Was bleibt?

Die meisten Städte hinterlassen keine Abdrücke, wenn man sie verlässt. Ob die Standartmittelstadt mit ihrer immer gleichen Einkaufszeile, den brav aufgefädelten Mehrfamilienhäusern in lebensverneinenden Grautönen und den Menschen, die sich allesamt gegenseitig zur Unterhaltung dienen oder London und seine zehn Millionen, chronisch im Stau stehenden Einwohner. Hat es dich angerührt, den Buckingham Palace zu sehen? Erinnerst du dich an die Tower Bridge oder doch eher an das zeternde Pärchen, das dort publikumswirksam aneinander herummäkelte? Haben sich die Pyramiden von Gizeh in deinen Kopf eingebrannt oder doch eher die Schmerzen vom aus der sehr brennenden ägyptischen Sonne resultierenden Sonnenstich? Wirst du deinen Enkeln von der Rialtobrücke vorschwärmen oder doch eher von den Augen des Eisverkäufers in einem insignifikanten Dorf? Der warme Braunton wird dir in Erinnerung bleiben. Die Rialtobrücke bleibt ein Standbild aus der Google Suche ohne Gerüche.

Diese Reisen beantworten dir keine Fragen. Sie beschleunigen weder deinen Körper noch deinen Geist. Sie sind mit siebenundsiebzig Weltwundern angefüllt, aber mit keiner einzigen Begegnung. Nicht, dass sie nicht auch lohnenswerte Eindrücke hinterlassen. Aber in Paris ist es die Feindseligkeit in der Metro und nicht der Eifelturm, die mich etwas über das Leben dort gelehrt hat, in Venedig sind es die spielenden Kinder im Hinterhof, die mir das Gefühl gegeben haben, eine Verbindung zu diesem Ort zu haben. London ist wie ein gigantischer Freiluftfreizeitpark, eine Truemanshow, in der man selbst den Statisten gibt, eine Filmkulisse, die gerade für Besucher freigegeben wurde. Amsterdam spielt mit Abgründen, ohne noch wirklich schockieren zu können. St. Petersburg sagt mehr über Europa als über Russland aus.

Trotzdem gibt es die Städte, die von Geschichte getränkt sind. In denen man keinen ausgeklügelten Plan braucht, um in den sehenswerten Bereichen zu bleiben, sondern die zum anarchischen Schlendern geeignet sind. In denen die Steine flüstern können, weil sie seit hunderten Jahren in Gassen liegen, in denen heute noch die Wäsche quer darüber gespannt wird. Man streift nachts durch die engen Straßenzüge und entdeckt. Andere Menschen auf unbekannter Mission, Skulpturen mit verzerrten Gesichtern, ein halb vergessenes Lied im eigenen Kopf. An solchen Orten zu sein macht einem selbst zu einer aufmerksameren, inspirierteren und emotionstieferen Version seiner selbst. Wer jemals morgens um sechs aus einem Fernbus am Termini in Rom gepurzelt ist, aus einem Grehound am Hudson River gekrochen oder aus dem Nachtzug in Kiruna gefallen ist, weiß, was ich meine.

Städte, in der man zu seiner eigenen Unterhaltung existiert und nicht zu der anderer. Rom ist eine der Städte, die auch aus einem Märchenbuch entsprungen sein könnte: nicht, weil sie makellos oder perfekt sein würde, sondern, weil man ihr Überraschungen zutraut, die in der normalen Matrix der Alltagsroutine keinen Platz haben. Sie ist eine aus der Kategorie phantastisch. In Rom sind die Straßenzüge mit Narrativen getränkt, von den Hügeln hat man das Gefühl, in die Geschichte Europas zu Blicken und in den Kneipen wähnt man sich, schon immer dort gewesen zu sein. In New York existieren Miniaturwelten in Blocks, Parallelwelten gleiten aneinander vorbei, berühren sich kaum, erzeugen aber ein interessantes Maß an Reibung, faszinieren sich aber gegenseitig. Sie ist eine Stadt der monströsen Gattung, die einerseits immer weiter zu wachsen und Boden unter exponentionellen Betonmengen zu vergraben droht, deren Kollaps aber mit seinen Druckwellen Gewaltiges nieder reißen würde. Kiruna wiederum gehört zur Familie der Enden der Welt. Die Stadt ist Produkt des reinen menschlichen Willens. Wie sonst hätte sie sonst an diesem Ort ausharren können. Sie erzählt das wahre Lied von Eis und Schnee.

Diese Orte demonstrieren, was der Raum mit dem Menschen machen kann. Dass das Leben in unterschiedlichen Geschwindigkeiten von statten gehen kann. Dass das Reisen, das in-Bewegung-sein keine Brummkreiselrotation sein sollte, sondern einem an Gefühle bringen sollte, die wo man kaum beschreiben kann. Sie führen den Wanderer an die Ausgangsmotivation all seiner Rastlosigkeit zurück: Den Wunsch, zu verstehen, wie man anders leben kann, wie man geworden ist, wer man ist und wer man an einem anderen Ort sein kann. Vielleicht sind es genau aus diesem Grund Städte, in denen ich im Kontrast zu vielen anderen nicht leben wollen würde. Ich hätte Angst, sie durch die Banalität meines eigenen Alltags für mich selbst zu entweihen und ihnen die Magie zu rauben, die man ihnen nur mit dem Auge des Fremden abringen kann.

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