dich in beiden als blutiger Anfänger. Du hast einen Menschen in eine Glaskugel gesteckt und ihn mit Glitzer bestäubt und um ihn herum perfekte Miniaturhäuser gebaut. Und nun wunderst du dich, dass du ein mickriges, fröstelndes Männchen vor dir sitzen hast, mit einem Hauch von Glitzer auf den Schulterpartien. Ihr habt euch geschworen, euch keine Hoffnungen zu machen. Keine falschen Versprechungen. Indianerehrenwort. Jetzt schmierst du Kytta-Salbe auf dein Herz.

Deine beste Freundin nennt es Schicksal. Wenn du ehrlich wärst würdest du es zufälliges nach rechts wischen nennen. Du machst eine Wissenschaft aus Luftschlössern und freudschen Trieben. Du baust dir deine Hängematte aus einem fotogenen Lächeln und gut gebauten Oberarmen. Du bist blödsinnig. Das weißt du auch. Das hilft dir auch nicht weiter. Du fällst. Du richtest das Krönchen. Du erblickst den nächsten Triebsand. Stürzt dich kopfüber hinein. Mit Krönchen. Dieses Mal hast du das eine Exemplar gefunden, dass nicht so verachtenswert ist wie alle anderen. Wie immer.

Verwandte Wörter: Haltlosigkeit. Zerstörungswut. Serienmonogamist.

Antonym: Erhaltungstrieb.

 

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