Kafka

Von Inspirationsekstase und literarischer Dürre

In der Nacht auf den 23. September 1912 bringt ein junger Tscheche in acht Stunden eine Novelle zu Papier, in der er sich schlagartig thematisch und stilistisch selbst findet. Ein Künstler im Tätigkeitsrausch, eine ekstatische Trance des Schriftstellers, ein temporäres Verweilen in einem zeitlich und räumlich abgekoppelten geistigen Raum. Ein Unendlichkeitsgefühl. „Nur so kann geschrieben werden, nur in einem solchen Zusammenhang, mit solcher vollständigen Öffnung des Leibes und der Seele“ [1], schreibt Frank Kafka euphorisiert durch das Erlebnis, den schöpferischen Akt des Schreibens. Die Vorstellung, dass künstlerisches Schaffen nicht nur aus dem Menschen kommt, sondern vom Einfall eines höheren, nicht greifbaren, nahezu göttlichen Moments getriggert wird, ist schon bei den vorsokratischen Philosophen zu finden. Cicero bewegte in diesem Kontext beispielsweise die Idee, dass der Poet von einer externen Macht ergriffen wert, derer er hilflos ausgeliefert ist und die er selbst nicht erfassen kann. Eine ungeheure Konzentration auf das eine, die den Künstler in sein Werk hinein saugt, ihm aber auch einiges abverlangt. „Die Geschichte ist wie eine regelrechte Geburt mit Schmutz und Schleim bedeckt aus mir herausgekommen“[2], wird er später in seinem Tagebuch zu jener Nacht im September vermerken.

Dieser kurzzeitige Zustand, in dem Schöpfer und Werk nahezu verschmelzen, bohrende Selbstzweifel und eigene Kritikinstanzen schweigen und Handeln und Bewusstsein soweit verwachsen, dass keine Außenwelt mehr zu existieren scheint, brachte Kafka dazu, dem gewöhnlichen Leben asketisch immer mehr zu entsagen und sich zunehmend aufs Schreiben zu konzentrieren. Vormittags war er im Büro, nachmittags schlief er, die Nacht widmete er der Arbeit. Sein Schaffen stellt er zeitweise über sein Leben. In seinen Tagebüchern stilisierte er dies als Aufopferung für die Kunst. Dabei wurde er auch von Schreibblockaden und unfruchtbaren Phasen gequält, die ihn tief trafen. „Kein Wort fast, dass ich schreibe, passt zum anderen, ich höre, wie sich die Konsonanten blechern aneinanderreihen […]. Meine Zweifel stehen um jedes Wort im Kreis herum, ich sehe sie früher als das Wort, aber was denn! Ich sehe das Wort überhaupt nicht, das erfinde ich.“ [3] Das kurze Aufflackern der Genialität machte die Phasen, in denen sie nicht vorhanden war, nur noch kläglicher.

Die Überwältigung eines Künstlers durch eine Idee, deren Ursprung er sich meist nicht zu erklären weiß, hat zu einer Mystifizierung des Kreativen beigetragen. Die Tatsache, dass kein Genie vierundzswanzig Stunden sieben Tage die Woche Bahnbrechendes leistet und dass die meisten Künstler nur eine sehr kurze herausragende Phase aufweisen können, hat nur zur Faszination beigetragen. Die mythologische Figur der Muse illustriert dies seit der Antike. Max Ernst geht sogar so weit, dem Künstler das Schöpferische abzusprechen und ihn als reinen Zuschauer zu bezeichnen, der der Entstehung seines durch unbewusste Prozesse wie Träume inspirierten Werkes nur beizuwohnen vermag [4]. Der Künstler benötigt eine externe Quelle, die aber auch wesentlich banaler interpretiert kann, gerade wenn man an den Genussmittelkonsum großer Schriftsteller wie Hemmingway denkt, ergibt „die chemische Analyse der sogenannten dichterischen Inspiration […] neunundneunzig Prozent Whisky und ein Prozent Schweiß.“ [5]

Die Erzählung „das Urteil“, die in jener Septembernacht entstand und bahnbrechend für Kafka selbst, wie auch die Weltliteratur war, ist surreal, überraschend und lässt viele Deutungen offen – und steht damit symptomatisch für Kafkas Gesamtwerk. Das radikale Ende der Geschichte, die einen Vater-Sohn-Konflikt ins Zentrum stellt, lässt ein breites Spektrum von Interpretationen zu. Treibt der Vater den Sohn in den Selbstmord? Geht es um tödliches Scheitern und absolute Fremdbestimmung? Oder schafft der Protagonist den Abnabelungsprozess vom einengenden Elternhaus in einer rituellen Wiedergeburt? Die Geschichte bietet eine Fülle an Anknüpfungspunkten für Erklärungsansätzen. Sie bekräftigt und entkräftet aber gleichermaßen alle und keinen. Oder, wie es Adorno ausdrückte: „Jeder Satz spricht: deute mich, und keiner will es dulden.“[6]

Kafkas Texte sind durch die Sprache, Bildhaftigkeit und die geringe Länge oberflächlich sehr zugänglich. Gleichzeitig schafft er eine fragmentarische Welt mit nüchtern-teilnahmslosen Erzählern, denen kaum zu trauen ist voller bizarrer Regeln, die von den Protagonisten nicht tiefgreifend hinterfragt werden. Kafkas Figuren sind in eine rätselhaft bedrohlichen Parallelwelt hineingeworfen worden, die von Machtbeziehungen durchzogen wird, die ebenso vage-unklar-schwebend wie absolut zu sein scheinen. Damit ist Kafkas Werk, das sich jeder Eindeutigkeit entzieht, auch vor allem eine radikale Anforderung an den Leser, aktiv und denkend zu lesen.

 

 

[1] Franz Kafka, Tagebücher 1910-1923, hg. V. 1986, 214.

[2] Franz Kafka, Tagebucheintrag vom 11. Februar 1913.

[3] Wendelin Schmidt-Dengler, Norbert Winkler: Die Vielfalt in Kafkas Leben und Werk. Vitalis 2005, S. 57.

[4] Stichwort „Inspiration“ in: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 4, Basel 1976, Sp. 404–406.

[5] William Faulkner, zitiert in: Standard, 23. März 2006

[6] Theodor W. Adorno: Aufzeichnungen zu Kafka. In: Adorno: Prismen – Kulturkritik und Gesellschaft. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1969, S. 304.

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