Wer den Schnee ehrt

Der erste Schnee ist viel mehr als ein einfacher Wetterumschwung, er ist eine magische Erfahrung. Man legt sich in der einen Art von Welt schlafen, in einer Stadt voller trister, betonierter Flächen mit kahlen Bäumen und grimmig dreinblickenden, hastenden Menschen, um in einer anderen zu erwachen. Die neue Stadt ist in perfektes weiß gehüllt und steckt voller Versprechungen.

Denn Schnee ist weit mehr als hübsch. Er erobert der Natur für eine gewisse Zeit die urbanen Gefilde. Es säubert nicht nur die Welt und unsere Sinne, in dem er sich über die kaskadierenden Grautöne legt, sondern nimmt auch die dröge visuelle Vertrautheit, so dass man auf einmal gezwungen ist, sich wieder mit seiner Umgebung auseinander zu setzen, statt nur in ihr umherzutrotten. Sonst ausgetretene Pfade werden zum Spurenlesenrätsel. Bis der erste Hund fröhlich in denselbigen pieselt. Oder ein Söldner des öffentlichen Dienst seinerseits dunkle Magie walten lässt und Schnee unter Anwendung von Salz in Matsch verwandelt.

Eine klassische Rudelwetterlage

Dabei ist Schnee vielleicht die infantilste Wetterlage, die das irdische Repertoire zu bieten hat. Während vereiste Straßen und eingeschneite Automobile dem braven Arbeitnehmer Kummer bereiten und Verkehr und öffentliche Ordnung zum erliegen bringen, bibbern Schüler an Bushaltestellen und hoffen, dass der Bus nicht kommt, damit sie das tun können, wofür der Schnee erfunden wurde. Antiheteronormative Schneemenschen bauen. Sich einträchtig mit dem Hund des Hauses zusammen im selbigen Wälzen. Oder sich Kufen unter Füße oder Hintern schnallen und damit über Seen schlittern oder Berge hinunter.

Natürlich im Rudel. Während Regen Menschen zu Einzelkämpfer auf dem Weg von A nach B macht, die sich einen Schirm vors Gesicht klemmen und über Plätze hasten, während Wind den Menschen die Gespräche in Fetzen zerreißt und die Sonne so lange auf den Schädel brennt, bis das Denken komplett nicht mehr möglich ist, ist Schnee eine klassische Gruppenwetterlage. Fröhliche Kinderhorden hüpfen durch Hinterhöfen und fangen Flocken. Gleichzeitig bleiben Bahnreisende dank geschädigter Oberleitungen in Orten wie Bassum stecken, die sonst wahrscheinlich schon längst in Vergessenheit geraten wären und brechen die virtuellen Glasscheiben zwischeneinander, um aufgeregt schwatzend über Wetter und Bahn zu einer kurzzeitigen, verschworenen Einheit zu verschmelzen.  Familienväter mit Fotoapparaten hechten aus der warmen Stube, um den Anblick für das Familienalbum festzuhalten. Schnee ist ein retadierens Moment, das uns kurz vor Augen führt, welchen unheimlichen Spaß man mit kleinen Dingen haben kann.

Der Einfall der Krassheit ins urbane Gefilde

In stillem Taumel fallen die eisigen Kunstwerke in Hände, auf Nasen und Mützen. Frischgepudert, als hätte die Erde zur Feier des Tages Makeup angelegt, sind die urbanen Auswüchse der Hässlichkeit unter oppulenter Pracht begraben. Aber inmitten all dieser durch ein bisschen gefrorenes Wasser induzierten Bildsprache, die man am besten mit einem Rolf-Zuckowski-Soundtrack unterlegen könnte, gibt es noch die andere Komponente. Schnee ist einsam, er ist autark, genügt sich selbst. Die ganze Welt scheint nur noch aus einem Ding zu bestehen. Er kann Infrastrukturschlüsselstellen blockieren und Menschen in die physische Isolation treiben.

Plötzlich haftet kleinen Ausbrüchen aus dem Alltag der Nachgeschmack des Überlebenskampfes an, man wird zum mächtigen Krieger gegen die epischen Naturgewalten des Winters. Damit werden kleine Dinge zur Krassheit. Die Kälte zwickt einem in die Seite, das Eis droht, den sicheren Schritt entgleiten lassen und der erbarmungslose Wind zerrt einem an den Wangen und verlangt einem Ehrerbietung ab. In diesem Moment wird einem wieder klar, dass man nicht dafür gedacht gewesen ist, unter diesen Bedingungen zu überleben. So ist ein Gang durch einen Schneesturm wie eine kleine Metapher der menschlichen Hybris. Diese kann man sich anschließend mit heißer Schokolade schöntrinken und mit der vorweihnachtlichen Lichteroffensive in eine romantische Fantasie verwandeln kann.

Wer den Schnee ehrt, kann sich gleichzeitig in dessen Casper-David-Friedrichesken Wirkungsästhetik verlieren und angesichts von steifen Minusgraden erschauern.  Mit Disneymusik in den Ohren Hänge hinunter kullern und in einsamen Hütten pseudophilosophische Gedanken heranzüchten. Wer den Griesgramismus perfektionieren will kann angesichts von Kindergeschrei ein paar zahme Depressionen hegen. Wer jedoch immer alles positiv sehen muss findet vielleicht in einem Abonnement am Glühweinstand tatkräftige Unterstützung. Nur eines ist unmöglich. Die Tatsache nicht wahrzunehmen, dass sich die Welt in wenigen Stunden mittels eines bisschen gefrorenen Wassers  in einen Ort vollkommen neuer Möglichkeiten verwandelt hat.

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  1. Martina - 11. November 2017 at 04:54 Reply

    Just in time, passend zum Kälteeinbruch 🙂

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