Jane Austen Buch

Warum Jane Austen wenig mit Romantik zu tun hat

Es gibt nur zwei relevante Themen in der Literatur, und zwar Liebe und Tod, hat der Literaturkritiker Reich-Ranicki einmal gesagt. Eine Autorin hat sich scheinbar ganz besonders intensiv mit ersterem auseinander gesetzt: die Engländerin Jane Austen. Auf dem ersten Blick liefert sie den perfekten Stoff für ein Hollywood Flimmermärchen. Entsprechend hat Hollywood auch einige Filme auf Basis ihrer Romane gestrickt. Die typischen Austen Protagonistinnen kommen meist aus dem gehobenen ländlichen Bürgertum. Sie werden in Folge verschiedener Krisen und Probleme zu „vernünftigen Damen“. Die im Handlungsverlauf den Mann ihrer Träume erkennen und sich glücklich heiraten?

Diese Sichtweise mag sich zwar aufdrängen, ist aber ein wenig zu kurz gegriffen. Warum verliebt sich die Heldin Elisabeth Bennet in Austens bekanntesten und schon zu Lebzeiten gelobten Werk „Stolz und Vorurteile“  ausgerechnet dann den grimmigen Mr. Darcy, als sie sein Anwesen, sprich das Ausmaß seines Vermögens sieht? Die ökonomische Komponente des Heiratsmarktes ist nicht aufdringlich, aber doch zwischen den Zeilen sehr präsent. In „Sinn und Sinnlichkeit“ werden die Vermögensverhältnisse, die sich zwischen Elinor und ihrem Edward durch eine Heitat ergeben werden, ebenso detailliert wie ernüchternd erörtert. Soziale Kritik in der Regency Epoche durch eine Autorin? In Mansfield Park wagt es die Heldin, scheinbar nebenbei, den Onkel nach dem Ursprung seines Reichtums zu fragen. Während dem Leser die Schockstarre der Verwandtschaft, die über dessen Beteiligung am Sklavenhandel weiß, zwischen den Zeilen entgegen springt.

Realismus statt Romantik

Austen ist keine verklärte Romantikerin und auch keine Rebellin. Sie ist vor allem  eine ausgezeichnete Beobachterin. Die Bücher sind in erster Linie penible Sittengemälde der so genannten Gentry, einer feinen, schwer abzugrenzenden ländlichen Klasse, die verzweifelt versucht – trotz etwaiger finanzieller Nöte – sich selbst zu repräsentieren und so vom „einfachen“ Menschen abzuheben. Der wichtigste Punkt hierbei ist, auf keinen Fall mit körperlicher Arbeit in Beziehung gebracht zu werden. So flanieren die Familien durch das nachmittägliche England, werden zum Tee eingeladen, laden ein, tratschen, jagen, kleiden sich ein, gehen auf Bälde und ganz wichtig, präsentieren sich selbst vor ihrem eigenen Stand in Bath. Sie vegetieren in einem seltsamen Käfig aus selbstauferlegter Langeweile vor sich hin. Den sie mit lauter anderen teilen, die in der gleichen Situation stecken, die sie aber menschlich zum Großteil als unerträglich empfinden. Womit sie eine neue Freude des Alltags aquirieren: das Lästern.

Diese seltsamen aber auch selbst verschuldeten Handlungsbeschränkungen durchziehen alle Werke der Autorin. Ihre Bücher spielen auf engstem geographischen Raum und leben davon, dass die Autorin dieses Umfeld zum einen minutiös kennt. Zum anderen aber über genug Abstraktionsvermögen und Spitzfindigkeit verfügt, um die Absurditäten deutlich zu machen. Jene, die Jane Austen Bücher mit der rosaroten Brille lesen, mögen diese Passagen als langatmig und redundant erleben. Doch die Autorin  macht vor allem eines: sie schreibt realistische Werke über ihre eigene Lebensrealität. Daher und aus der präzisen Sprache, die nahe am Menschen ist, ziehen die Bücher ihre eigentliche Faszination und Zeitlosigkeit.

Die Rolle der Frau in der Gentry

Heiraten ist ein Abwägen der wenigen Handlungsspielräume der Frauen. Ein Markt. In dem vor allem auch die Familie kräftig mit mischt. Ein Strategiespiel in den Grenzen dessen, was aufgrund der Erwartungen des eigenen Umfeldes und der finanziellen sowie sozialen Stellung möglich ist. Der geschickt verhandelte Wechsel von einer Bevormundung in eine andere. Eine gute Heirat hat nichts mit suchen, finden und ehelichen eines Seelengefährten zu tun. Es ist die einzige allgemein akzeptable Möglichkeit für diese Frauen, eine abgesicherte und anerkannte gesellschaftliche Stellung zu aquirieren. Und um zu verhindern, dem Wohlwollen der betuchten Verwandten lebenslänglich ausgeliefert zu sein begibt man sich eben in das Wohlwollen eines Mannes, der hoffentlich den eigenen Handlungsspielraum mit Geld, Einfluss und Güte erweitern kann.

Jane Austen geht mit diesem Sachverhalt ungeschönt und ehrlich um. Und ist damit eine frühe Stimme, die die gesellschaftliche Randposition der Frauen nicht aktiv kritisiert, aber zumindest sehr klar auf den Punkt bringt. Und selbst zeitlebens keine Ehe einging. Ob aus Überzeugung, Pragmatismus oder Protektionismus ihrer Tätigkeit als Autorin ist nicht bekannt. Die Frage hat aber wiederum die Romantiker hervor gelockt, reihenweise Bücher über die Autorin selbst zu schreiben. Ihre wirklichen Gedanken diesbezüglich hat sie mit 41 Jahren ins Grab genommen.

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