Warum Locken wirklich rocken

Gleich zu Beginn des Textes erst einmal eine steile These: Locken sind die charakterbildenste Form aus der gesamten Familie der Frisuren. Warum? Das ist leicht zu begründen. Weil sie jegliche Form von Konformismus zu Nichte machen, auch wenn zuerst nur optisch. Man betritt einen Raum und die Haare liegen zuverlässig so, als sei man hinein gestürmt worden. Man kann so aussehen, als käme man frisch von einer durchtanzten Nacht oder sei gerade erst aus einem da Vinci Gemälde gehüpft, hoffnungslos übernächtigt oder nach durchgeregnetem Pudel, nach Barockperücke oder tantenhafter Helmfrisur. Aber nie nie nie wird man es schaffen, einfach nur ordentlich auszusehen. Denn nach zwei Sekunden wird sich irgendwo eine Locke hervor kringeln und laut „ätsch“ schreien. Ein Teil wird aus der meisterlichen Komposition des Knappen der Frisörinnung ausbrechen und damit das Gesamtkonzept Hochsteckfrisur in einen heimeligen Nistplatz verwandeln, ein Auffangbecken für allerlei gefiederte Bewohner der roten Liste.

In dieser seltsamen Pubertätsphase, in der es die Intention sämtlicher mit Hormonen voll gepumpter Mädchen zu sein scheint, exakt gleich auszusehen, kann man sich sonst wie mit Glätteeisen und chemischen Schaumcocktails ans Haupthaar gehen, man wird immer noch die Gelockte unter den Pickligen bleiben. Die Polarität in jedem Gruppenfoto, das bin ich. Aus dieser absoluten Unfähigkeit heraus, in der Menge zu verschwinden und einfach wie alle anderen gegen den Strom zu schwimmen, muss man sich wohl oder übel frühzeitig eine Persönlichkeit zulegen. Haarmode findet ohne mich statt. Ich bin frisurlos  glücklich. Eine tolle Designerspülung oder ein schottischer Platzregen führen in etwa zum gleichen Endergebnis. Und all die Zeit, die ich habe, weil ich gar nicht erst versuche, so zu tun, als hätte ich mich bemüht, so etwas wie einen Scheitel zu ziehen.

Manche halten sich einen Hund. Ich halte mir Locken. Das kommt am Ende auf so ziemlich dasselbe heraus.  Man wird ein Leben lang gefragt und ungefragt an den selbigen begrabbelt werden, wie jener Hund, den ich nicht habe. Man muss andauernd über sie mit anderen reden, ob man möchte oder nicht. Sie sind überall, auf dem Kopf, in den Augen,  an den Wollmänteln aller Anwesenden gleichmäßig verteilt. Jeder Staubsauger leidet mehr unter mir als durch die Anwesenheit eines richtigen Haustieres.

Wir haben eine Konplizenschaft, ich und meine Haare. Ich lasse ihnen ihren Willen und sie sind meine Rüstung gegen die Außenwelt. Im Sommer geben sie Schatten und im Winter warm, bei Liebeskummer Sichtschutz und bei Anflügen von Langeweile sind sie der beste aller Fidget Spinner. So machen wir uns die Welt onduliert, glauben an Kringel und Springkraft und Resilenz gegen die Glätteeisen Mafia.

Locken sind schließlich mehr als ovale Follikel, Locken sind eine anerkannte Weltanschauung. Eine Passion. Man kann hauptberuflich in der Duschvorhang Industrie beschäftigt sein. Und trotzdem ist man doch immer im Herzen im Anti-Lockenwickler-Lobbyismus tätig, zumindest ein stummer Unterstützer  diverser Großkampagnen gegen die Dauerwellen Fanatiker. Man ist das gefleckte Pony, das ausgemustert wurde und eine laufende Luftfeuchtigkeitsanzeige. Man ist ein wandelndes Pamphlet gegen die Uniformität, die Gleichmacherei der Menschen, den Einheitsbrei.

2 comments to “Warum Locken wirklich rocken”

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  1. Magnus - 1. Juni 2018 at 13:43 Reply

    Hihi, ich habe auch Locken und kann das total nachvollziehen! Gut geschrieben, weiter so!

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