Und Postman hatte Recht …

Über den Bildschirm flimmert eine Normfamilie in Normimmobilie mit Normoptik in einer Extremsituation, alle sind hysterisch und irrational. Ein weiterer, noch gebeutelt-authentischerer Superheld im superengen Spandexganzkörperstrumpf schwingt sich rettend-missmutig durch eine amerikanische Großstadt. Werwölfe und Vampire teilen ihr Kleinstadtleben und ihre Teenagerprobleme ebenso miteinander wie den geplanten Feldzug gegen das Urböse in Gestalt eines Mitzwanziger mit Hundeaugen und Designeranzug.

Kino früher und heute

Früher war Kino so etwas eindringliches. Man taumelte ohne Gleichgewicht aus einem Agentenfilm in den spätherbstlichen Nieselregen. Der Soundtrack blieb noch an einem hängen, so als hätte man eben in diesem Moment ebenfalls die lebensverändernde Nachrichten von einem alten Mann bekommen, man sei der einzige Mensch, der die Welt noch retten könne. Warum genau war ja schon immer zweitrangig. Die Figuren erschlugen einem nahezu mit ihrer mächtigen Präsenz. Der Ton dröhnte aus allen Ecken. Man hatte bereits nach wenigen Minuten vergessen, dass man weder alleine war noch an einem sonderlich glamourösen Ort, sondern in einem angestaubten Saal in einem ranzig Bahnhofsviertel.

Kino ist heute nahezu unbezahlbar und kommt mit einem vorgeschalteten, klotzigen Werbeblock daher, in den man schon den Vorspann all derer Filme ansehen kann, die man sowieso nicht anschauen möchte. Dafür sind Serien allgegenwärtig. Ein Format, dass endlich einmal die Zeit einräumt, Geschichten und Personen zu entwickeln, Dinge zu Ende zu bringen.Das zumeist die gleiche Geschichte immer und immer wieder erzählt wird,  ist so allgegenwärtig, dass es kaum noch erwähnenswert ist. Man kann und muss sie überall bei sich tragen, man will ja schließlich auch im Hostel am Ende die neuste Episode sehen. Man will Langeweile töten. Sich ich in fremden Liebeskummer suhlen. Endlich wieder einen Grund haben, dass Bett nicht verlassen zu müssen. Die eigene Angst wegspülen. Oder einfach nur eine Frau ins Bett bekommen.

Gefühle wegschauen

Es funktioniert. Man kann die eigenen, existenziellen, bedrohlichen Gefühle wegschauen. Sie betäuben. Den eigenen Körper verlassen, in ein anderes Leben hinein schlüpfen und dann in einen gefühlstechnisch leeren zurückkehren. Und genau das ist es ja auch, was viele suchen: ein bisschen sich selbst zu entkommen, dass eigene Leben leichter machen, unterhalten werden und sein eigenes Leben für eine Zeit lang verdrängen zu können.

Fantasie ist eine der mächtigsten, bereicherndsten und innovativsten Eigenheiten des Menschens. Aber das ist Konsum. Das ist die Art von Flucht, die einen wieder an den Ausgangspunkt zurück bringt.

Zwar konnte die Kathasis Theorie der Medienrezeption im Bezug auf Gewalt nie belegt werden. Trotzdem haben Menschen den Grundgedanken schon seit der Antike diskutiert. Setzt eine Reinigung von Gefühlen ein, wenn man sie im geschützten Rahmen von Kunstkonsum erlebt? Der moderne Massenkonsum von Medien und die oft ausbleibende Identifizierung mit den Charakteren deutet eher auf eine unvollständige Kathasis hin. Hier wird niemand in eine fremde Welt gezogen, hier leidet niemand mit, hier wird weder Jammern noch Schaudern erzeugt. Folglich ist das Ergebnis eher Abstumpfung als Purifizierung. Angesichts der Allgegenwart bestimmter Themen und dem sich daraus ergebenden Desinteresse wird in der Psychologie auch das Konzept der Desensibilisierung diskutiert.

Postman hatte Recht

Medienkritik ist wahrscheinlich genauso alt wie die Medien. Die des amerikanischen Medienwissenschaftlers Neil Postman war ganz besonders gründlich und einflussreich. Seine Beobachtung, dass das Fernsehen mit seiner „now this“ Präsentationsweise eine vollkommene Zusammenhangslosigkeit der von ihm präsentieren Versatzstücke unterstelle, ist trotz des Aspektes der Selbstbestimmung, den neue Medien zumindest vorspiegeln, tief in den Konsumstrukturen verankert. „Problematisch am Fernsehen ist nicht, dass es uns unterhaltsame Themen präsentiert, problematisch ist, dass es jedes Thema als Unterhaltung präsentiert“, so Postman. Und damit zum einen die Themen selbst entwertet, dem Konsumenten aber auch alle anderen Strategien zum Umgang mit schlechten Nachrichten und Gefühlen nimmt als jene der Verdrängung. Noch mehr Leid in Syrien? Now this: Das Wetter. Und dann Rosamunde, da ist die Welt ja noch in Ordnung. Als ob sie dies je gewesen wäre.

Zwar wird der Fernseher besonders unter Studenten als Auslaufmedium dargestellt, welches Verblödung hervorruft und in ihrer Generation und sozialen Schicht überwunden wurde. Trotzdem hat dieser das Medienkonsumverhalten einer breiten Masse geprägt. Das war in den 80ern so, als Postman sein bekanntestes Buch Wir amüsieren uns zu Tode heraus brachte. Auch das Verhalten der heutigen Smartphonenutzer ist stark vom Vorläufermedium geprägt. Wie immer ist es nicht das Medium selbst, sondern der Umgang mit eben jenem,  der problematisch ist. Alles ist auf individuelle und kollektive Selbstverzehrung ausgerichtet. Für die Fabrik geh ich bis Mosambik. Ebenso, wie die nie endende Form der Hintergrundbeschallung, der Bespaßung, die Abwesenheit von Stille, die oft gleichzusetzen ist mit der Abwesenheit von Freiräumen für eigene Gedanken.

Die Harmlosigkeit der Subkultur

Angebot und Genrevielfalt sind präsenter denn je. Trotzdem sind diese keine Ideenschmiede oder Hort des Wiederstandes, sondern unterscheiden sich eher in ihrer Ästhetik als ihren Inhalten vom so genannten Mainstream. In einer selbsternannten ideologiefreien Ära ist Identitätsstiftung durch Abgrenzung von Subkultur stark eingeschränkt, die in vergangenen Jahrzehnten oft Initalzündungen zu gesellschaftlichen Veränderungen boten. Stattdessen können sich jegliche Lifestylegruppen, egal wie sinnvoll ihre Grundüberzeugungen sind, auch einer Einverleibung durch kapitalistische Verwertbarkeit nicht entziehen.

Die distanzierte Zuschauerhaltung hat sich längst außerhalb des Medienkonsums breit gemacht. Systeme und Zusammenhänge werden als zu komplex empfunden, um überhaupt durchdringbar zu sein. Ganz nach Postman – wir informieren uns zu Tode. In bester Kafka Manier wird stets auf eine diffuse höhere Ebene verwiesen, die mit der jeweils darunter liegenden nur marginalen Kontakt hat. Von der man zwar bestimmt ist, die man aber nicht in der Lage, sie  zu begreifen.

Kapitalismus und Medien

Neoliberales, individualitätszentriertes Denken lässt gesellschaftliche Phänome unsichtbar werden, verhindert die  Aufdeckung struktureller Probleme und macht Opfer zu Verantwortlichen. Jeder hat das Gefühl, auf alle Informationen zurückgreifen zu können. Doch die wenigsten fühlen sich in der Lage, diese erstenmal zu filtern. Versatzstücke zu einem Gesamtbild auszubauen und dieses dann auch noch zu verdauen. Darauf fußen diffuse Bedrohungsempfindungen und Feindkategorien ebenso wie die Schwerfälligkeit der Zivilgesellschaft. Die führt wiederum dazu, dass Menschen überfordert sind und einfache Lösungen suchen. Und eine davon ist, den eigenen Gefühlshaushalt zu betäuben. Denn Gefühle sind und bleiben eine schwierige Angelegenheit. Aber ist das wirklich ein Grund, sie outzusourcen und lieber im Konsum auszuleben? Nein. Und Postman hatte Recht.

Leave a Reply

Your email address will not be published.

*